Gustav Deutsch

Shirley − Visionen der Realität: Der Maler Edward Hopper in 13 Bildern

Morgensonne. Foto: Rendezvous Filmverleih

(Kinostart: 18.9.) Als die Bilder von Edward Hopper laufen lernten: 13 klassische Motive des US-Malers baut Regisseur Gustav Deutsch als Kulissen für eine fade Sittengeschichte nach. Seine artifizielle Animation wirkt leblos − und völlig uncool.

Edward Hopper (1882-1967) ist ein Maler für Kino-Regisseure. Schon Alfred Hitchcock bediente sich 1960 für „Psycho“ bei Hopper. Dessen Gemälde „House by the Railroad“ (1925) wurde zum Horrorhaus des Kinos schlechthin. Hier ließ Hitchcock den vermeintlich liebenswürdigen Norman Bates Vögel (und seine Mutter) ausstopfen, während er im Motel nebenan Blondinen ersticht.

 

Info

 

Shirley –
Visionen der Realität: Der Maler Edward Hopper in 13 Bildern

 

Regie: Gustav Deutsch,

93 Min., Österreich 2013;

mit: Stefanie Cumming, Christoph Bach, Florentin Groll

 

Website zum Film

 

Hopper selbst war ein Fan des film noir; er stattete seine Gemälde mit langen Schlagschatten, Cinemascope-artigen Perspektiven und einer besonderen Atmosphäre aus Untätigkeit und Spannung aus. Auch Regisseure wie der Italiener Dario Argento und Wim Wenders fanden in Bildern wie „Nighthawks“ (1942) oder „Morning in the Sun“(1952) Vorlagen für Szenen ihrer Filme. Kein Wunder, dass früher oder später jemand auf die Idee kommen musste, sich noch näher an Hoppers Œuvre zu schmiegen.

 

Hoppers Bildern Leben einhauchen

 

Dieser Jemand ist der österreichische Dokumentarfilmer Gustav Deutsch; seine Hommage geht allerdings nicht auf. Deutsch tritt dem Maler nicht nur zu nahe, er engt sich auch selbst erzählerisch und szenenbildnerisch ein. Denn er geht von der Annahme aus, den Gemälden Hoppers Leben einhauchen zu müssen.


Offizieller Filmtrailer


 

Stoische Gelassenheit in hitzigem Jahrhundert

 

Die Unterstellung, Hoppers Gemälde seien leblos, treibt seinem Film „Shirley − Visionen der Realität“ jede Lebendigkeit aus. Hopper hat mit dieser Unterstellung gelebt. Er gilt gemeinhin als der Maler der Melancholie, der nicht ergründbaren Schwermut, einer zur Grundstimmung gewordenen Alltagstraurigkeit.

 

In einer anderen Lesart kann man Hopper aber auch als Protagonisten der Gelassenheit verstehen. Als jemanden, der eine Realität zeigt, die der hitzigen Geschwindigkeit des 20. Jahrhunderts mit einer Gemütsruhe begegnet, die ihren Ursprung im antiken Stoizismus hat. Sie erscheint in der Epoche von Jazz und Bebop eher cool als lebensabgewandt depressiv.

 

Drehbuch aus 13 Bildern

 

So sind die Bilder, die Deutsch für seinen „Shirley“-Film auswählt, keineswegs ohne Leben. Sie sind ruhig und zeigen Alltägliches. Sie enthalten eine reduzierte Geschichte, die sich jedoch einer kolportierten Erzählung versagt. Doch das will Deutsch: Er ordnet 13 Bilder von Hopper zu einem Drehbuch, das die Geschichte einer Frau und ihres Freundes Stephen erzählen will. Es sind schwere Zeiten, man hat Beziehungsprobleme, lebt sich auseinander, wieder zusammen, so vor sich hin.

 

30 Jahre durchmisst der Film, von den 1930er bis in die 1960er Jahre. Shirley (Stephanie Cumming) ist Ensemblemitglied des „Group Theatre“, verliert aber bald den Job. Politisch steht sie eher links; sie interessiert sich für Kunst und mag Jazz. Stephen (Christoph Bach) ist Fotoreporter bei einer Tageszeitung, er will lieber Künstler sein; er hat es auch nicht leicht.

 

Gemälde als Bühnenbilder nachgebaut

 

Zur Einstimmung auf das jeweilige Bild erfährt man vorab Ort und Zeit der Szene und hört eine Einspielung passender Wochenschau-Berichte. Atmosphärisch wird man geeicht auf Große Depression und New Deal, Zweiter Weltkrieg, Kalter Krieg und McCarthy-Kommunistenjagd, Bombenangst und zaghafte gesellschaftliche Liberalisierung.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “On The Road – Unterwegs” – Verfilmung von Jack Kerouacs Beatnik-Kultbuch durch Walter Salles

 

und hier eine Besprechung der Doku “The Real American – Joe McCarthy” von Lutz Hachmeister über den US-Kommunistenjäger der 1950er Jahre

 

und hier eine Besprechung des Films “Die Mühle und das Kreuz” von Lech Majewski: Verfilmung eines Gemäldes von Pieter Brueghel.

 

Von der dünnen Story abgesehen, ist das unfassbar langweilig anzuschauen. Deutsch bleibt so gefangen von den Gemälden Hoppers, dass er sie eins zu eins als Bühnenbilder nachbaut. Den stilisierten Realismus von Hoppers Innenräumen – kahle Wände, karge Betten, sterile Abteile, unpersönliche Hotelzimmer – überführt er in künstliche sets, ausstaffiert mit leblosem Personal. Indem Deutsch die Bilder kopiert, erschafft er weniger einen Film, der seine Inspirationsquelle überwindet, als einen Klon.

 

Sich in Bilder hineindenken

 

Dem Film fehlt der Mut, den Hopper seinen Betrachtern zutraut, nämlich sich in Bilder hineinzudenken: um Geschichten zu erfinden oder um über die ereignislosen Momente des Lebens nachzusinnen. Deutsch erliegt dagegen dem Versuch, Hoppers Nähe zum Film experimentell auszuschlachten.

 

Die Langversion seines Films feierte auf der Berlinale 2014 Premiere; ihr ging ein Kurzfilm über Hoppers Bild „Western Motel“ (1957) voraus. 2013 fand bereits eine Ausstellung der Requisiten und Filmsets im Künstlerhaus Wien statt. Die Frau im roten Kleid, die im „Western Motel“ vor Automobil und Bergmassiv sitzt, taucht nun als „Shirley“ wieder auf; neben anderen Klassikern von Hopper wie „A Woman in the Sun“ (1961) oder „Excursion into Philosophy“ (1959).

 

Anbiedernder Angriff abgewiesen

 

Doch wegen unbeweglicher Kameraeinstellungen und der artifiziellen Darstellung bleibt die Annäherung an die Schauspieler so kalt wie die bruchstückhaft verstolperte Beziehungs- und Sozialgeschichte. Einen Gewinner hat der Film allerdings: Edward Hopper. Seine Gemälde beweisen ihre künstlerische Qualität, indem sie den anbiedernden Angriff in aller coolness abweisen; sie behalten ihr Geheimnis für sich.


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