Michael Obert

Song from the Forest

Louis Sarno an einem Wasserlauf im Dschungel. Foto: © Tondowski Films

(Kinostart: 11.9.) Traurige Tropen: Ein New Yorker lebt seit 30 Jahren im Dschungel mit Pygmäen und nimmt ihre einzigartigen Gesänge auf. Diese faszinierende Kultur interessiert Regisseur Obert kaum; er porträtiert den Aussteiger als Gescheiterten.

Die erste Einstellung ist verheißungsvoll: Dichter Bodennebel bricht die Sonnenstrahlen, die durch das Dickicht mächtiger Baumkronen dringen. Alles wird in bläulich-grünes Zwielicht getaucht. Das ist die grüne Hölle oder das verlorene Paradies − je nach Erwartung und Temperament. Eine fremde Welt wie im Urzustand, und wir sind mittendrin.

 

Info

 

Song from the Forest

 

Regie: Michael Obert,

97 Min., Zentralafrikanische Republik/ USA/ Deutschland 2013;

mit: Louis Sarno, Samedi Bokumbe, Jim Jarmusch

 

Website zum Film (engl.)

 

Mit dem kundigsten Führer durch diese Wildnis, der sich denken lässt: Louis Sarno aus New York lebt seit fast 30 Jahren in der Zentralafrikanischen Republik bei den Bayaka-Pygmäen. Sie zählen zu den ältesten Völkern der Erde und wohnen mitten im Wald als Jäger und Sammler: Honig schlürfen sie direkt aus dem Bienenstock, kleine Tiere fangen sie mit Netzen. Ihre einzigartigen polyphonen Gesänge wurden 2003 ins immaterielle Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen.

 

Von einem Lied nach Afrika gelockt

 

Diese Musik zog Sarno magisch an. Er hörte sie im Radio, war fasziniert und reiste 1985 her, um sie zu dokumentieren: „Ich wurde von einem Lied ins Herz von Afrika gelockt.“ Im Lauf der Jahre nahm er mehr als 1000 Stunden auf: endlos an- und abschwellende Melodien mit raffinierten Jodellauten und komplexen Rhythmen. Sein Material wird heute im Pitt Rivers Museum für Anthropologie der Universität in Oxford archiviert und digitalisiert.


Offizieller Filmtrailer


 

Dosen-Sardinen statt Jagdbeute essen

 

Sarno selbst ließ sich im Dschungel nieder und heiratete eine Bayaka-Frau; ihr gemeinsamer Sohn Samedi ist 13 Jahre alt. Er kann weder lesen und schreiben noch Englisch; sein Verhältnis zum Vater wirkt distanziert. Auch andere Dorfbewohner kommen auf ihn nur zu, wenn sie etwas von ihm wollen: vor allem Geld für Lebensmittel, Medikamente oder Zigaretten.

 

Wahrhaft ursprünglich scheint die Lebensweise dieser Gemeinschaft nicht mehr zu sein. Zwar sieht man sie anfangs in Laubhütten auf einer Waldlichtung, doch später hausen sie in Holzbaracken. Die meisten tragen verschlissene T-Shirts und Hosen; anstelle von Jagdbeute werden Dosen-Sardinen gegessen. Ihre traditionellen Gesänge seien immer seltener zu hören, klagt Sarno, während er eine Flöte vorzeigt, die keiner mehr spielt. Über Gründe und Verlauf dieses Kulturwandels und -verfalls schweigt sich der Musikethnologe weitgehend aus.

 

Vom Manager zum Reisereporter

 

Offenbar fragt ihn der Regisseur nicht danach. Sichtlich interessiert Michael Obert das Leben der Bayaka allenfalls als exotische Kontrastfolie für die Person Sarno. Vielleicht, weil der ein Aussteiger ist wie er selbst: Obert warf eine Manager-Karriere hin und wurde Weltreisender. Seither schreibt er Reportagen mit Titeln wie „Chatwins Guru und ich: Meine Suche nach Patrick Leigh Fermor“ oder „Regenzauber: Auf dem Fluss der Götter“ mit „Schamanen, Wasserfrauen und Leoparden-Männern“ − human interest-Porträts von Paradiesvögeln, die Illustrierte gern drucken.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „A Floresta De Jonathas – Im dunklen Grün“ – Coming-of-Age-Drama im Regenwald Brasiliens von Sergio Andrade

 

und hier einen Bericht über den Film „Amazonia – Abenteuer im Regenwald“ – 3D-Dokumentation über Leben im Dschungel von Thierry Ragobert

 

und hier einen Beitrag über den Film “Der Fluss war einst ein Mensch” – beeindruckendes Psycho-Drama über eine Odyssee in der Wildnis Afrikas von Jan Zabeil.

 

So versucht Obert nicht ansatzweise, den Alltag der Bayaka oder ihre Kultur zu veranschaulichen, sondern belässt es bei willkürlichen Momentaufnahmen und Szenen. Stattdessen erzählt Sarno in seiner düsteren Holzhütte redselig seinen Werdegang; Frau und Sohn kommen nur kurz zu Wort. Die Enge dieser Kate verlässt der Film erst, als er mit Sarno und Samedi nach New York reist: Papa will dem Sprössling seine frühere Heimat zeigen.

 

Sohn will Knarren + weiße Frauen

 

Dort interviewt Obert Verwandte und Regisseur Jim Jarmusch, einen Studienfreund von Sarno. Sie deuteln an seinem Charakter herum und zeigen vorhersehbare Wiedersehensfreude. Überraschend verhält sich dagegen Samedi, der nie zuvor den Urwald verließ: Der big apple beeindruckt ihn kaum, das Essen schmeckt ihm nicht; am american way of life reizt ihn, Knarren zu kaufen und weiße Frauen zu heiraten. Spielzeug will er nicht: Damit kann er daheim keinen Eindruck schinden.

 

Ein trauriger Tropenbewohner, den Obert begleitet: Seine Musik ist verklungen, sein Paradies schwindet dahin, seine Schulden wachsen, und sein Fratz ist verzogen. Grund genug für Enttäuschung − wie diese Doku, die in den tiefsten Dschungel vordringt, allein um einen gescheiterten globetrotter aufzuspüren. Und dabei den Anlass seiner Odyssee außer Acht lässt: Musik der Bayaka erklingt nur in kurzen Auszügen. Erst am Ende singen Frauen vier Minuten lang virtuos − während des Abspanns.


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