Uberto Pasolini

Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit

John May (Eddie Marsan) in London Downtown. Foto: Piffl Medien

(Kinostart: 4.9.) Beamter für die letzten Dinge: Mr. May arrangiert Begräbnisse für einsam Verstorbene. In seinem Alltag herrscht Friedhofsruhe, bis sein wüster Nachbar stirbt. Regisseur Pasolini porträtiert eine Büromaus, die zu neuem Leben erwacht.

„Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“ verbindet mit anderen Komödien dieses Jahres zweierlei: ein langer Titel und ein unscheinbarer nobody im grauen Alltag als Held. Zuerst kam „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ von und mit Ben Stiller ins Kino. Dann folgten Robert Gustafsson als „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“, und schließlich Simon Pegg in „Hectors Reise oder die Suche nach Glück“.

 

Info

 

Mr. May und das
Flüstern der Ewigkeit

 

Regie: Uberto Pasolini,

87 Min., Großbritannien/ Italien 2013;

mit: Eddie Marsan, Joanne Froggatt, Karen Drury

 

Website zum Film

 

Diese drei Filme beginnen mit Tristesse; vor solcher Kontrastfolie nehmen sich anschließend wilde Reisen und Erlebnisse der Protagonisten umso abenteuerlicher aus. Nicht so in „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“: Der Film von Regisseur Uberto Pasolini behält seine ruhige Tonlage bis zum Ende bei. Was dazu beiträgt, dass „Mr. May“ der beste dieser Filme ist – und der einzige, der beim Zuschauer lange nachhallt.

 

Begräbnis-Stelle wird wegrationalisiert

 

Mr. May (Eddie Marsan) ist die Unscheinbarkeit in Person. Das verleiht ihm eine Aura großer Seriosität und passt sehr gut zu seinem Beruf: In der Londoner Stadtverwaltung arbeitet er als funeral officer, um einsam Verstorbenen ein würdiges Begräbnis zu ermöglichen. Seit 22 Jahren führt er diese Tätigkeit penibel und voller Hingabe aus. Doch jetzt soll seine Stelle wegrationalisiert werden.


Offizieller Filmtrailer


 

Nachbar gegenüber starb verwahrlost

 

Bei seinem letzten Auftrag legt sich Mr. May noch einmal mächtig ins Zeug: Mit allen Mitteln versucht er, Angehörige oder Freunde von Billy Stoke aufzuspüren. Der Mann war sein Nachbar; er wohnte direkt gegenüber von Mr. May und starb in verwahrlosten Räumen. Mays Nachforschungen werden zu einer spannenden Entdeckungsreise in Stokes ereignisreiches Leben. Dabei scheint sich für den einsamen funeral officer eine Möglichkeit aufzutun, sein eigenes Dasein zu verändern.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ – fantasie-
volle Sonderling-Komödie von + mit Ben Stiller

 

und hier einen Beitrag über den Film „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ – Verfilmung des Bestsellers von Jonas Jonasson durch Felix Herngren

 

und hier einen Bericht über den Film „Stille Seelen – Ovsyanki“ – elegisches Road Movie über Begräbnis-
Riten des altrussischen Volks der Merja
von Alexej Fedorchenko.

 

Bisher sah dieses Leben so aus: Mr. Mays Unterlagen liegen im rechten Winkel auf dem aufgeräumten Schreibtisch in seinem karg eingerichteten Büro. Keine Topfpflanze zur Auflockerung der sterilen Atmosphäre; kein Foto, das dem Raum etwas Persönliches gäbe. Der Beamte trägt stets die gleichen Anzüge in gedeckten Farben. Ohnehin dominieren den ganzen Film Grau- und Blautöne, die eine statische Kamera festhält.

 

Einziger Zuhörer eigener Trauerreden

 

Da erscheint der englische Originaltitel „Still Life“ („Stillleben“) sehr passend. Tatsächlich scheint Mays Leben still zu stehen: ein immer gleicher Ablauf von Routinen bei der Arbeit und zuhause. Dort verbringt er alleine die Abende; sein einziges Freizeitvergnügen ist ein Fotoalbum, in dem er alte Fotos seiner „Klienten“ sammelt.

 

Dennoch mag er seine Arbeit; sie ist für ihn kein lästiger Routinejob, sondern wahre Berufung. Mit liebevoller Umsicht widmet er sich jedem Detail. May verfasst sogar ausführliche Trauerreden für die Toten – deren einziger Zuhörer bei der Trauerfeier er selbst ist. Mit den einsam Verstorbenen kann er sich gut identifizieren; ihm dürfte es einmal ähnlich ergehen.

 

Nichts wird sein wie zuvor

 

Dann eröffnet ihm die Beschäftigung mit dem Leben von Billy Stoke neue Perspektiven. Stoke war das völlige Gegenteil von ihm selbst: ein Rüpel und Schläger, aber auch ein Mensch mit vielfältigen sozialen Beziehungen. So begegnet May bei seinen Nachforschungen überraschenden Leuten, was dazu führt, dass am Ende nichts mehr sein wird wie zuvor. Allerdings kommt alles völlig anders als erwartet: Wie der ganze Tonfall des Films ist das Ende leise, bittersüß und wunderbar.


Diesen Artikel drucken