Heiner Lauterbach

Wir sind die Neuen

Das alte neue Trio Eddi (Heiner Lauterbach), Anne (Gisela Schneeberger) und Johannes (Michael Wittenborn) auf dem Weg zu einer Wohnungsbesichtigung. Foto: X-Verleih

(Kinostart: 17.7.) Freak-Renter treffen auf Spießer-Studis: Alt-68er im Ruhestand drehen das Schema des Generationskonflikts um. „Shoppen“-Regisseur Ralf Westhoff macht daraus eine vergnügliche Komödie, die stellenweise unter überzogenen Klischees leidet.

Demographischer Wandel auf der Leinwand: Ältere Herrschaften sind eine zahlungskräftige Zielgruppe – auch als Kinogänger. Besonders im rasch alternden Deutschland setzen Produzenten und Verleiher immer häufiger auf Filme, die auch die Generation 60+ ansprechen.

 

Info

 

Wir sind die Neuen

 

Regie: Ralf Westhoff,

91 Min., Deutschland 2014;

mit: Gisela Schneeberger, Heiner Lauterbach, Michael Wittenborn

 

Website zum Film

 

Wer wollte nicht so jung geblieben, dynamisch und lebenslustig sein wie die Rentner in „Wir sind die Neuen“? Der Film von Ralf Westhoff wirkt stellenweise wie eines der Plädoyers zum hyperaktiven Unruhestand, die Gesundheits-Magazine verbreiten – und zugleich wie eine Abrechnung mit der spießigen, verbissenen und miesepetrigen Jugend von heute.

 

Revival der alten Studenten-WG

 

Anne (Gisela Schneeberger), Eddi (Heiner Lauterbach) und Johannes (Michael Wittenborn) ziehen zusammen in eine WG – wohlgemerkt: zum zweiten Mal. Als Studenten haben sie schon einmal zusammen gewohnt. Nun sind sie um die 60 Jahre alt und wollen an ihr Erfolgsmodell von einst anknüpfen.


Offizieller Filmtrailer


 

Hohe Mieten + Angst vor Krankheit

 

Außerdem zwingt Pragmatismus das Trio zu diesem Schritt: Alleinleben ist teuer. Alle drei sind solo und eher alternativ als saturiert. Sie können sich die hohen Wohnungsmieten in München nicht mehr leisten. Dazu kommen Ängste, isoliert oder pflegebedürftig zu werden; eben die Sorgen von Pensionären, die weder auf Großfamilien noch Sozialsystem vertrauen können.

 

Voller Enthusiasmus stürzen sich die drei Freunde in ihr Experiment. Es weckt alte Erinnerungen an vergangene Zeiten, die sie nostalgisch verklären. Anne, Eddi und Johannes blühen auf und versuchen den Geist der 1970er Jahre in ihrer Wohnküche noch einmal aufleben zu lassen. Doch die Zeit ist nicht stehen geblieben: „Bin ich langsamer geworden, oder alles andere schneller“, fragt Anne ihre Mitbewohner besorgt.

 

Jung-Studis büffeln + putzen

 

Im selben Haus gibt es eine Etage über ihnen eine weitere WG. Katharina, Barbara und Thorsten sind Studenten; sie nehmen ihr Uni-Pensum und das Leben bitter ernst. In ihrer Wohnung wird gebüffelt, geputzt und auf Einhaltung der Ruhezeiten geachtet. „Wir sind ausgelastet. Mal eben das Handymenü erklären, oder zur Apotheke? Da können wir nicht helfen“, erklären die Studis den Neuankömmlingen brüsk, als die sich nur vorstellen wollen.

 

Aus Sicht der Jüngeren sind Alte automatisch bedürftig und bedauernswert; und wer mit über 60 immer noch einen alternativen Lebensstil pflegt, hat offensichtlich versagt. Bald bricht ein handfester Nachbarschafts-Krach aus: wegen Lärmbelästigung und dem nicht geputzten Treppenhaus.

 

Business-Modelle statt Sozial-Experimente

 

Der Konflikt ist uralt, doch Jahrtausende lang blieben die Rollen gleich: ordnungsliebende Altvordere gegen zügellosen Nachwuchs; schon Aristoteles schimpfte über ungehobelte Heranwachsende. Das ändert sich, seitdem die 68er-Generation ins Rentenalter kommt und bei guter Gesundheit die lieb gewonnenen Gewohnheiten ihrer wilden Jugend beibehält.

 

Die sich kaum vermitteln lassen: Heutige Schulabgänger treten viel zielstrebiger auf, um ihre Ausbildungs- und Karriereziele zu erreichen. Kreative Selbstverwirklichung erschöpft sich in business-Modellen; soziale Stagnation und unsichere Zukunftsaussichten ersticken jede Lust am Experiment.

 

Plakativ ausgemaltes Sujet

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Und wenn wir alle zusammenziehen?“  – charmante Alten-WG-Komödie von Stéphane Robelin mit Jane Fonda + Daniel Brühl

 

und hier einen Beitrag über den Film „Die schönen Tage“ – lakonisches Mehrgenerationen-Liebesdrama von Marion Vernoux mit Fanny Ardant

 

und hier einen kultiversum-Bericht über den Film „Der letzte schöne Herbsttag“  – leichtfüßiges Beziehungs-Drama von Ralf Westhoff.

 

Eine historisch neue Lage, aus der sich jede Menge komödiantische Funken schlagen lassen. Doch Regisseur Ralf Westhoff, der in „Shoppen“ (2007) und „Der letzte schöne Herbsttag“ (2010) feinsinnig präzise Sittenbilder des Paarungsverhaltens bei Großstadt-Twentysomethings entwarf, malt diesmal sein Sujet recht plakativ aus.

 

Von Anfang an bricht zwischen Alten und Jungen heftiger Streit aus. Das ist etwas an den Haaren herbei gezogen; zudem strapazieren klischeehafte Charaktere die Konstellation merklich. Zu verbiestert treten die Studenten auf, zu sympathisch die erfahrenen Oldies: So viel Überspitzung hätte es nicht gebraucht. Weniger Schwarz-Weiß würde gerade die Jüngeren facettenreicher und glaubwürdiger wirken lassen.

 

Alltag in pointierten Dialogen

 

Dennoch funktioniert der Film und unterhält über weite Strecken höchst vergnüglich. Alle Schauspieler haben ihre Rollen souverän in der Hand, vor allem die Veteranen Schneeberger, Lauterbach und Wittenborn. Und mit seinem Drehbuch beweist Westhoff erneut, dass er gut beobachtete Alltagssituationen in pointierte Dialoge umsetzen kann.

 

Natürlich liegt die Lösung im Gespräch: Die Jungen lernen, dass sie von Menschen mit Lebenserfahrung profitieren. Ein gemeinsames Miteinander der Generationen ist Bereicherung für alle – das wird die Zielgruppe 60+ bestimmt gerne hören und sehen!


Diesen Artikel drucken