Athanasios Karanikolas

Sto spiti – At Home

Nadja (Maria Kallimani) im Zimmer der Tochter Iris (Zoi Asimakii). Foto: © J.M. Louis / SHNP3, Fotoquelle: Arsenal Distribution

(Kinostart: 4.9.) Die Perle fällt aus der Fassung: Nach 20 Jahren treuer Dienste feuern griechische Herrschaften ihre kranke Hausangestellte. Regisseur Karanikolas zeigt soziale Kälte in erlesenen Bildern, begnügt sich aber mit nobler Resignation.

Völlig losgelöst von der Erde schwebt das Raumschiff über der Ägäis, und Nadja (Maria Kallimani) starrt hinaus ins diesige Nichts. Vor 20 Jahren kam die Georgierin nach Griechenland; seither arbeitet sie bei wohlhabenden Leuten als Hausangestellte. Wie abgehoben diese Oberklasse-Familie lebt, zeigt schon ihr Domizil aus Sichtbeton und Glas: Es sieht aus, als habe es der japanische Architektur-Purist Tadao Andō entworfen.

 

Info

 

Sto spiti – At Home

 

Regie: Athanasios Karanikolas,

103 Min., Griechenland/ Deutschland;

mit: Maria Kallimani, Marisha Triantafyllidou, Alexandros Logothetis

 

Weitere Informationen

 

Der Avantgarde-Kubus thront hoch oben auf einer Felskante. Die Talseite ist voll verglast und das Rundum-Panorama aufs Meer atemberaubend. Wer hier steht, mag sich als Herrscher der Welt fühlen – und wirkt doch inmitten dunstiger Bläue isoliert wie eine Monade. Schon mit diesem setting stellt der griechische Regisseur Athanasios Karanikolas die sozialen Machtverhältnisse diskret, aber unmissverständlich klar.

 

Auf iPad herumtippen + repräsentieren

 

Nadja kümmert sich im Haus um alles. Sie kauft ein, kocht, wäscht, bügelt, putzt und bringt die Tochter Iris zu ihrem Reitstall; dort bleibt ihr kaum Zeit für ein kurzes Gespräch mit ihrem Geliebten Markos (Giannis Tsortekis), der die Pferde betreut. Iris‘ Vater Stefanos (Alexandros Logothetis), ein gestresster Geschäftsmann, tippt daheim ständig auf seinem iPad herum. Mutter Evi (Marisha Triantafyllidou) macht irgendetwas mit alten Schriften, wenn sie nicht mit Repräsentieren beschäftigt ist.


Offizieller Filmtrailer (engl.)


 

Arzt verschweigt MS-Diagnose

 

In diesem Vier-Personen-Haushalt geht es vertraulich zu. Nadja weiß stets, was sie zu tun hat. Man könnte sie für eine Verwandte oder Freundin der Eltern halten, würden ihr Stefanos und Evi nicht dann und wann halblaute Anweisungen zuraunen. Werden Gäste bewirtet, bitten sie Nadja für einen Moment an die Tafel zum Zuprosten, bevor sie wieder in die Küche muss.

 

Plötzlich hat die Perle Schwächeanfälle. Stefanos schickt sie in die Privatklinik zu einem Freund, den er bar bezahlt: Er hat seine Angestellte nicht krankenversichert. Der Arzt beruhigt Nadja, alles sei harmlos. Obwohl er Demyelinisierung diagnostiziert, die Entmarkung der Nervenfasern: ein Symptom für Multiple Sklerose. Was er seiner Patientin ebenso verschweigt wie der Regisseur dem Zuschauer: Er lässt sie im Ungewissen wie seine Hauptfigur.

 

Reine Seele geht ohne Groll

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Die langen hellen Tage“ von Nana Ekvtimishvili + Simon Groß über georgische Teenager im Chaos der 1990er Jahre

 

und hier eine Besprechung des Films Attenberg von Athina Rachel Tsingarai über eine Mädchen-Freundschaft in Griechenlands Dauerkrise

 

und hier einen Bericht über den Film „Meteora“ – griechisches Kleriker-Liebesdrama in atemberaubender Landschaft von Spiros Stathoulopolos.

 

Stefanos und Evi aber wissen Bescheid. Da die Geschäfte zurzeit nicht gut laufen und sie sogar Iris‘ Reitpferd verkaufen müssen, wird ohne Umschweife entschieden: Nadja muss gehen. Ein paar warme Worte, ein Geldbündel für den Übergang – und tschüss! Die nach 20 Jahren Gefeuerte geht, als wäre sie gestern eingetroffen: ohne Aufsehen, Groll oder Rachegelüste. Als Markos sie drängt, für ihre Rechte zu kämpfen, schweigt sie mutlos. Nur einmal kehrt Nadja noch zum Raumschiff zurück – und läuft ihrer Nachfolgerin in die Arme.

 

Eine reine Seele hat Regisseur Karanikolas da entworfen, die um Zugehörigkeit und Harmonie willen alles verzeiht. Womit er vermutlich die Zustände in der griechischen Wirtschaftskrise trefflich skizziert: Die Schwächsten, also Immigranten in prekären Jobs, trifft es am schnellsten und härtesten. Zumal sie sich kaum zur Wehr setzen können: Ihnen fehlen Mittel, Kontakte und know how, um gegen ausbeuterische Praktiken vorzugehen.

 

Melodram der Hilflosigkeit

 

Was der Regisseur ebenso resigniert hinzunehmen scheint wie seine Heldin. Der Film feiert ihre Seelengröße in elegant inszenierten Bildern; verschwenderisch breitet er den gleißenden Glanz des mediterranen Lichts aus. Doch jenseits der makellosen Glätte der Sphäre, in der sich Nadjas Herrschaften bewegen, scheint es keine Welt zu geben – somit keinen Ansatzpunkt für Gegenwehr. Ein exquisites Melodram der Hilflosigkeit: Selten sah Verzweiflung so schön aus.


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