Philip Seymour Hoffman

A Most Wanted Man

Der Arbeitsplatz eines Getriebenen: Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman). Foto: Senator Film

(Kinostart: 11.9.) Showdown in Hamburg: Ein Tschetschenien-Flüchtling gerät ins Fadenkreuz diverser Geheimdienste. Den Thriller von John Le Carré verfilmt Regisseur Anton Corbijn sachlich kühl; Philip Seymour Hoffman brilliert in seiner letzten Rolle.

Der Brite John Le Carré ist einer der erfolgreichsten Autoren von Agententhrillern, die er seit einem halben Jahrhundert schreibt. In diesem Zeitraum hat sich die Welt der Spione stark verändert; das spiegeln die Verfilmungen seiner Romane wider. „Dame, König, As, Spion“ von Tomas Alfredson beeindruckte 2011 mit atmosphärischer Dichte und angenehm altmodischem Flair – die gleichnamige Vorlage ist 40 Jahre alt.

 

Info

 

A Most Wanted Man

 

Regie: Anton Corbijn,

123 Min., Großbritannien/ Deutschland/ USA 2013

mit: Philip Seymour Hoffman, Grigoriy Dobrygin, Daniel Brühl, Willem Dafoe

 

Website zum Film

 

Vollkommen anders hingegen „A Most Wanted Man“ nach einem Le-Carré-Roman von 2008: Regisseur Anton Corbijn zeigt Agenten, die so aalglatt wie Manager sind. Nur Günther Bachmann als eigensinniger Leiter einer kleinen Spezialeinheit des deutschen Geheimdienstes hat noch Ecken und Kanten. Damit wirkt Bachmann (hervorragend: Philip Seymour Hoffman in seiner letzten Filmrolle) fast wie ein Relikt aus längst vergangener Zeit.

 

Der Beobachter wird beobachtet

 

Hamburg, 2012: Issa Karpov (Grigoriy Dobrygin) – halb Russe, halb Tschetschene – kommt illegal im Hafen an; er findet Zuflucht in der islamischen Gemeinde der Stadt. Den rätselhaften Flüchtling nimmt Bachmann mit seiner Einheit ins Visier. Doch er wird seinerseits vom Leiter des Hamburger Verfassungsschutzes und der CIA-Agentin Martha Sullivan (Robin Wright) genau beobachtet und zunehmend unter Druck gesetzt.


Offizieller Filmtrailer


 

Ein Vermögen für wohltätige Moslems

 

Karpov ist schwer einzuschätzen: Einerseits erscheint der in seiner Heimat gefolterte Flüchtling selbst als Opfer. Andererseits erweckt er Verdacht, weil er an das große Vermögen seines verhassten Vaters herankommen will, das bei einer Bank in Hamburg verwahrt wird. Dazu beauftragt er eine Anwältin, den britischen Banker Thomas Brue (Willem Dafoe) zu kontaktieren.

 

Zwar gibt Karpov vor, das Vermögen humanitären Zwecken zu spenden. Doch er will einen enormen Betrag dem islamischen Gelehrten Faisal Abdullah überschreiben, der für wohltätiges Engagement bekannt ist. Die Geheimdienstler argwöhnen, dass Abdullah einen Teilbetrag für islamistische Terroristen abzweigen wird. Die Lage spitzt sich zu, als Karpov von den Agenten als Lockvogel benutzt wird, um den Gelehrten zu überführen.

 

Deutsche Autonomie endet bei US-Interessen

 

Damit könnte sich „A Most Wanted Man“ von „Dame, König, As, Spion“ kaum stärker unterscheiden. Wie immer bei Le Carré, der bis 1964 für den britischen Geheimdienst arbeitete, sind die Agenten eher intelligente Kopfarbeiter denn Martini schlürfende womanizer. Doch im Vergleich zu Alfredsons altmodisch-romantischer Spionage-Saga wirkt Corbijns Film geradezu steril.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Dame, König, As, Spion“ – brillante Verfilmung des Bestsellers von John Le Carré durch Tomas Alfredson mit Colin Firth

 

und hier einen Beitrag über den Film “The Ides of March – Tage des Verrats” – Polit-Thriller mit Philip Seymour Hoffman von George Clooney

 

und hier einen Bericht über den Film “How I Ended This Summer” – Drama von Alexej Popogrebsky mit Grigoriy Dobrygin, prämiert mit drei Silbernen Bären bei der Berlinale 2010.

 

Er zeigt die Geheimdienst-Welt nach dem 11. September: Deutsche Dienste arbeiten nur so lange scheinbar autonom, wie sie nicht US-Aktivitäten in die Quere kommen. Die werden durch CIA-Agentin Sullivan vertreten: Sie tritt zwar diplomatisch auf, setzt jedoch ihre Interessen im Alleingang ohne Rücksicht auf Verluste bei ihren Gastgebern durch.

 

Agent will nicht nach Hamburg

 

Den Gegenpol markiert Bachmann, der Geheimdienst-Veteran mit Alkoholproblem. Seymour Hoffman spielt ihn müde und desillusioniert, aber auch als Mann differenzierter Gefühle und Blicke auf ambivalente Akteure wie Karpov. Bachmann hält wenig von Bürokratie; er vertraut lieber seinem Bauchgefühl. Damit wird er zur tragischen Figur; hilflos muss er erdulden, wie er im Spiel der Geheimdienste aufgerieben wird.

 

Hamburg prägt als Handlungsort die kühl-sachliche Atmosphäre des Films. Regisseur Corbijn zeigt die Elbmetropole als unglamouröse Handelsstadt voller Stahlcontainer, Bürofassaden und schlichter Backsteinhäuser. Alles sehr unspektakulär: Einmal beschwert sich sogar ein Agent, an diesen Nebenschauplatz des internationalen Geschehens versetzt zu werden.

 

Zu viele Whiskys in dünner Luft

 

Zu Unrecht: Die Hansestadt gibt eine wunderbar unverbrauchte Kulisse für einen Agententhriller ab. Wobei „A Most Wanted Man“ eher ein Drama ist: Anstelle eines großen Spannungsbogens entfaltet sich ein verwickeltes Geflecht aus unspektakulären Schritten und Schachzügen mit ungewissem Ausgang. Kein Wunder, dass Günther Bachmann zu viele Whiskys kippt: In dieser undurchschaubaren Welt ist die Luft für Querdenker wie ihn zu dünn geworden.


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