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Adam Holý: Foto aus der Serie "The Overview Effect"; Polansky Gallery, Prag. Foto: ohe

Berlin Art Week 2014: abc – art berlin contemporary + Positions Berlin Art Fair


Gier frisst Freiheit: Die Berlin Art Week mutiert zum Monster-Spektakel, bei dem alle auf ihre Kosten kommen – nur nicht die Kunst. Die abc-Messe floriert auch ohne Ideen, die frühere Preview-Messe konzentriert sich als Positions aufs Wesentliche.


Im dritten Jahr wird die "Berlin Art Week" zu dem, was ihre Erfinder im Senat bezweckt haben: ein Markenprodukt. Was als Lückenbüßer für die 2010 verblichene "art forum"-Messe begann, hat sich zum Monster-Spektakel gemausert. Bei dem alle mitmachen wollen: diesmal elf Institutionen und zehn weitere "temporäre Partner" von der "Debatten-Plattform" bis zum Fünf-Quadratmeter-Projektraum.

 

Info

 

abc – art berlin contemporary

 

18.09.2014 - 21.09.2014

Donnerstag 16 bis 21 Uhr, Freitag + Samstag 12 bis 19 Uhr, Sonntag 12 bis 18 Uhr

in der Station Berlin,
Luckenwalder Strasse 4—6

 

Website zur Messe

 

Positions Berlin Art Fair

 

18.09.2014 - 21.09.2014

Donnerstag 18 bis 22 Uhr, Freitag + Samstag 13 bis 20 Uhr, Sonntag 11 bis 18 Uhr

im Kaufhaus Jahndorf,

Brunnenstr. 17-21, Berlin 

 

Website zur Messe

 

Sowie natürlich die beiden wichtigsten Kunstmessen der Stadt, die zusammen mehr als 160 Aussteller versammeln. Zugpferd ist die "abc – art berlin contemporary"; in ihrem Schlepptau eröffnen an zwei Abenden 55 Berliner Galerien neue Ausstellungen. Dazu kommen unzählige weitere, die als Trittbrettfahrer irgendwelche Projekte und Aktionen bieten. Dabei sein ist alles: Jeder will ein Rinnsal des breiten Besucher-Stroms in seinen Laden lenken. Die Masse macht's.

 

Oktoberfest des Kunstbetriebs

 

Bei diesem Oktoberfest des Kunstbetriebs wäre die Frage abwegig, ob und wie man alles sehen könne; beim Münchener Vorbild trinkt ja auch keiner in jedem Festzelt eine Maß. Es geht nicht um Beschäftigung mit Kunst; niemand reist an, um andächtig Bilder zu betrachten. Es geht um Geschäfte mit Kunst: Marktüberblick verschaffen, Trends wittern, Kontakte knüpfen, netzwerken und später zum Abschluss kommen. Anspruchsvolle Werke stören dabei nur.

 

Die "Art Week" ist ein Branchentreff wie die "Music Week" und "Fashion Week". Passenderweise läutete ihn die erste "Artfi – The Fine Art & Finance Conference" in Berlin ein; da ging es um big business. 2014 wurden weltweit 47 Milliarden Euro mit Kunst umgesetzt; Deutschland ist mit einem Prozent Marktanteil noch Entwicklungsland. Doch die Profis beließen es bei Allgemeinplätzen; über die delikate Kunst, wie man Preise hochtreibt und Sammlern Geld aus der Tasche zieht, verrieten sie nichts.


Impressionen der art berlin contemporary 2014 + Interview mit der künstlerischen Leiterin Maike Cruse

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Geschlossene Häuser sind auch dabei

 

Hauptsache, man bleibt im Gespräch; wie im Spitzensport oder show business ist Aufmerksamkeit Gold wert. Sogar für Abwesende: An der "Art Week" nehmen zwei Einrichtungen teil, die derzeit geschlossen sind. Die Berlinische Galerie wird renoviert, die Fotogalerie C/O Berlin öffnet erst Ende Oktober – aber beide werden überall mit aufgelistet.

 

Auch auf der "abc" redet man ungern über Geld. In den weitläufigen Hallen des früheren Postbahnhofs angesiedelt, will sie mehr als eine schnöde Verkaufsmesse sein: Die Teilnehmer – diesmal 111 Galerien aus 20 Ländern – werden von den Machern eingeladen und dürfen nur je einen Künstler vorstellen. Früher wurde ein Thema vorgegeben, doch 2012 fiel das weg. Stattdessen sollen offene Stände mit mobilen Trennwänden für visuelle Zusammenhänge sorgen.

