Frankfurt am Main

Unendlicher Spaß

Maurizio Cattelan: Spermini, 1997, 10 x 15 x 10 cm (jede Maske), 250 Elemente aus bemaltem Gummiabguss; © Maurizio Cattelan. Foto: Schirn Kunsthalle Frankfurt
Auf den Spuren von David Foster Wallace: Sein gleichnamiger Epochen-Roman von 1996 stand Pate für diese Ausstellung der Schirn. 18 Künstler wollen zeigen, wie grenzenlose Möglichkeiten zu Überforderung und Erschöpfung führen – und lösen genau das aus.

Bis zu seinem Selbstmord 2008 galt David Foster Wallace, der zeitlebens an Depressionen litt, als junger shooting star der US-Literaturszene. Seinen Durchbruch erlebte er 1996 mit „Infinite Jest“ („Unendlicher Spaß“); der vom Feuilleton gefeierte Monumental-Roman erschien 2009 auch auf Deutsch – nach sechsjähriger Übersetzungsarbeit. Der Wälzer umfasst 1545 Seiten, davon 134 Seiten Fußnoten.

 

Info

 

Unendlicher Spass

 

05.06.2014 - 07.09.2014

täglich außer montags

10 bis 19 Uhr, mittwochs + donnerstags bis 22 Uhr

in der Schirn Kunsthalle, Römerberg, Frankfurt/Main

 

Weitere Informationen

Ausstellungs-Kurator Matthias Ulrich brauchte sieben Monate, um sich durch den Text zu kämpfen. Der Kraftaufwand dürfte sich gelohnt haben: „Unendlicher Spaß“ ist ein extrem anspruchsvolles Werk, das von hochgeistigen gedanklichen Konstrukten nur so wimmelt. Etwa einer neuen Zeitrechnung, in der die Handlung überwiegend im „Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche“ angesiedelt ist.

 

Dasselbe Video immer wieder sehen

 

Das Kernelement der satirischen Dystopie bildet ein fatales Video, das wie der Roman selbst betitelt ist: Wer es ansieht, wird augenblicklich in den Zustand eines Kleinkindes zurückversetzt und möchte nichts Anders mehr tun, als immer wieder genau dieses Video anzuschauen. Mittlerweile überfluten digitale Medien die Welt mit Filmbildern: Das Thema hat an Aktualität noch gewonnen.


Impressionen der Ausstellung; © Schirn Kunsthalle Frankfurt


 

Pro Raum je ein Künstler

 

Laut Kurator Ulrich behandelt die Ausstellung eher Phänomene wie Depression und Erschöpfung anstelle von „unendlichem Spaß“: Die Gegenwart ist vom Versprechen schier grenzenloser Möglichkeiten zu individueller Selbstverwirklichung gekennzeichnet. Zugleich wächst der ökonomische und gesellschaftliche Druck zur Selbstoptimierung: Überforderung führt zu burn out und zunehmender Entsolidarisierung.

 

Ulrichs ehrgeiziges Konzept orientiert sich am Aufbau des Romans. Dem wild-assoziativen Collage-Stil des Buches entsprechend, können die 18 Ausstellungsräume auf beliebige Weise durchquert werden; jeder Raum ist einem Künstler gewidmet. Wobei die einzelnen Elemente wie die Abschnitte des Romans von Foster Wallace in ihrer Gesamtheit ein größeres Ganzes offenbaren sollen.

 

Ballons auf der Mini-Achterbahn

 

Die meisten Exponate sind Konzeptkunst-Installationen, die sich mal mehr, mal weniger erschließen. So schlicht wie genial ist das unbetitelte Förderband von Peter Coffin, das einen ganzen Raum einnimmt; darauf fahren zusammengebundene Luftballons umher. Die Konstruktion erinnert an eine Miniatur-Achterbahn; ihre Sinnfreiheit eröffnet einen weiten Assoziationsraum. Ballons lassen an Jahrmarkt und Vergnügen denken – aber anstatt frei zu schweben, sind sie an ein starres System gekettet. Immerhin kommen die Ballons in unvorhersehbaren Abständen frei.

