Freida Pinto

Ich habe zwei linke Füße

Freida Pinto und Tänzer Afshin Ghaffarian, dessen Geschichte dem Film zugrunde liegt, in Cannes 2013. Foto: Senator Filmverleih
Im Drama "Wüstentänzer" spielt Freida Pinto eine tanzbesessene junge Iranerin, die heroinabhängig ist. Mit "Slumdog Millionaire" wurde sie 2008 weltberühmt, doch diese Rolle war die größte Herausforderung ihrer Laufbahn, erzählt Pinto im Interview.

Mrs. Pinto, bisher haben Sie ausschließlich in internationalen Filmproduktionen mitgespielt. Wie sehr werden Sie in Ihrer indischen Heimat als Star verehrt?

 

Um ehrlich zu sein, gar nicht! Warum? Weil ich noch nie in einem Bollywood-Streifen dabei war (lacht). Aber das stört mich nicht, im Gegenteil. Ich bin ganz froh, zuhause kein Star zu sein. Erstens bin ich so nicht aufgewachsen, und niemand in meiner Familie war je ein Star.

 

Info

 

Wüstentänzer - Afshins verbotener Traum von Freiheit

 

Regie: Richard Raymond,

104 Min, Großbritannien 2014;

mit: Freida Pinto, Reece Ritchie, Makram J. Khoury

 

Website zum Film

Zweitens kann ich mich dort ganz unbefangen bewegen, etwa ins Restaurants und ins Kino gehen – ohne dass jemand Notiz von mir nimmt. Es würde mir auch bestimmt keinen Spaß machen, immer von Bodyguards begleitet zu werden.

 

In Filmen wie „Lunchbox“ mitspielen

 

Würden Sie denn gern einmal in einem Bollywood-Film mitspielen?

 

Definitiv, denn man spürt neue Impulse in der indischen Filmindustrie, wenn ich beispielsweise an „Lunchbox“ denke; bereits in den 1980er Jahren gab es einen ähnlichen Trend. Es würde mich sehr stolz machen, irgendwann einmal in einem Film von der Qualität wie „Lunchbox“ mitspielen zu können.

 

Wusste anfangs wenig über das Thema

 

Aber jetzt sind Sie erst einmal als iranisches Mädchen zu bewundern, das dem Tanz verfallen ist. Ist das eine ungewöhnliche Rolle für Sie?

 

Als ich das Drehbuch las, fand ich es sehr mutig und zeitgemäß, obwohl ich mich gleichzeitig gefragt habe, warum ich davon so wenig wusste. Mir ist das aber schon öfters beim Lesen von Drehbüchern passiert. Dann fange ich an, andere Sachen über das Thema zu lesen, um möglichst viel über die Hintergründe zu erfahren. Je mehr mein Interesse geweckt wird, desto größer wird meine Hingabe an die Rolle, die ich spielen soll.


Offizieller Filmtrailer


 

Alle Mädchen sind sich ähnlich

 

Wie konnten Sie sich als Inderin überhaupt in eine Iranerin hineinversetzen?

 

Das war wirklich nichts Fremdartiges für mich, weil es für mich noch nie einen Unterschied ausgemacht hat, ob ich nun eine Inderin, eine Amerikanerin oder ein Mädchen von sonst woher verkörpere. Die Kulturen können verschieden sein, doch alle Mädchen sind sich ähnlich; egal, aus welchem Land zu stammen.

 

Sie haben alle die gleichen Sehnsüchte und Vorstellungen über das Leben. Sie reden gern über Mode, über Jungs, über die Liebe – darin sind alle Mädchen auf der Welt gleich. Für mich war es eine willkommene Gelegenheit, eine Iranerin zu spielen und damit ihre Kultur kennenzulernen.

 

Für Video zu Pop-Song in Haft kommen

 

War Ihnen vorher bekannt, dass öffentliches Tanzen in Iran verboten ist?

