Berlin

Otto Piene – More Sky

Szenenbild des "Sky Art Event" am 19.07.2014. Foto: Mathias Schormann; Fotoquelle: Verein der Freunde der Nationalgalerie
Himmelsstürmer: Mit Freiluft-Events aus Licht, Musik und Bewegung revolutionierte der ZERO-Mitbegründer ab den 1960er Jahren die Kunst. Das geriet aus dem Blick, als er in die USA ging; nun würdigen ihn zwei Museen mit einer Doppel-Ausstellung.

Im rundum verglasten Quaderbau der Neuen Nationalgalerie läuft Nachtbetrieb: Täglich wird ab 22 Uhr die halbstündige Multimedia-Performance „Die Sonne kommt näher“ von Otto Piene (1928-2014) gezeigt. Er schuf sie 1966/67 für ein kleines New Yorker Theater, wo er im raschen Wechsel rund 1100 handbemalte Glas-Dias projizierte. Jetzt füllen die Dia-Bilder das gesamte Erdgeschoss; noch nie wurde diese Arbeit in solch großem Format gezeigt. Was Nachtschwärmer begeistert: Allabendlich bestaunen sie in Scharen diese Proto-light show. Am Wochenende kommen Hunderte.

 

Info

 

Otto Piene – More Sky

 

17.07.2014 - 31.08.2014

täglich außer montags

22 bis 3 Uhr in der

Neuen Nationalgalerie

Potsdamer Straße 50, Berlin

 

und täglich 10 bis 20 Uhr

in der Deutsche Bank KunstHalle, Unter den

Linden 13/15, Berlin.

 

Künstler-Handbuch
"More Sky" 29,80 €

 

Website zur Ausstellung

 

„The Proliferation of the Sun“, so der englische Titel, übernimmt den Ausdruck der „Verbreitung“ (proliferation) aus der politischen Debatte über Atomwaffen. Dem potentiell Zerstörerischen wird hier symbolisch die friedliche, natürliche Energie der Sonne entgegen gesetzt: Die Dias senden strahlenförmig bunte Lichtkreise und Muster durch den Raum.

 

Regenbogen über Olympiade 1972

 

Tagsüber führt die KunstHalle der Deutschen Bank (DB) Pienes Vielseitigkeit vor. Die Ausstellung umfasst etwa 60 Exponate: von der Leuchtskulptur „Double Neon“, die einer Doppel-Discokugel gleicht, über riesige rote Rauchbilder auf Leinwand bis zu Zeichnungen und Fotos seiner Licht- und Freiluft-Installationen. Ein Film dokumentiert ein frühes Sky Art Event: Während der Olympischen Spiele 1972 in München ließ Piene das Stadion von einem riesigen Plastik-Regenbogen überspannen.


Impressionen der Multimedia-Performance in der Nationalgalerie + Ausstellung in der Deutsche Bank KunstHalle


 

Heliumballons bis zu 90 Meter hoch

 

Ein neues Sky Art Event sollte beide Teile der Ausstellung ergänzen. Über dem Dach der Neuen Nationalgalerie wollte Piene selbst am 19. Juli weiße Heliumballons bis zu 90 Meter hoch aufsteigen lassen. Doch die dort schwebenden Kunstwerke wurden zum Nachruf: Zwei Tage zuvor war Piene am Folgetag der Eröffnung seiner zweiteiligen Werkschau gestorben.

 

Er wird als Experimental-Avantgardist der 1960er Jahre geschätzt, der neue Kunstformen erschloss, aber sein Optimismus wird belächelt. Oft tut man die Aufbruchsstimmung, die seine Werke verbreiten sollten, als romantisch ab. Doch Piene war weder naiver Idealist noch Himmelsstürmer mit einer Vorliebe für bunte Leuchtblasen und riesige Ballons: Er sah den Himmel als offenen Raum und in jeder Art von Material die Möglichkeit von Erneuerung.


