Hayao Miyazaki

Wie der Wind sich hebt

Der kleine Jirō Horikoshi hebt ab. Foto: Universum Film

(Kinostart: 17.7.) Historien-Epos aus Sicht eines Flugzeug-Ingenieurs: Zeichentrick-Legende Hayao Miyazaki greift für seinen letzten Film zu hartem Stoff. Den er schwerelos stemmt – ein himmlisch poetisches Panorama von Japan in der Zwischenkriegszeit.

In der übrigen Welt sind Animationsfilme meist Kinderkram, um Kasse zu machen: So hat der 2013 gestartete Disney-Film „Die Eiskönigin – Völlig unverfroren“ weltweit mehr als eine Milliarde Dollar eingespielt. In Japan ist das anders: Seit dem 18. Jahrhundert schätzt das allgemeine Publikum gezeichnete Bildergeschichten.

 

Info

 

Wie der Wind sich hebt

 

Regie: Hayao Miyazaki,

126 Min., Japan 2013;

 

Weitere Informationen

 

Meister der ukiyo-e („Bilder der fließenden, vergänglichen Welt“) wie Utamaro und Hokusai werden von ihren Landsleuten als Genies verehrt. Letzterer prägte den Begriff „Manga“: Solche Comics und Anime-Filme richten sich überwiegend an ein erwachsenes Publikum.

 

Japans erfolgreichster Film 2013

 

Mit ebenso großem Erfolg: Mehr als ein Drittel aller in Japan verkauften Druckwerke sind Mangas. „Wie der Wind sich hebt“ lockte 2013 mehr Japaner ins Kino als jeder andere Film. Dass er ein solcher Kassenschlager wurde, dürfte an Thema und Darstellung liegen – und nicht zuletzt an seinem Macher: Regisseur Hayao Miyazaki ist eine Legende unter Japans Manga-Zeichnern.


Offizieller Filmtrailer


 

Prämiert mit Oscar + Goldenem Bären

 

Er fing als Hintergrund-Designer der TV-Serie „Heidi“ an und gründete 1985 das Studio Ghibli mit. Seither hat er nur acht Spielfilme realisiert – doch die waren so ausgefeilt, dass sie mit Preisen überschüttet wurden. Am höchsten prämiert wurde „Chihiros Reise ins Zauberland“: mit dem Goldenen Bären und Oscar für den besten Animationsfilm 2002. Nach „Das wandelnde Schloss“ bekam Miyazaki in Venedig 2005 einen Goldenen Löwen für sein Lebenswerk.

 

Bei aller Anerkennung beschränkte er sich bislang auf kindgerechte Fantasy-Fabeln. Das ändert Miyazaki nun mit diesem Film, der sein letzter sein soll. „Wie der Wind sich hebt“ bietet nichts weniger als ein grandioses Panorama Japans in der Zwischenkriegszeit. Verpackt in die Biographie einer Figur mit realem Vorbild: dem Flugzeug-Konstrukteur Jirō Horikoshi.

 

Händchen halten beim Überstunden machen

 

Als Junge sieht Jirō die ersten Doppeldecker am Himmel schweben: So zauberhafte Gebilde möchte er auch bauen. Fortan erscheint ihm in seinen Träumen der italienische Luftfahrt-Ingenieur Gianni Caproni, der im Ersten Weltkrieg Bomber für Italien fertigt. Jirō studiert an der Universität Tokio und heuert beim Mitsubishi-Konzern an. Mit Kollegen entwickelt er einen Prototyp nach dem anderen, darunter Japans wichtigsten Kampfjet im Zweiten Weltkrieg.

 

Ein high tech workoholic als Trickfilm-Held? Trotz aller Hingabe an seine Arbeit bleibt Jirō etwas Freizeit für eine zarte Liebesgeschichte: Bei einem Zugunglück lernt er das Mädchen Nahoko kennen. Jahre später sehen sie sich wieder, doch Nahoko leidet unter Tuberkulose. Was sie nicht an der Heirat hindert, doch ihr Eheleben erschwert: Wenn nach Dienstende ihr Mann abends zuhause weiterarbeiten muss, während seine Frau krank im Bett liegt, halten sie wenigstens Händchen.