 

Ähnlich minimalistisch ist „Tutti giù per terra“ („We all fall down“) von Lara Favaretto. Hinter einer Glasscheibe stehen in einem schmalen Raum Industrie-Ventilatoren, die Konfetti zu sich stetig verändernden Haufen verwirbeln; sie ähneln Felsformationen. Dieses Konfetti ist nicht fröhlich bunt, sondern monochrom blau. Die einfarbigen Papierschnipsel lassen sich als uniforme Menschenmassen interpretieren, die von Kräften bewegt werden, derer sie sich nicht bewusst sind.

 

250 Mal Maurizio Cattelan an der Wand

 

Raumfüllend ist Josep van Lieflands Installation „Video Palace“: Er hat Tausende VHS-Kassetten bis an die Decke gestapelt. Nur ein schmaler Gang um einen zentralen Raum bleibt frei, der wie das Arbeitszimmer eines spleenigen nerd wirkt. Vor drei Jahrzehnten wurde die altehrwürdige Buchkultur durch neue Medien abgelöst, die nun ebenfalls wieder alt aussehen und durch die allerneusten Medien ersetzt wurden. Doch bereiten die aufgetürmten, billigen B-movies wirklich „unendlichen Spaß“? Wohl zumindest keine Depressionen.

 

Neben solchen Großwerken finden sich auch kleinere skulpturale Arbeiten, oft mit absurdem Witz. Etwa „Spermini“ von Maurizio Cattelan: 250 kleine, farbig angemalte Gummimasken hängen als leicht variierte Porträt-Karikaturen des Künstlers an der Wand. Wie ein Schwarm uniformer Klone oder eine imaginäre Schar von Nachkommen – als ultimative Form des Machtgewinns.

 

Kreisel von Alicja Kwade fällt nie um

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung “Halluzinierte Welt – Malerei am Rande der Wirklichkeit” im Haus am Lützowplatz, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Playtime" über Kunst zur Veränderung der Arbeitswelt im Lenbachhaus, München

 

und hier einen kultiversum-Bericht über den Film "Inception" - Psycho-Thriller über Traumwelten von Christopher Nolan mit Leonardo DiCaprio.

 

Anri Salas Wandskulptur „Title supended (Purple)“ trägt die Ironie schon im (suspendierten) Titel. Zwei Hände in lila Klinik-Handschuhen strecken einander ihre Finger entgehen, wie auf Michelangelos berühmten Fresko in der Sixtinischen Kapelle. Dort haucht Gott mit seinem Finger Adam Leben ein. Hier drehen Motoren beide Hände um ihre eigene Achse, so dass diese sinnfällige Geste immer nur kurz zustande kommt. Außerdem wirken die Handschuhe zu steril, um Leben einhauchen zu können – obwohl in Krankenhäusern die Farbe Lila für Nichtsterilität steht.

 

Einfach macht es sich Alicja Kwade mit „Kreisel (Inception)“. Ein Video zeigt den Kreisel aus Christopher Nolans Film „Inception“; er kreist endlos und friert somit das Filmende ein. Dagegen fällt in Nolans Film der Kreisel um, wenn man sich gerade in der Realität befindet – und nicht etwa in einer Traumwelt. Hier hält der Kreisel jedoch nie an, was der Künstlerin zufolge heißen soll, dass „der Spaß weitergeht“ – was als Pointe so geklaut ist wie der Kreisel aus Nolans science fiction-Film.

 

Deutungsoffen bis sinnfrei

 

Solche second hand-Ideen sind symptomatisch für eine Ausstellung, die alles will und sich dabei auf nichts festlegt: Offenbar soll der Besucher ebenfalls „unendlichen Spaß“ haben und sich nicht unangenehm belehrt fühlen. Das Überangebot an deutungsoffenen bis sinnfreien Exponaten wirkt anregend und erschlagend zugleich; niemand dürfte hier neue Orientierung für Wege aus der Überforderung finden. Stattdessen stellt sich allmählich Erschöpfung ein: So wird diese ausufernde Schau ihrem Anspruch gerecht – bloß anders, als beabsichtigt.


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