 

Mir ist es wirklich schwer gefallen, das zu glauben! Es ist aber auch kaum zu verstehen, dass es in unserer Welt einen Flecken Erde gibt, wo das Tanzen abgelehnt wird. Erst kürzlich sind in Iran junge Menschen in Haft gekommen, weil sie es gewagt haben, ein Video zu dem Song „Happy“ von Pharrell Williams zu drehen.

 

Das passiert also nicht nur in unserem Film, sondern hier und heute. Insbesondere für uns Schauspieler ist verdammt traurig, dass es noch Länder gibt, in denen man sich nicht künstlerisch ausdrücken darf.

 

Ausdrücken, was junge Iraner fühlen

 

Dann dürfte es Ihnen ein besonderes Bedürfnis gewesen sein, mit „Wüstentänzer“ darauf aufmerksam zu machen.

 

Absolut! Ich habe mir stets vorgestellt, dass meine Figur eine real existierende Person ist. Für mich repräsentiert sie die heutige Jugend in Iran. Zumindest sah ich in meiner Rolle die Chance, nicht nur ein einzelnes Mädchen zu spielen, sondern das auszudrücken, was die junge Generation in Iran fühlt. Es hat sich gewiss gelohnt, die Geschichte von „Wüstentänzer“ zu erzählen; ich liebe meine Rolle, die für mich bisher bestimmt die größte Herausforderung war.

 

Hartes Training für Tanz-Szenen

 

Auch in Hinblick auf Ihre eindrucksvollen Tanz-Szenen?

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Wüstentänzer" von Richard Raymond

 

und hier einen Bericht über den Film “Sharayet – Eine Liebe in Teheran”  – lesbisches Coming-Out im Mullah-Regime von Maryam Keshavarz

 

und hier einen Beitrag zum Film Huhn mit Pflaumen – Bildungsbürger-Melodram im Teheran der 1950er Jahre von Marjane Satrapi 

 

und hier eine Rezension des Films “Jahreszeit des Nashorns” - brilliantes Polit-Psychodrama über Exil-Iraner in der Türkei von Bahman Ghobadi.

 

Dafür musste ich wirklich hart trainieren. Praxis und gute Ratschläge haben mir geholfen, das Tanzen so gut zu beherrschen, dass es perfekt und glaubwürdig aussieht; für den Film war das enorm wichtig. Überhaupt ist die Vorbereitung auf eine Rolle für mich oft der spannendste Teil beim Filmemachen: Dabei kann man sich selbst entdecken, mit den eigenen Ängsten konfrontiert und sie sogar überwinden.

 

In der Phantasie zu Pina Bausch werden

 

Das heißt, eigentlich liegt Ihnen Tanz gar nicht so sehr?

 

Inzwischen liebe ich es sogar, zu tanzen! Um die Wahrheit zu sagen, war ich vor dem Film wahrscheinlich eine ganz grausige Tänzerin. Ich habe zwei linke Füße, aber in meiner Phantasie habe ich mir immer gern vorgestellt, ich wäre die junge Pina Bausch oder die neue Martha Graham.

 

Filme werden zur Unterhaltung gemacht

 

Glauben Sie, dass ein Film wie „Wüstentänzer“ dazu beitragen kann, die Welt zu verbessern?

 

Nein, das wäre eine völlig falsche Vorstellung. Filme werden gemacht, um Leute zu unterhalten; dennoch können Filme informieren und dadurch Diskussionen auslösen. „12 Years A Slave“ (von Steve McQueen über die Sklaverei in den US-Südstaaten, A.d.R.) war beispielsweise ein solcher Film.

 

Über ihn habe ich viel mit Freunden, Familienangehörigen, Kinogängern und Kritikern gesprochen habe. Das hilft schon, um etwas über die Geschichte anderer Menschen zu erfahren, was man vorher nicht wusste. Aber seien wir ehrlich: Schauspieler sind keine Sozialarbeiter, sondern werden dafür bezahlt, Filme zu drehen, die Menschen unterhalten. 


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