Köln

Von Istanbul bis Yokohama: Die Reise der Kamera nach Asien 1839 – 1900

Mit Temari-Bällen jonglierende Frau, ca. 1890er Jahre, Albuminabzug, handkoloriert, Museum für Ostasiatische Kunst. Fotoquelle: © RBA Köln

Export von Fotografie im Geist der Souvenir-Industrie: Die ersten Lichtbilder in Asien wurden für die ersten Touristen gemacht. Gestellt, geschönt, und dennoch faszinierend fremdartig – das zeigt sehr anschaulich das Museum für Ostasiatische Kunst.

Reise um die halbe Welt in 40 Tagen: Das war nach Öffnung des Suez-Kanals 1869 keine Hexerei mehr. Aus Mittelmeer-Häfen fuhren regelmäßig Dampfer über Konstantinopel und Aden in drei Wochen nach Indien oder Ceylon (Sri Lanka). In Bombay, Colombo oder Kalkutta wechselte man das Schiff, machte in Singapur und Hongkong Halt und erreichte nach 20 Tagen Yokohama.

 

Info

 

Von Istanbul bis Yokohama: Die Reise der Kamera nach Asien

1839 1900

 

17.05.2014 – 07.09.2014

täglich außer montags

11 bis 17 Uhr,

donnerstags bis 22 Uhr

im Museum für

Ostasiatische Kunst,

Universitätsstraße 100, Köln

 

Katalog 34 €

 

Weitere Informationen

 

Wer weiter in die USA wollte, musste nur noch einmal umsteigen: Die erste Dampfer-Linie über den Pazifik zwischen Japan und Nordamerika nahm 1867 den Betrieb auf. Was vorher ein langwieriges und riskantes Abenteuer gewesen war, wurde zum gefahrlosen Zeitvertreib für jedermann. Ein neuer Menschenschlag tauchte auf: Der globetrotter, der nicht aus Not oder Geschäftssinn reist, sondern aus Neugier oder zum Vergnügen.

 

Schildkröten-Steaks in Singapur

 

Nicht zu verwechseln mit dem zeitgenössischen backpacker, der schwer beladen mit wenig Geld durch die Welt zieht. Transkontinental-Tourismus war Begüterten vorbehalten, doch denen wurde einiges geboten. In allen Hafenstädten etablierten sich bald Luxus-Hotels, von deren Service Pauschalurlauber nur träumen können: In Singapur labte sich der britische Schriftsteller Rudyard Kipling an Schildkröten-Steak im „Raffles“, in Hongkong an Spanferkel im „Victoria“.


Interview mit Direktorin Adele Schlombs + Impressionen der Ausstellung


 

Schon 1844 fotografiert halb Asien

 

Die ersten Touristen ließen sich in Sänften tragen oder in Rikschas zu Sehenswürdigkeiten karren, die Reiseführer auflisteten: Rasch entstand ein Kanon, was man wo gesehen und erlebt haben musste. Diese Normierung des Wichtigen und Wesentlichen kam einer jungen Branche zugute, deren Gewerbe mit dem beginnenden Fremdenverkehr aufblühte: Fotostudios, die Erinnerungs-Bilder anboten. Sie siedelten sich nahe von oder direkt in Hotels an.

 

1839 hatte Louis Daguerre die Daguerreotypie vorgestellt. Seine Erfindung verbreitete sich so schnell wie heute das Internet: Ende des Jahres wurden in Ägypten erste Lichtbilder angefertigt. Schon im Januar 1840 war Foto-Zubehör in Bombay und Kalkutta erhältlich, wenig später in Konstantinopel. 1841 wurden erste Aufnahmen in Singapur gemacht, 1842 im Iran. 1844 arbeiteten Fotografen in Ceylon, China und Indonesien. Nur in Japan dauerte es ein paar Jahre länger; das Inselreich schottete sich bis 1853 gegen westliche Einflüsse ab.

 

Schiffahrts-Routen + Souvenir-Industrie

 

So kam die Fotografie nach Asien: auf den Schiffahrts-Routen der Kolonialmächte, als Vorhut einer künftigen Souvenir-Industrie. Beides definierte ihre Weltsicht und Motivwahl, wie die Ausstellung sehr anschaulich vorführt. Dabei schöpft das Museum für Ostasiatische Kunst aus eigenem Bestand.

 

Gründer Adolf Fischer starb 1913 kurz nach Eröffnung des Hauses; er hinterließ mehr als 1000 Aufnahmen, die er auf seinen Asien-Reisen zusammengetragen hatte. Zum 100-jährigen Bestehen hat das Museum diese Sammlung aufbereitet. Es zeigt nun erstmals rund 350 Aufnahmen von etwa 35 Fotografen „von Istanbul bis Yokohama“.

