Irrfan Khan

Qissa – Der Geist ist ein einsamer Wanderer

Kanwar (Tillotama Shome) und Tisca Chopra in ihrem neuen Haus. Foto: Camino Filmverleih

(Kinostart: 10.7.) Gender Mainstreaming im Kinderzimmer: Ein Patriarch ohne Stammhalter erzieht seine Tochter zum Jungen – das geht schief. Das langatmige Kammerspiel von Regisseur Anup Singh breitet die Familien-Fixierung in Indien wortreich aus.

Als der indische Subkontinent 1947 geteilt wurde, verlor der Sikh Umber Singh (Irrfan Khan) alles; er musste mit seinen Angehörigen vom pakistanischen in den indischen Teil des Punjab fliehen. Nur vier Jahr später geht es seiner Familie wieder prächtig. Das Einzige, was Umber zu seinem Glück fehlt, ist ein Stammhalter.

 

Info

 

Qissa – Der Geist ist ein einsamer Wanderer

 

Regie: Anup Singh,

109 Min., Indien/ Deutschland 2013;

mit: Irrfan Khan, Tisca Chopra, Tillotama Shome

 

Website zum Film

 

Seine Frau Mehar (Tisca Chopra) hat ihm bereits drei Töchter geboren; nun bringt sie abermals ein Mädchen zur Welt. Umber will das Schicksal korrigieren: Er zieht Kanwar (Tillotama Shome) als seinen Sohn auf. Selbst als Kanwar ihre Menstruation bekommt, beharrt ihr Vater auf der Fiktion.

 

Vergewaltigung durch Schwiegervater

 

Jahre später hat sie sich mit Neeli (Rasika Dugal) angefreundet, die einer niederen Kaste angehört. Dass Kanwar zum Schabernack Neeli eine Nacht lang in einer Hütte einsperrt, bedroht die Familienehre: Beide müssen heiraten. Als Neeli erfährt, dass ihr „Gatte“ zeugungsunfähig ist, nimmt sie Reißaus. Schwiegervater Umber hält sie auf und versucht, sie zu vergewaltigen, um endlich einen männlichen Nachkommen zu erhalten.


Offizieller Filmtrailer


 

Autobiographisch motivierte Elemente

 

Das verhindert Kanwar mit Waffengewalt. Nun muss das Paar gemeinsam flüchten; sie kommen im leer stehenden Haus ihrer Großeltern unter. Doch die Bluttat und ihre Identität lassen Kanwar keine Ruhe: Sie hat Erscheinungen, löst Skandale aus und zieht äußerste Konsequenzen.

 

Eine gar erschröckliche Fabel, die der Exil-Inder Anup Singh da auf die Leinwand bringt. Manche Elemente sind autobiographisch motiviert: Der Regisseur musste mit seinen Eltern emigrieren. Andere suchen Anschluss an die Aktualität: Seit Berichten über brutale Gruppenvergewaltigungen in Indien ist die dortige Unterdrückung von Frauen ein weltweit beachtetes Thema.

 

Frauen erlösen mit Empathievermögen

 

Dem will Frauenversteher Singh seine Vision entgegenhalten: „In dieser von männlicher Raffgier und Besessenheit dominierten Welt kommt dem Bund zwischen Frauen eine tiefere Bedeutung zu.“ Sein Film soll „am Ende das Gefühl vermitteln, dass Frauen mit ihrem Empathievermögen erlösen und selbst einen Mann wie Umber dazu bringen können, Buße zu tun“.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Lunchbox“ – indisches Metropolen-Melodram von Ritesh Batra mit Irrfan Khan

 

und hier einen Beitrag über den Film “Mitternachtskinder”  – grandiose Verfilmung von Salman Rushdies Epochen-Roman über Indiens Geschichte

 

und hier einen Bericht über den Film  “Life Of Pi – Schiffbruch mit Tiger”  – Bestseller-Verfilmung von Ang Lee mit Irrfan Kahn.

 

Bei so untadeligen Absichten sind alle Mittel recht. Da darf auch das Drehbuch wortlastig weitschweifig ausfallen und das Publikum mit unmotivierten Sprüngen, dürftiger Charakterzeichnung und hochtrabend hölzernen Dialogen behelligen – wie schon der prätentiös raunende Untertitel „Der Geist ist ein einsamer Wanderer“ andeutet. „Quissa“ ist als Kammerspiel im engsten Familienkreis angelegt – doch außer folgenlosem Gerede passiert wenig. Die dramatische Dichte solcher Konstellationen etwa bei Ingmar Bergman erreicht der Film keine Sekunde lang.

 

Verwirrende Geist-Erscheinungen

 

Auch das setting bleibt diffus: Nie wird anschaulich, dass die Handlung im Indien der 1950er Jahre angesiedelt ist. Selbst die Traumatisierung durch Vertreibung, die irgendwie Umbers Stammhalter-Obsession erklären soll, spielt nach den Anfangsszenen keine Rolle mehr. Stattdessen führt Regisseur Singh allerlei Geist-Erscheinungen ein, die seelische Konflikte versinnbildlichen sollen, aber eher verwirren.

 

Dieses langatmige Melodram macht weniger die Stellung der Frau in der indischen Gesellschaft deutlich als vielmehr ihre Familien-Fixierung: Alles muss mit allen Verwandten, angefangen beim Patriarchen, abgestimmt werden; individuelle Entscheidungsspielräume sind klein. Das führt aber auch jedes knallbunte Bollywood-Musical vor – und die sind unterhaltsamer.


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