Impressionen des Sky Art Event am 19.07.2014; © bnd berlin


 

Vulkan wie mit Lava gemalt

 

Die Schau in der DB Kunsthalle präsentiert eine erstaunliche schöpferische Bandbreite. „Hot Mountain“ ist ein Gemälde aus Öl, Feuer und Heu auf Leinwand, als hätte Piene einen Vulkan mit Lava gemalt. Wie eine Schwarzweiß-Fotocollage mutet „In and Over Mardi Gras“ an: Zahllose Hände entlassen wilde Figuren in den Himmel. Gegenüber leuchtet die Farbfläche des Ölgemäldes „Yellow“ in sattem Gelb mit pastoser Binnenstruktur.

 

Den letzten Raum der Ausstellung füllt eine „Die/Cube“ genannte Lichtinstallation samt Leuchtwürfel: Der Titel oszilliert zwischen der geometrischen Würfelform (cube) und dem englischen Wort für Spielwürfel (die). In diesem Meer wandernder Lichtreflexe fragt man sich, ob ihre Abfolge zufällig oder programmiert ist. Das bleibt unergründlich: Beim Betrachter fällt der Würfel jedenfalls nicht.

 

Erleuchtung für von Krieg verdunkelte Welt

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Heinz Mack in Berlin: Works from 1958 – 2012" - Retrospektive des Mitbegründers der ZERO-Gruppe in der Galerie Arndt, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "“Der geteilte Himmel: Die Sammlung 1945–1968” in der Neuen Nationalgalerie in Berlin mit dem Lichtraum von Otto Piene

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung “Attila Csörgö: Der Archimedische Punkt” über den ungarischen Lichtobjekt-Tüftler in der Kunsthalle, Hamburg.

 

Für Piene war Kunst ein Medium, um mithilfe von Licht, Musik und Bewegung Energie auf den Betrachter zu übertragen. Nach seinem Studium der Kunst und Philosophie gründete der gebürtige Ostwestfale 1957 mit Heinz Mack die Gruppe ZERO; vier Jahre später kam Günter Uecker hinzu. ZERO stand für den Aufbruch vom Nullpunkt in neue Gebiete. Die Künstler deuteten die alte Metapher des Erleuchtens um: Es sollte wieder hell werden in einer vom Zweiten Weltkrieg und Koreakrieg verdunkelten Welt.

 

Wie zur gleichen Zeit der Konzeptkünstler Yves Klein suchten die ZERO-Mitglieder nach Vibration in der Monochromie, nach Bewegung in der Ruhe. Diese Suche nach der Bedeutung selbst winziger Veränderungen ergab eine Verbindung zur Wissenschaft. Piene interessierte sich für Quantenmechanik, Elektronenmikroskopie und ökologische Nachhaltigkeit.

 

Black Planet Award für Deutsche Bank

 

1973 ging er zum Massachusetts Institute of Technology (M.I.T.) und leitete dort 20 Jahre lang ein Medienlabor für optische Experimente. Dort baute er den Schwerpunkt Ökologie immer weiter aus. Ab 2004 entwarf er jährlich einen neuen Blue Planet Award, mit dem die linksökologische Ethecon-Stiftung herausragende Leistungen zur Bewahrung Erde auszeichnet. Vergeben wird auch der Black Planet Award an besonders üble Umweltsünder, etwa an die Konzerne Nestlé und Monsanto – und 2013 an die Deutsche Bank.

 

Mit seinem Wirken hat er manche Künstler der folgenden Generation beeinflusst, etwa Olafur Eliasson. „Contact is content“, schrieb er über Piene: Der Sinn seiner Kunst komme durch den Kontakt, die Berührung zustande; durch die Form der Übertragung. Dadurch gewinnt Piene eine Freiheit, die seinen utopischen Idealismus ermöglicht. Der Himmel ist keine Grenze mehr: Neue Wege eröffnen sich, die neue Verbindungen schaffen.


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