Nana Ekvtimishvili + Simon Groß

Die langen hellen Tage

Eka (Lika Babluani) tanzt auf der Hochzeit von Natia. Foto: BeMovie

(Kinostart: 21.8.) Teenager-Leben in Georgien 1992: Ein ungeliebter Verehrer entführt seine Braut, ihre Freundin verhindert Blutrache. Regisseurin Ekvtimishvili verfilmt ihre Jugenderinnerungen – Momentaufnahmen von Wildwest im Kaukasus.

So nah, so fern: Filme aus dem Kaukasus kommen kaum noch in hiesige Kinos. Sei es, weil sich die Lage dort beruhigt hat – der letzte bewaffnete Konflikt um Südossetien endete 2008. Sei es, weil die in jeder Hinsicht zerklüftete Region im Schatten ihrer großen Nachbarn steht: Russland, Ukraine, Türkei und Iran.

 

Info

 

Die langen hellen Tage
(Grzeli nateli dgeebi –
In Bloom)

 

Regie: Nana Ekvtimishvili + Simon Groß

102 Min., Georgien/ Deutschland 2013;

mit: Lika Babluani, Mariam Bokeria, Zurab Gogaladze

 

Website zum Film

 

Während der 1990er Jahre war das anders: Da füllten die Kriege zwischen Armenien und Aserbaidschan um Berg-Karabach, später in Abchasien und Tschetschenien die Nachrichten. Extrem turbulent ging es in Georgien zu: Ab 1991 regierte der hypernationalistische Präsident Swiad Gamsachurdia diktatorisch. Drei Landesteile – Abchasien, Südossetien und Adscharien – spalteten sich mit Waffengewalt ab. Anfang 1992 wurde Gamsachurdia aus dem Amt geputscht; bei Straßenkämpfen starben mehr als 1000 Menschen. Als Nachfolger setzten die Putschisten den früheren sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse ein.

 

Zwei unzertrennliche 14-Jährige

 

In dieser chaotischen Zeit spielt „Die langen hellen Tage“. Drehbuch-Autorin und Co-Regisseurin Nana Ekvtimishvili, 1978 in der Hauptstadt Tiflis geboren, hat sie als Teenager miterlebt: Sie war damals im selben Alter wie die Hauptpersonen ihres Films. Die 14-jährige Eka (Lika Babluani) und ihre Freundin Natia (Mariam Bokeria) sind unzertrennlich; das müssen sie auch sein, um sich in ihrer gewaltgesättigten Umgebung zu behaupten.


Offizieller Filmtrailer (OmU)


 

Verehrer schenkt Angebeteter Pistole

 

Ekas Vater sitzt wegen eines Kapitalverbrechens im Gefängnis. Natias Familie ist kaum besser dran: Ihr Vater, ein Alkoholiker, streitet und schlägt sich ständig mit ihrer Mutter. Oft fliehen beide aus den elterlichen Wohnungen und ziehen mit Freundinnen singend und schwatzend durch die malerischen Altstadtgassen von Tiflis. Oder sie treffen sich zum Kaffeeklatsch, um heimlich zu rauchen und zu lästern – was girlies weltweit so machen.

 

Allerdings wären westliche Altersgenossinnen wohl befremdet vom Geschenk, das Natias Verehrer Lado ihr überreicht: eine Pistole, um sich zu verteidigen. Natia reicht sie an Eka weiter, der Straßenbengel nachstellen. Dabei hätte sie die Waffe besser behalten: Der ordinäre Kote (Zurab Gogaladze) entführt sie mit seinen Kumpels, um sie zur Heirat zu nötigen – eine im Kaukasus weit verbreitete Praxis. Nach tagelangem Sträuben willigt Natia ein.

 

Ungeheuerliches läuft ganz beiläufig ab

 

Was sie bald bereut: Kotes ungehobelt proletarisches Umfeld stößt sie ab. Zumal er Natia zum Hausfrauchen degradieren will und keine Nebenbuhler duldet: Als Lado ihr mit einem Ständchen zum Geburtstag gratuliert, hetzen ihn Kotes Spießgesellen zu Tode. Gemäß archaischer Blutrache-Regeln müsste er gerächt werden; doch Eka überzeugt Natia, darauf zu verzichten.

 

Eine klassische coming of age story unter außergewöhnlichen Umständen: Ältere fallen als Vorbilder praktisch aus. Ekvtimishvili und ihr Co-Regisseur und Lebenspartner Simon Groß verzichten darauf, die Handlung zuzuspitzen oder zu dramatisieren. Das Ungeheuerliche läuft ganz beiläufig, fast betulich ab: kaum überraschend in einer Epoche, die völlig aus den Fugen geraten schien. Nach dem Zerfall der UdSSR zerstoben für Ex-Sowjetbürger alle Gewissheiten; den Alltag zu meistern, war schwierig genug.

 

Ständig streiten, schachern + singen

 

Dieses Lebensgefühl einer irrwitzigen Übergangsphase beschwört der Film formvollendet herauf: In engen, stickigen Zimmern geraten die gereizten Bewohner dauernd aneinander. Ständig wird mit Freunden und Bekannten gekungelt und geschachert, um das Nötigste zu beschaffen oder kleine Vorteile zu ergattern.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Nana Ekvtimishvili über „Die langen hellen Tage“

 

und hier eine Besprechung des Films Shanghai, Shimen Roadcoming of age story über Chinas Jugend Ende der 198oer Jahre von Haolun Shu

 

und hier einen Beitrag über den Film „The Loneliest Planet“ – Globetrotter-Drama in Georgien von Julia Loktev mit Gael García Bernal

 

und hier einen Bericht über den Film „Anduni – Fremde Heimat“ – Porträts armenischer Emigranten in Deutschland von Samira Radsi.

 

Stets eingebettet in den georgischen way of life: Bei jeder Gelegenheit stimmt jemand ein melancholisches Lied an, und alle singen mit. Jede Familie hortet zuhause ihren eigenen Wein, der ausgiebig verkostet wird. Und bei großen Festen wie Hochzeiten spielen alle ein Herz und eine Seele – bis zum Kater am Morgen danach.

 

Waffen müssen draußen bleiben

 

In diesem bittersüßen Sittenbild schimmert durch, in welche Richtung sich die Gesellschaft bewegt: Die Jungen haben vom sowjetischen Trott und patriarchalischen Bräuchen ihrer Altvorderen die Nase voll. Besonders die Mädchen sind vom Machotum der Männer ebenso genervt wie von ihrem Pochen auf weiblicher Jungfräulichkeit.

 

Man braucht keine feministischen Emanzipations-Theorien zu bemühen, um darin Anzeichen für kommende Zivilisierung und Modernität zu sehen. Es sollte dauern, bis sie sich durchsetzte: Noch vor zehn Jahren hingen in Tiflis vor Gaststätten Schilder, dass Waffen draußen bleiben müssen. Heute ist das nicht mehr nötig.

 

Eisdielen finanzieren Film

 

Davon lässt „Die langen hellen Tage“ nichts ahnen. Ekvtimishvili und Groß beschränken sich auf atmosphärisch dichte Momentaufnahmen aus einer wenig beachteten Weltgegend. In ruhigen, schön komponierten Bildern mit entsättigten Farben: von sonnendurchglühten Wegen und Plätzen im sommerlichen Tiflis, das auf Terrassen an den Hängen eines Flusstals gelegen ist. Auf die Reize des Sommers setzt das Paar nicht nur beim Drehen: Es führt in der Hauptstadt eine Kette von Eisdielen mit vier Filialen.


Diesen Artikel drucken