 

Lebende Bilder mit wechselnden Rollen

 

Fischer hatte mit Bedacht ausgewählt: alle gängigen Regionen und Sujets sind vertreten. Umso deutlicher wird, wie stereotyp viele Kompositionen ausfallen. Insbesondere bei Porträts: Da bei den langen Belichtungszeiten Bewegungen unscharf wurden, mussten die Personen stillhalten – nicht anders als in Europa. Doch in Kairo, Bombay oder Hongkong wurden sie vermeintlich landestypisch ausstaffiert.

 

Diese gestellten Szenen erinnern an lebende Bilder, wie sie im Barock beliebt waren. Da wird ein ägyptischer Bartträger, der eben noch als Obsthändler auftrat, in der nächsten Aufnahme zum Kunden eines Barbiers. Und der Jüngling, der ihm das Haar richtet, gab zuvor den Obstkäufer. Tänzer in Ceylon posieren in eingefrorenen Bewegungen. Eine Japanerin jongliert scheinbar mit Bällen, die an der Decke hängen.

 

Opiumraucher zeigen Chinas Schwäche

 

Halbnackte Chinesen rauchen Opiumpfeifen in seltsamen Verrenkungen – Bilder von bedröhnten Schlitzaugen galten als Indiz für Chinas Schwäche. Offenbar kam derlei den Käufern nicht merkwürdig vor: Solche Klischees waren ihnen aus europäischer Malerei im Stil des Orientalismus, Japonismus oder von Chinoiserien vertraut. Exotisch wirkten eher Würdenträger oder junge Mädchen mit aufwändigen Trachten und Kopfputzen.

 

Ganz naturgetreu fielen dagegen Aufnahmen von Landschaften und Baudenkmälern aus: Entweder bieten sie – wie altägyptische Ruinen und ostasiatische Tempel – noch immer denselben Anblick, oder sie zeigen Zustände, die unwiederbringlich verloren sind: Malerische Häfen voller Segelboote und Kutter, oder Provinznester, die mittlerweile zu Millionen-Metropolen mutiert sind.

 

Hongkong als pittoresker Küstenort

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung “Das Koloniale Auge” – über frühe Porträtfotografie in Indien im Museum für Fotografie, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Die Geburtsstunde der Fotografie” mit der weltweit ersten Aufnahme von 1826 und Arbeiten des 19. Jahrhunderts in den Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Jimmy Nelson: Before They Pass Away“ – Aufnahmen indigener Völker + Kulturen in der Galerie Camerawork, Berlin.

 

Insbesondere die Stadtansichten wirken wie aus einer anderen Welt: Konstantinopel als Meer osmanischer Holzhäuser, gespickt mit Moschee-Minaretten. Kyoto als gemütliche Kleinstadt niedriger Flachbauten. Hongkong als pittoresker Küstenort mit schmucken Kolonialhäusern in Reih und Glied. Der chinesische Fotograf Lai Afong knipste die Innenstadt von Kanton: ein Gewirr verwinkelter Gassen, jeder Fleck von Spruchbändern voller Schriftzeichen bedeckt.

 

All das ist praktisch verschwunden – ebenso wie exzentrische Frisuren, Nasenschmuck oder Gewänder der Statisten solcher Aufnahmen. Obwohl sie für Erwartungen und Sehgewohnheiten der globetrotter arrangiert wurden, ist den Modellen stets ihre Verwurzelung in lokalen Kulturen anzusehen. Das macht diese Bilder so fremdartig wie faszinierend.

 

Handkoloriert wie Holzschnitte

 

Zumal manchmal regionale Kunst-Traditionen mit hineinspielen. In Japan sind Farbholzschnitte seit jeher populär; als Fotografie aufkam, orientierte sie sich an klassischen Vorbildern und wurde im gleichen Stil dezent koloriert. Diese Yokohama Shashin waren Verkaufsschlager; geschäftstüchtige Studios nummerierten ihre Motive durch. Das erleichterte Katalogisierung und Nachbestellung.

 

Kunst und Kommerz in Vollendung – bei Artikeln, die damals ebenso Massenware waren wie heutzutage Ansichtskarten. Vielleicht werden auch die Souvenirs unserer Tage – Schlüsselanhänger, Schneekugeln und sonstige gadgets – in 100 Jahren als einzigartige Zeugnisse einer verflossenen Epoche bewundert werden.


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