Ken Loach

Jimmy’s Hall

Oonagh (Simone Kirby) und Jimmy Gralton (Barry Ward) feiern mit irischer Tanzmusik. Foto: Pandora Film

(Kinostart: 14.8.) Revolutionsromantik als Feelgood-Movie: Regisseur Ken Loach macht einen Tanzsaal im Irland der 1930er zum Klassenkampf-Schauplatz. Die Fronten sind klar, die Rollenverteilung auch – ein Augenschmaus für Arbeiterbewegungs-Nostalgiker.

The Politics of Dancing: Im Irland der 1930er Jahre erschien es umstürzlerisch, in der Provinz einen Tanzschuppen aufzumachen. Oder wiederzueröffnen, wie Jimmy Gralton es tat. Zehn Jahre zuvor war der linke Aktivist, von Regierungstruppen verfolgt, nach New York geflohen. Dort wurde er US-Bürger, schlug sich mit diversen Jobs durch und engagierte sich in sozialistischen Gewerkschaften.

 

Info

 

Jimmy’s Hall

 

Regie: Ken Loach,

106 Min., Großbritannien/ Irland/ Frankreich 2014;

mit: Barry Ward, Simone Kirby, Jim Norton

 

Website zum Film

 

1932 kehrt der nun 46-Jährige in sein Heimatdorf im County Leitrim zurück; soeben hat die Fianna Fáil-Partei unter Eamon de Valera mit Reformversprechen die Wahlen gewonnen. Gralton baut mit Genossen auf dem Grundstück seines Vaters die „Pearse-Connolly-Hall“ wieder auf. Hier werden Versammlungen abgehalten, Malerei- und Literatur-Kurse angeboten, junge Männer trainieren Boxen – und samstags spielt die Musik zum Tanz auf.

 

Eine Million auf Katholiken-Kongress

 

Zum Missfallen von Pater Sheridan: In Sonntagspredigten verdammt er die Tanzabende als gotteslästerlich. Ebenso die Fortbildungskurse; die Kirche sieht ihr Schul-Monopol bedroht. Mittlerweile ist die politische Aufbruchsstimmung verflogen. De Valeras Regierung steht auf Seiten von Großgrundbesitzern, Unternehmern und Klerus. Sichtbarstes Zeichen ist der Eucharistie-Kongress 1932 in der Hauptstadt Dublin, an dem eine Million Katholiken teilnimmt.

 


Offizieller Filmtrailer


 

Schüsse auf revolutionäres Gemeindezentrum

 

In Leitrim steigt die Spannung: Da seine Schäfchen ihm nicht folgen, ruft der Pater paramilitärische Einheiten zu Hilfe. Sie schießen auf das „revolutionäre Gemeindezentrum“, während drinnen getanzt wird; wenig später brennt eines Nachts der Saal aus. Als Gralton mit Gleichgesinnten dafür sorgt, dass arme Pächter in Häuser zurückkehren können, aus denen sie vertrieben worden waren, schlägt die Polizei zu: Er wird festgenommen und in die USA ausgewiesen.

 

Soweit die historischen Fakten; über den realen Jimmy Gralton ist kaum mehr bekannt. Der Sohn einfacher Bauern muss ein charismatischer Wortführer und Organisator gewesen sein – und ist damit wie geschaffen für die Heldengestalt eines period piece von Ken Loach. Der britische Altmeister des naturalistischen Sozial-Dramas hat die meisten seiner rund 60 Kino- und TV-Filme den Erniedrigten und Beleidigten gewidmet.

 

Akteure säuberlich in zwei Lager sortiert

 

Sie mögen zwar unter dem Joch von Ausbeutung und Reaktion ächzen, verlieren dabei aber nie Optimismus und Humor. Wie hier: Als Hauptfigur gibt der Ire Barry Ward einen fast schon zu schneidigen working class hero – anstatt nach New York sollte er sofort nach Hollywood gehen, um als Herzensbrecher groß herauszukommen. Ähnlich Simone Kirby als Jimmys Geliebte Oonagh: Sie kann ihre Rolle als wild gelockter Wirbelwind voll ausspielen – ihr Charakter ist frei erfunden.

 

Den sittenstrengen Pater Sheridan (Jim Norton) setzt Regisseur Loach aus zeittypischen Vorbildern zusammen. Und die übrigen Akteure sortiert er säuberlich in zwei Lager: arm und fortschrittlich gegen reich und reaktionär. Was der Wirklichkeit einige Gewalt antut: Irlands Geschichte in der Zwischenkriegszeit ist extrem verwickelt. Politische Abspaltungen, Bündnis- und Frontenwechsel jagten einander, bis de Valera 1932 Premierminister wurde. Er blieb mit zwei kurzen Unterbrechungen bis 1959 im Amt.

 

Brüder, zur Sonne, zur Freiheit

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Angels’ Share – Ein Schluck für die Engel“ – feuchtfröhliche Whisky-Komödie von Ken Loach

 

und hier einen Bericht über den Film „The Guard – Ein Ire sieht schwarz“  – schwarzhumorige Krimi-Komödie von John Michael McDonagh

 

und hier einen Beitrag über den Film „Parked – Gestrandet“ – Kammerspiel über Obdachlose in Irland von Darragh Byrne.

 

In seinem Meisterwerk „The Wind That Shakes the Barley“ hatte Ken Loach präzise nachgezeichnet, wie der irische Unabhängigkeitskrieg gegen Großbritannien 1922 fast nahtlos in einen Bürgerkrieg zwischen Befürwortern und Gegnern eines Kompromisses mit London überging. Dafür bekam er 2006 in Cannes die Goldene Palme.

 

Solche Akkuratesse spart sich der Regisseur diesmal: Von links lässt er ärmlich gekleidetes, aber stets tatkräftiges und gut gelauntes Landvolk aufmarschieren, von rechts reiten irgendwelche Uniformierten als Büttel der Mächtigen heran. Keine Frage, wer tatsächlicher und wer moralischer Sieger bleibt: Brüder, zur Sonne, zur Freiheit.

 

Wer tanzt, darbt weniger

 

Bei so übersichtlicher Rollenverteilung kann man sich ganz auf die detailgetreue Ausstattung konzentrieren: Malerische Bauernkaten, schön schäbige Kleider aus groben Tweedstoffen, das üppige Grün der Natur an den Originalschauplätzen und ausgelassen improvisierte Tanzszenen. Sie verströmen soviel Lebensfreude, dass man am Leidensdruck zu zweifeln beginnt, der die Leute zum Widerstand treibt. Revolutionsromantik als feelgood movie: Lästige Faktenhuberei würde da nur stören.


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