Barbara Weber

Kofelgschroa. Frei. Sein. Wollen.

Die Band Kofelgschroa bei einem Live-Auftritt. Foto: Movienet Film

(Kinostart: 7.8.) Coole, zeitgemäße Volksmusik – was könnte das sein? Vier junge Musiker aus Oberammergau wissen es auch nicht genau, bemühen sich aber leidenschaftlich darum. Dabei beobachtet sie Regisseurin Barbara Weber feinsinnig und geduldig.

Im Oberammergau gehen die Uhren anders. Jeder kennt und grüßt jeden; Agrarwirtschaft und Handwerk bestimmen das Ortsbild, und der kulturelle Höhepunkt sind alle zehn Jahre die Passionsspiele. Was tut man da als junger Mann, der über Dinge wie Freiheit, Sein und Wollen nachgrübelt? Nördlich des Weißwurst-Äquators wären die Gründung einer Punkband oder eine Karriere als zorniger Rapper die normale Reaktion. Nicht in Oberammergau.

 

Info

 

Kofelgschroa.
Frei. Sein.Wollen.

 

Regie: Barbara Weber,

91 Min., Deutschland 2014;

mit: Martin + Michael von Mücke, Maxi Pongratz, Matthias Meichelböck

 

Website zum Film

 

Matthias, Martin, Maxi und Michael haben tatsächlich eine Band gegründet. Ihre Musik ist allerdings für norddeutsche Ohren kaum von herkömmlicher oberbayrischer Volksmusik zu unterscheiden. Dafür sorgen die Besetzung mit Gitarre, Akkordeon und doppeltem Blech sowie die mehrstimmigen Texte in Mundart. Seitdem sie sich von „Kofelmusik“ zu „Kofelgschroa“ – der Kofel ist Oberammergaus Hausberg – umbenannt haben, klingt ihre Musik für Oberammergauer Verhältnisse aber so eigensinnig und avantgardistisch wie, nun ja, Rap oder Punk.

 

Matthias betet recht viel

 

Sechs Jahre lang folgte Filmemacherin Barbara Weber ohne Budget und mit einfachsten Mitteln dem Quartett auf seinem Tanz zwischen den Stühlen. Diese vier sanften Typen sind Grübler, Künstlerseelen eben, denen jedes rigide Sozialgefüge zu eng werden muss – die dann aber auch wieder mit sich und der Welt verdächtig im Reinen sind. Vor allem Matthias, der im Verlauf des Film recht viel betet.


Offizieller Filmtrailer


 

Gruppe passt zu Laptop + Lederhose

 

Immer wieder sinnieren die Vier über den tieferen Sinn des Ganzen, während der Film ihnen geduldig durch mehrere Orientierungsphasen folgt. Zwischendurch löst die Band sich sogar auf: Einer schlägt sich in Berlin als Straßenmusiker durch, einer geht nach Indien, einer auf eine Pilgerreise. So unterschiedlich die Träume und Wünsche der vier Freunde sind, so normal sind sie auch. Doch schon bald steht fest, dass Band und Musik eben doch in die Richtung weisen, nach der sie suchen.

 

Also machen sich Kofelgschroa auf, die Welt zu erobern. Oder zumindest erst einmal den Rest von Bayern; München zum Beispiel. Dort kommt so eine Band gerade wie gerufen: gleichzeitig volkstümlich und modern – das passt glänzend zur aktuellen bayerischen Imagekampagne von „Laptop und Lederhose“.

 

Keiner hört Techno, keiner hat Plan

 

Ihre coole Volksmusik kann ein Jugendmagazin wie „NEON“ dann hyperventilierend als „hypnotisch-repetitiven Akustik-Techno“ bejubeln. Nur: Keiner von Kofelgschroa schleppt einen Laptop mit sich herum. Keiner hört heimlich Techno, und einen „Plan“, wie ihnen eine Radiomoderatorin in Berlin unterstellt, haben sie schon gar nicht.

 
Vor ihnen haben Andere schon Versuche unternommen, die Volksmusik zu erneuern und zeitgemäß zu machen. Die Gruppe „Ringswandl“ etwa, der bayerische rastaman Hans Soellner, dessen spiritueller, antimaterialistischer roots reggae ganz gut zum ländlichen Bayern passt, oder auch das Blasmusik-Quintett „La Brass Banda“, das tatsächlich Techno und Dub mit Blechbläsern spielt.

 

Landschrate mit Authentizität

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Journey to Jah”  – Doku über weiße Reggae-Stars auf Jamaika von Noël Dernesch + Moritz Springer

 

und hier einen Bericht über den Dokumentarfilm “Newo Ziro – Neue Zeit” über Musiker der Sinti + Roma in Deutschland von Robert Krieg + Monika Nolte

 

und hier einen Beitrag über den Dokumentarfilm „Balkan Melodie“  über Volksmusik in Südosteuropa von Stefan Schwietert

 

Diese Leute hatten tatsächlich einen Plan, doch genau den haben Kofelgschroa eben nicht. Das zeigt der Film, in dem er die Welten genüsslich kollidieren lässt: hier die Pop-Branche, in der jeder Musiker ein Produkt mit eigenem Mythos und Business-Plan sein muss, und da vier Musiker, die doch nur Profis sein wollen – und nun lernen, dass dazu mehr gehört, als ordentlich zu spielen.

 

Dabei kommen die vier Oberammergauer etwas zu häufig als Landschrate daher, die in der Stadt hoffnungslos überfordert sind und bei jungen Radio-Moderatorinnen Beschützerinstinkte wecken. Doch mit ihrer sanften Verweigerungshaltung sorgen sie auch für Irritationen. Dann zeigt sich ihr eigenwilliger Stolz, ihre Gelassenheit und Beharrlichkeit – kurz: die berühmte Authentizität, nach der Musikjournalisten so gerne suchen, die sie aber bei dieser Band vielleicht nicht erkennen werden.

 

Popstar-Moment mit Wäsche-Hit

 

Sei’s drum: Als Kofelgschroa schließlich die Bühne erklimmen, und das Publikum ihr kleines Lied über die Wäsche mitsingt, die in der Sonne, im Wind und im Licht trocknet, wie jeden anderen verträumten Studenten-Hit; da hat die Gruppe ihren Popstar-Moment – ohne sich einmal verbogen zu haben. Wer wissen will, wie das klingt: Ihre Debüt-LP ist auf dem Münchner Trikont-Label erschienen.


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