David Cronenberg

Maps to the Stars

Havana (Julianne Moore) hofft auf Hilfe durch Yogaübungen. Fotoquelle: MFA Filmdistribution

(Kinostart: 11.9.) Mit 13 Koks, mit 46 Selbstmord: Am Beispiel einer Superstar-Familie zeigt Regisseur Cronenberg Hollywood als goldenen Käfig voller Kaputtniks. Seine bitterböse Satire mit exzellentem Ensemble erstarrt allerdings in Künstlichkeit.

Als „Maps to the Stars“ in Berlin der Presse gezeigt wurde, war das große Thema der Selbstmord von Robin Williams: wegen Depressionen, Alkohol- und Drogenproblemen. Damit reihte er sich in die große Schar von Hollywood-Stars ein, die ihr Leben nicht mehr aushielten. Wie Philip Seymour Hoffman im Februar: Er wurde mit einer Nadel im Arm aufgefunden.

 

Info

 

Maps to the Stars

 

Regie: David Cronenberg,

111 Min., Canada/ USA 2014;

mit: Julianne Moore, Mia Wasikowska, John Cusack, Robert Pattinson

 

Website zum Film

 

Auch in David Cronenbergs neuem Film sind Depressionen allgegenwärtig; sie grassieren als Volkskrankheiten in Beverly Hills, Bel Air und Santa Monica. Dazu konstruiert der kanadische Regisseur eine idealtypische showbiz-Familie: Kinder-Star Benjie Weiss (Evan Bird) kann mit 13 Jahren schon auf eine längere Drogen- und Entzugskarriere zurückblicken.

 

Feuerteufel-Tochter aus der Klapse

 

Mutter Christina hat jahrelang wie ein Helikopter ihren Sohn umkreist, um ihm und dem Familienkonto die lukrativsten Verträge ranzuschaffen. Vater Stafford (John Cusack) brachte es mit obskuren Therapien und totaler Selbstvermarktung zum berühmten Motivations-Guru. Dann ist da noch Tochter Agatha (Mia Wasikowska): Sie hat vor Jahren das Familienanwesen angezündet. Verbannt und nach Florida verstoßen, verbrachte sie dort die letzten Jahre in der Klapsmühle. Nun taucht sie wieder auf.


Offizieller Filmtrailer


 

Psychopillen, Crackpfeife oder Massagen

 

Cronenbergs Ensemble tritt so redselig auf wie das Personal von Woody Allen: Alle Akteure sind süchtig nach Ruhm und Bestätigung. Selbstzweifel werden wegtherapiert; entweder in Eigenmedikation mit Psychopharmaka oder Crackpfeifchen. Oder jeder Rückschlag wird mit Selbstverleugnung tapfer runtergeschluckt. Oder ein Quacksalber massiert allwöchentlich nervöse Verspannungen und mentale Verkrampfungen einfach raus.

 

Havana Segrand (Julianne Moore) ist ein besonders schwerer Fall. Die alternde Diva war eine bekannte Schauspielerin; allerdings stand sie stets im Schatten ihrer Mutter. Aus dem würde sie gern heraustreten: Im remake von Mamas größtem Erfolgsfilm will sie unbedingt deren Rolle übernehmen.

 

Gut überschminkt + durch Whisky konserviert

 

Havana ist ein manisch-depressives Wrack, so reich wie abgehalftert; freilich gut überschminkt und durch reichlichen Whisky-Genuss konserviert. Sie lebt in ihrem eigenen Hollywood-Phantasma, verlässt selten das Haus, ist aber in der Branche noch gut vernetzt. Doch als emotionales Pulverfass gefährdet sie jede Filmproduktion: Hier goutiert man jede Marotte nur solange, wie sie von den erwarteten Einspiel-Ergebnissen abgefedert wird.