 

Galerie-Stände wie Rumpelkammern

 

Das verhindert zwar drangvolle Enge in den Kojen, befördert aber die Beliebigkeit eines Basars. Bei vielen raumgreifenden Installationen ist kaum auszumachen, was wohin gehört. Zumal sich kleinteilige Arbeiten etlicher Künstler schlecht für diese Präsentationsform eignen: Die Stände ihrer Galerien wirken wie Rumpelkammern, wo in allen Ecken etwas herumliegt.

 

Da freut man sich über einen optischen Paukenschlag wie den Mega-Kronleuchter von Kristof Krintera (Galerie Schleicher/ Lange): Der Tscheche hat Straßenlampen zu einem Ungetüm verschweißt, das den gesamten Petersdom ausleuchten könnte. Mathieu Mercier verklammert Abwasserrohre zu provisorischen Sitzbänken (Mehdi Chouakri); einfach, aber bei erschöpften Besuchern heiß begehrt.


Impressionen der Positions Berlin Art Fair 2014

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Toast von John Bock, Drinks von Alex Hubbard

 

Kunst mit Nutzwert ist ansonsten eher rar. Heißhunger stillt John Bock, der am selbst gezimmerten Imbiss-Stand Toast Hawaii serviert (Sprüth Magers). Durst löschen lässt sich in der Ein-Mann-Bar, die Alex Hubbard eingerichtet hat (Galerie Neu): In einer Art high tech-Telefonzelle dürfen einsame Trinker ihre Cocktails selbst mixen.

 

Dagegen nimmt Kerim Seiler in seiner Bügelstube keine zerknitterte Wäsche an: Er bügelt zwar unentwegt, aber nur eigene Tücher (Grieder Contemporary). Diverse performer versprechen, andere Bedürfnisse zu befriedigen: Nach Anmeldung tanzen, sprechen oder schweigen sie in Einzelterminen. So wird selbst schlichte Zuwendung zum hoch dotierten Kunstwerk.

 

Elendsporno aus Lampedusa

 

Immerhin haben Einzelne etwas davon. Anders bei engagierten Arbeiten zu Problemen der Menschheit oder Teilen von ihr: Ihre Ideen und Mittel sind oft so simpel, als wollten sie Zehnjährige aufklären. Der Kanadier Douglas Coupland – mit seinem Roman "Generation X" ein Kult-Autor der 1990er Jahre – bekleckert Dutzende von Weltkugeln mit Farbe (Daniel Faria Gallery, Toronto): Planet Erde ist in Gefahr!

 

Der Ire Richard Mosse fotografiert im Kongo Miliz-Kämpfer und verlassene Hütten mit Infrarotfilm, der signalisiert: keine Reportage, sondern Kunst! (Carlier | Gebauer). Mühelos überschreitet Sislej Xhafa die Geschmacksgrenze zum Elendsporno: Der Kosovare nagelt Zivilisations-Müll von Flüchtlingen auf der Insel Lampedusa als "Medusa Archive" an die Wand (Blain | Southern). Was die Ärmsten der Armen zurückließen, verwandelt er in Fetische; Dreck wird zu Gold.

Wann kommt Hakenkreuz-Plastik von Meese?

 

Man muss die letzten 20 Jahre verschlafen haben, um derlei "spannend" und "aufwühlend" zu finden, wie zwei Lieblingsfloskeln der Branche lauten. Oder so naiv oder verblendet sein wie Fernando Bryce aus Peru: Er zeigt eine mannshohe Hammer-und-Sichel-Skulptur aus Draht mit Tusche-Porträt von Willi Münzenberg, dem KP-Pressemogul in der Weimarer Republik. Zur Erinnerung: In den 1980er Jahren starben im Guerillakrieg gegen die Maoisten vom "Leuchtenden Pfad" rund 70.000 Peruaner. Wann kommt die erste Hakenkreuz-Plastik samt Goebbels-Porträt?

 

Die würde man Jonathan Meese zutrauen, doch seine vier taufrischen Ölgemälde wirken ausgelaugt und ratlos (Krinzinger). Ohnehin sind nur wenige Superstars des Kunstbetriebs vertreten – und wenn, dann fad. Walter Dahn, Ex-Hitzkopf der "Neuen Wilden", bietet blasse Abklatsche einstiger Bilderstürmereien (Sprüth Magers).

 

Newcomer-Werke von 1967

 

Ein Kontrapunkt von Martin Eder mit altmeisterlich gemalten Fantasy-Kriegerinnen wirkt so anachronistisch wie ein Mittelalter-Jahrmarkt (Eigen + Art). Die Galerien Mehdi Chouakri und Konrad Fischer haben Vierkant-Rohre von Charlotte Posenenske mitgebracht – die Minimalistin schuf ihr letztes Werk 1967 und starb 1985.