 

Mitten im großen Erdbeben von 1923

 

Dieses Bild sagt mehr über das Geschlechterverhältnis vor 70 Jahren als dicke Studien. „Wie der Wind sich hebt“ ist voller solcher Szenen: Als sich die Turteltauben erstmals treffen, läuft Nahoko zu einer Quelle, um der zu danken, dass sie Jirō zu ihr geführt hat. Und wenn er um ihre Gunst wirbt, wirft er Papierflieger zum Balkon seiner Liebsten hoch – ohne Worte.

 

Doch der Film klebt nicht an seinen Hauptfiguren. Er lässt sie ganz beiläufig historische Ereignisse miterleben: Das Zugunglück, das beide zusammenführt, wird vom großen Kantō-Erdbeben 1923 ausgelöst, bei dem rund 140.000 Menschen in Tokio und Yokohama starben. Eine solche Naturkatastrophe war wohl noch nie so realistisch gezeichnet zu sehen – samt aller denkbaren Reaktionen von Panik bis zu selbstloser Hilfe.

 

Ochsen schleppen Prototypen zur Startbahn

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier einen Bericht über den Film „Shanghai“  – famoser Spionage-Thriller vor Angriff Japans auf Pearl Harbour 1941 mit Franka Potente + Gong Li

 

und hier eine Besprechung der “Hokusai-Retrospektive” – grandiose Werkschau seiner Farbholzschnitte im Martin-Gropius-Bau, Berlin.

 

und hier eine Kritik der Ausstellung „Ferne Gefährten“ über 150 Jahre deutsch-japanische Beziehungen in den Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über den Film „Ponyo – Das große Abenteuer am Meer“ – Animationsfilm von Hayao Miyazake.

 

Auch der Wandel Japans vom ehrgeizig aufholenden Schwellenland – die ersten Prototypen werden von Ochsen aufs Flugfeld zur Startbahn gezogen – zur Militärdiktatur im totalen Krieg wird sichtbar. Jirōs Freund und Kollege wird von der Geheimpolizei verschleppt, und er selbst muss für eine Weile untertauchen. Im Landhotel warnt ihn ein mysteriöser Fremder vor dem drohenden Zusammenbruch.

 

Der Mann heißt Herr Castorp, wie der Protagonist im „Zauberberg“ von Thomas Mann. Regisseur Miyazaki spielt gern auf deutsche Kultur an: Sein Held liest Hermann Hesse und lauscht der „Winterreise“ von Schubert. Der direkte Kontakt mit den Achsenmächte-Verbündeten fällt aber unerfreulich aus: Als eine japanische Delegation die Junkers-Werke in Dessau besucht, wird sie von Knobelbecher-Trägern geschurigelt wie Schulbuben.

 

Paul-Valéry-Gedicht als Titel

 

All das geschieht völlig unaufdringlich: Der Film blickt auf die Welt- und Kriegsgeschichte der Epoche aus den Augen eines unpolitischen Ingenieurs – also aus der Ameisenperspektive. Und bewahrt sich dabei stets seine Leichtigkeit; dafür sorgen herrlich animierte Flug-Sequenzen, die schwerelos durch die Lüfte sausen wie die ersten tollkühnen Bruchpiloten.

 

Der Traum vom Fliegen wird unverschämt verführerisch wahr. Wie der Titel verspricht, der einer Gedichtzeile von Paul Valéry entlehnt ist: Le vent se lève! … il faut tenter de vivre! („Der Wind hebt an!… Man muss versuchen zu leben!“) Wie das die Generation versuchte, die Japan groß machte, ruinierte und wieder aufbaute – das zeigt der Film formvollendet.


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