Christian Petzold

Phoenix

Johnny (Ronald Zehrfeld) mit seiner totgeglaubten Frau Nelly (Nina Hoss). Foto: © Christian Schulz, Fotoquelle: Piffl Medien

(Kinostart: 25.9.) Wiedergeburt aus der KZ-Asche: 1945 kehrt Nina Hoss als Jüdin nach Berlin zurück. Ihr Mann erkennt sie nicht, will aber mit ihr ein Erbe erschleichen. Regisseur Petzold inszeniert sein Kammerspiel als leicht sperrigen Film Noir.

Erdfarben und kaum von grauen Trümmern zu unterscheiden, läuft Nelly (Nina Hoss) durch das zerstörte Nachkriegs-Berlin. Sie sucht ihren Ehemann Johnny (Ronald Zehrfeld); ihre Liebe zu ihm half ihr, jahrelange KZ-Haft in Auschwitz zu überleben. Nelly ist buchstäblich nur noch ein Schatten ihrer selbst und erkennt sich kaum mehr im Spiegel: Im Lager hat man ihr Gesicht zerstört.

 

Info

 

Phoenix

 

Regie: Christian Petzold,

98 Min., Deutschland 2014;

mit: Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Nina Kunzendorf

 

Website zum Film

 

Obwohl sich die Ärzte bei der Rekonstruktion ihres Antlitzes große Mühe gaben, ist alles anders als zuvor. Nelly ist auch eine Andere. Wenn sie Johnny findet, kann sie in ihr altes Leben zurückkehren, glaubt sie. Doch als sie ihm gegenübersteht, erkennt nicht einmal er seine verschollene Gattin.

 

Riskantes Verwechslungs-Spiel

 

Johnny sieht nur eine Frau, die ihr sehr ähnlich sieht und ihm helfen soll, an die Erbschaft der Totgeglaubten heranzukommen. Nelly lässt sich auf das riskante Verwechslungs-Spiel ein; auch, um wieder zu sich selbst zu finden. Und sie will wissen, ob Johnny sie jemals geliebt hat.


Offizieller Filmtrailer


 

Kaum Filme über die Nachkriegszeit

 

Regisseur Christian Petzold lässt in der Hauptrolle erneut seine Muse Nina Hoss brillieren. Nachdem sie bereits als „Barbara“ (2012) mit Roland Zehrfeld zusammen spielte, ist er für sie abermals ein kongenialer Partner. Diesmal greift Regisseur Christian Petzold weiter in die deutsche Geschichte zurück und erzählt ein Nachkriegs-Drama.

 

Zwar gibt es zahlreiche Filme über die Nazizeit und den Zweiten Weltkrieg, aber nur wenige beschäftigen sich mit der Phase unmittelbar danach, als alles zerstört und in der Schwebe des Übergangs war. Nellys Zustand ist somit exemplarisch für viele Menschen damals – obwohl offen bleibt, was sie als Jüdin im KZ erlebt hat. Sie selbst kann nicht darüber sprechen; nicht einmal mit ihrer alten Vorkriegs-Freundin Lene (Nina Kunzendorf): Die kümmert sich als Anwältin der Jewish Agency seit der Rückkehr von Nelly um sie.

 

Sein Selbst Stück für Stück zusammensetzen

 

Von Nellys Suche nach ihrem Mann ist Lene nicht begeistert; noch weniger von ihrem Doppelgänger-Spiel. Sie hat dem windigen Musiker Johnny nie getraut – und wird am Ende Recht behalten. Nelly sieht aber keine andere Möglichkeit, um ihre altes Selbst wieder zu finden. Stück für Stück setzt sie es zusammen; Johnny hilft ihr unwissentlich dabei.

 

Sie zieht bei ihm ein; er zeigt ihr, wie die alte Nelly sich bewegte, sprach und lachte. Allmählich erinnert auch sie sich daran; ansonsten flüstert sie nur kaum hörbar, hält den Kopf nach unten und tippelt leise wie ein Geist. Er besorgt ihr Schminke, Haarfarbe, ein knallrotes Kleid und ihre Schuhe, die er aufgehoben hat.

 

Zu gierig, um Frau zu erkennen

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films  Ende der Schonzeit – Melodram über deutsch-jüdische Dreiecks- beziehung 1942 von Franziska Schlotterer

 

und hier einen Bericht über den Film „Diplomatie“ – virtuoses Kammerspiel über die Rettung von Paris im Zweiten Weltkrieg von Volker Schlöndorff

 

und hier einen Beitrag über den Film Zwischen WeltenKriegsdrama über die Bundeswehr in Afghanistan von Feo Aladag mit Ronald Zehrfeld

 

Ihre Bedenken, es sei kaum glaubhaft, dass jemand in diesem Aufzug aus dem Lager zurückkehrt, tut er ab: Sonst würde sie ja niemand erkennen. Dass die Schuhe auch dieser ihm fremden Frau passen, macht ihn nicht stutzig; eher ihr plötzlich erwachendes Selbstbewusstsein. Doch er ist zu gierig und will unbedingt ihre im Holocaust ermordete Familie beerben. Zudem hat er so erfolgreich seine Mitschuld an ihrer Verhaftung verdrängt, dass er an ihren Tod glauben muss.

 

Mit „Phoenix“ legt Petzold seine eigene Version eines film noir vor: Nelly ist eine Frau in Bedrängnis mit vielen Geheimnissen, und Johnny der Helfer und Bösewicht zugleich. Auch optisch lehnt sich der Film an große Vorbilder des Nachkriegs-Kinos an. Obwohl in Farbe, bewegt sich die Skala nur zwischen Grau, Braun und Sandfarben; mit wenigen leuchtenden Tupfern wie dem Kleid aus Nellys Vergangenheit. Schlagschatten und statische Kamera verstärken den düsteren Eindruck ebenso wie das sehr zurückgenommene Spiel der Akteure.

 

Ende lässt niemanden kalt

 

Es geht um die große, einfache Dinge wie Schuld, Gewissen und Vergeltung. Nicht nur Nellys Seele ist tief verwundet; alle haben Verletzungen davon getragen und kämpfen ums Überleben. Nelly kämpft aber um sich selbst. Je weiter sie sich in ihr altes Leben begibt, desto mehr Kraft gewinnt sie; wie der titelgebende Feuervogel kann sie sich neu erschaffen.

 

Das hätte das Zeug zum ganz großen, tränenreichen Drama. Regisseur Petzold bleibt sich allerdings treu: Er inszeniert die Geschichte, wie von ihm gewohnt, als leicht sperriges Kammerspiel – mit überraschendem Ausgang, der wohl niemanden kalt lässt.


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