 

In diesem Sammelsurium ginge sie als newcomer durch. Hier sind Schwerpunkte, Tendenzen oder Innovationen nicht auszumachen; déjà vu dominiert. Was einem reinen Warenumschlagplatz nicht vorzuwerfen wäre; da ist eben zu sehen, was die Händler mitbringen. Doch die abc startete vor sieben Jahren mit dem Anspruch, Reflexion und Debatten über Kunst befördern. Davon scheint nichts mehr übrig: business as usual.

 

Neue Messe im Jugendstil-Kaufhaus

 

Dann lieber eine Verkaufsmesse, die nicht mehr sein will als das – wenn sie so ausfällt wie "Positions". Noch 2013 firmierte sie als "Preview", doch die Macher trennten sich. Kristian Jarmuschek hat seine Neuschöpfung im früheren Jugendstil-Kaufhaus Jandorf untergebracht: eines der letzten Wahrzeichen Ostberlins, das immer noch leer steht.

 

Dass die letzte "Preview" aus allen Nähten platzte, wurde korrigiert. Auf zwei Etagen verteilen sich 52 Aussteller auf einem Parcours, dessen weiträumige Kojen genug Platz bieten. Und die Auswahl der Teilnehmer ist homogener geworden: Schräge Experimente mit Spektakel-Schlagseite fehlen ebenso wie Anbieter allzu gefälliger Dekorations-Kunst.

 

Organisch schwellende Küchen-Plastik

 

Manche Preview-Veteranen sind abermals dabei. Die weiteste Anreise dürfte wohl Frantic Gallery aus Tokio hinter sich haben: Sie zeigt monumentale Muster- und Blüten-Grafiken von Macoto Murayama. Mit Konstruktions-Hilfslinien macht er deutlich, wie kompliziert diese filigranen Gebilde sind.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der “Berlin Art Week 2013″  – abc art berlin contemporary + Preview Berlin Art Fair in Berlin

 

und hier eine Besprechung der “Berlin Art Week 2012” – mit der abc art berlin contemporary in Berlin

 

und hier einen Beitrag über das “Gallery Weekend 2012” in Berlin

 

und hier einen Bericht über die Kunst-Messe “art berlin contemporary 2011” in Berlin.

 

Ebenfalls organisch mit schwellenden Rundungen wirken die abstrakten "Kitchenplastics" von Anke Eilergerhard: Was aussieht wie der feuchte Traum eines 3D-Druckers, spritzt sie in langwieriger Handarbeit aus buntem Silikon (2.500 bis 25.000 Euro; Art Felicia, Liechtenstein).

 

Zivilisations-Ruinen in Malerei bannen

 

Liu Guangyun verwandelt dagegen Natur in Plastik: Fotoporträts von Frauen nach Schönheitsoperationen beschichtet er mit Kunststoff, bis sie cyborgs ähneln (850 bis 5.000 Euro). Was das kostet, verdeutlicht Oliver Czarnetta: Seine lebensgroße Samurai-Rüstung besteht aus Geistergeld, das in China bei Begräbnissen verbrannt wird. Dazu passen Stefan Hoenerlohs fotorealistisch menschenleere Renaissance-Veduten à la Piranesi. (Schmalfuss).

 

Morbides findet sich vielfach; als wollten etliche Teilnehmer die Ruinen der Zivilisation in Malerei bannen. Nirgends ist das Ende näher als in der Tschernobyl-Geisterstadt Pripyat. Das dortige Riesenrad hat der Ire Brian Duggan maßstabsgetreu nachgebaut: ein gespenstisches Spielzeug (Balzer, Basel). Mit zerstäubter Technik-Euphorie spielt dagegen Daniel Schüßler. Seine Falschfarben-Landschaften sind von science fiction-Trümmern übersät (Ambacher).

 

Freiheit mit kleiner Münze

 

Aparter Niedergang und malerischer Verfall, wohin man schaut: Ob es an der Abbruch-Ästhetik des Ausstellungsortes liegt, dass solche Untergangsvisionen dem Kunst-Boom Hohn sprechen? Jedenfalls erinnert Ralf Kopp daran, worum es bei der "Art Week" geht. Am Eingang hat er auf dem Gehsteig mit zahllosen Ein-Cent-Münzen das Wort "Freiheit" ausgestreut. Nun wartet er ab, was Passanten damit machen – unter dem Titel: "Gier frisst Freiheit".



Von Ivo Nagelweihler, veröffentlicht am 20.09.2014





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