 

Mit Agatha engagiert Havana eine Assistentin, deren psychische Probleme erst allmählich deutlich werden. Von der Zündelei im Elternhaus trägt das Mädchen noch Narben an Gesicht und Händen davon. Naiv und kontaktfreudig zugleich, beginnt sie mit Chauffeur Jerome (Robert Pattinson) eine Affäre. Bald kontaktiert sie Bruder Benjie, mit dem sie ein inzestuöses Verhältnis verband. Als ihre Eltern mitbekommen, dass Agatha wieder mit dem Feuer zumindest der Eitelkeiten spielt, und sie loswerden wollen, hat das Verhängnis längst seinen Lauf genommen.

 

Luxus-glamour schwappt in mainstream

 

Regisseur Cronenberg war als Autorenfilmer mit Neigung zum body horror („Die Fliege“ (1986), „Crash“ (1996), „Tödliche Versprechen – Eastern Promises“ (2007)) nie Teil des Hollywood-Systems. In „Maps to the Stars“ weidet er es genüsslich aus, ganz ohne splatter. Er lässt seltsam künstliche Dialoge vortragen, wie sie in der upper class von L.A. üblich sind − und nicht nur da. Mit celebrity news über alles, was die Stars so tun, wie sie leben und wen sie vögeln, schwappt der glamour aus dem Luxusvillen-Ghetto in die mainstream-Lebenswelt über; dort wird er weniger als wannabe verstanden, sondern als Normalität angestrebt.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Cosmopolis” – brillantes Finanzhai-Psychogramm von David Cronenberg mit Robert Pattinson

 

und hier einen Bericht über den Film “Eine dunkle Begierde” von David Cronenberg über die Entstehung der Psychoanalyse aus einer Dreiecksbeziehung

 

und hier einen Artikel über den Film „The Bling Ring“ über jugendliche Hollywood-Kriminelle von Sofia Coppola

 

und hier eine Lobrede auf den Film “Only Lovers Left Alive” – originelle Vampirfilm-Parodie von Jim Jarmusch mit Mia Wasikowska

 

und hier einen Beitrag über den Film “Shanghai” – opulenter Spionage-Thriller in Schanghai 1941 von Mikael Hafström mit John Cusack.

 

Nichts in der Traumfabrik habe ihn besonders berührt oder verletzt, sagte Cronenberg im Interview dem „Spiegel“-Magazin. Aber oft habe er lachen müssen, „weil es unglaublich komisch ist, wenn mächtige Leute in Hollywood unfassbar lächerliche Dinge von sich geben, und dann auch noch erwarten, dass man sie ernst nimmt.“

 

Geifernde Paranoia auf dem Klo

 

Sinnbildlich dafür steht eine in der Filmgeschichte wohl einzigartige Szene: Eine grandios aufspielende Julianne Moore (die in Cannes 2014 als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde) sitzt auf dem Klo und fabuliert zwischen Furzen und Verstopfungsgrimassen über Anstand, Verantwortung, Menschlichkeit und Liebe: Dabei mutiert sie von einer bedauernswerten Patientin zur geifernden Paranoikerin. Da wird es selbst Assistentin Agatha zu viel.

 

Dieses satirische Psychodrama lebt von exzellenten Schauspielern: den müden Wunderheiler-Augen von John Cusack, der gespenstisch gnomartigen Ausstrahlung des jungen Evan Bird, dem diskreten Sex-Appeal von Mia Wasikowska und zuvorderst der Klasse von Moore.

 

Depressionen bei jedermann

 

Leider bleibt der Film visuell allzu starr. Mögen seine statischen Einstellungen dem knappen Budget von 13 Millionen US-Dollar − in Hollywood Kleingeld − oder Cronenbergs distanziertem Regie-Stil geschuldet sein: Auf Dauer wirken sie etwas uninspiriert. Ebenso wie die Anti-Apotheose von Los Angeles als Stadt der Palmen, Prachtbauten und Plattitüden.

 

Dass Hollywood moralisch verrottet ist – who cares? Cronenbergs Abrechnung mit den glitterati bleibt der übrigen Gesellschaft fern. Die von ihm angestrebte Transferleistung droht in der Artifizialität stecken zu bleiben. Dabei kommen Depressionen in den besten Familien vor; nicht nur bei denen im Scheinwerferlicht.


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