Berlin

Walker Evans – Ein Lebenswerk

Zwei Frauen im French Quarter, New Orleans, Februar – März 1935, Abzug 1975, © Walker Evans Archive. Fotoquelle: Martin-Gropius-Bau

Beobachter der Tristesse: Als Bildjournalist dokumentierte Walker Evans Alltag und Armut – obwohl er für ein US-Wirtschaftsmagazin arbeitete. Einen der einflussreichsten Fotografen des 20. Jahrhunderts stellt der Martin-Gropius-Bau nüchtern vor.

Walker Evans (1903-1975) war ein Dokumentarfotograf, der nicht nur Bildjournalist sein wollte. Sondern ein Fotokünstler, der „die Wirkung der Umstände auf Vertrautes so detailliert zeigt, dass einzelne Gesichter, Häuser oder Straßen uns mit der Kraft überwältigender Massen treffen; der fürchterlichen, geballten Wucht von Tausenden Gesichtern, Häusern und Straßen.“

 

Info

 

Walker Evans –
Ein Lebenswerk

 

25.07.2014 – 09.11.2014

täglich außer dienstags
10 bis 19 Uhr

im Martin Gropius Bau, Niederkirchnerstraße 7, Berlin

 

Katalog 49,80 €

 

Weitere Informationen

 

Das schrieb sein Freund und Förderer Lincoln Kirstein 1938 zur allerersten Einzelausstellung eines Fotografen im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA): Sie war dem damals erst 35 Jahre alten Walker Evans gewidmet. Wer so etwas zeigen kann, deutet Kirstein an, braucht sich zwischen Kunst und Journalismus nicht zu entscheiden.

 

Sohn aus reichem Hause

 

Dennoch hat Evans viele Jahre lang als Journalist gearbeitet. Als Idealist und Pragmatiker zugleich gewann er auch seinen Brotjobs künstlerische Gestaltungsfreiheit ab. Evans stammte aus einer reichen Familie, wollte dennoch Geld verdienen und trotzdem seine Integrität erhalten. So entstanden ab 1935 seine berühmtesten Bilder über ländliche Armut in den USA.


Interview mit MGB-Direktor Gereon Sievernich + Impressionen der Ausstellungen


 

Riesen-Werbeschild für Bier in Chicago

 

Im Auftrag der Farm Security Administration (FSA): Sie ließ während der Großen Depression das Elend im Land in Bildern festhalten, um die Politik des New Deal von Präsident F. D. Roosevelt zu rechtfertigen. Er wolle keine Propaganda machen, so Evans Forderung an die FSA. Dabei wusste er, der oft als Chronist des Authentischen missverstanden wird, sehr gut, dass die Kamera immer lügt: Jede Perspektive ist ausgewählt; auch das nüchternste Bild enthält schon einen Kommentar.

 

Die Auswahl von 200 Originalabzügen der Jahre 1928 bis 1974, vor allem aus der Kollektion des US-Ehepaars Worswick, war zuvor in Linz und Amsterdam zu sehen; für die Stationen Köln und Berlin kamen Arbeiten aus deutschen Privatsammlungen hinzu. Darunter sind nur wenige ikonische Bilder, mit denen Evans berühmt geworden ist. Etwa das „Pabst Blue Ribbon Sign“ in Chicago: von der Seite gesehen, ragt ein riesiges Werbeschild für Bier absurd groß und streng in den Himmel.

 

Wirtschaftlicher + moralischer Niedergang

 

Es erinnert an die meterhohen billboard-Augen des Dr. Eckleburg aus dem Roman „Der große Gatsby“ (1925); im Klassiker von F. Scott Fitzgerald ein Symbol für Hoffnungslosigkeit. Neben Evans‘ Faszination für grafische Flächen und seinem Gespür für visuelle Metaphern deutet dieses Bild auch ein zentrales Thema seines Werks an: wirtschaftlicher und moralischer Niedergang. Bis zu seinem Tod 1975 blieb er ein kühler und präziser Beobachter der Tristesse. Meist in Schwarzweiß; Farbfilm verwendete er nur selten.

 

1903 in St. Louis geboren und in Chicago aufgewachsen, studierte Evans Literatur u.a. in Paris und wollte eigentlich Schriftsteller werden. Nach seiner Rückkehr nach New York konzentrierte er sich aber ab 1927 immer mehr auf die Fotografie. Die Ausstellung beginnt mit den Bildern dieser frühen Jahre: Porträts von Freunden wie Lincoln Kirstein und dem Dichter Hart Crane.

 

Gegenstände stehen für Besitzer

 

Ein früher Auftrag des MoMA war die Dokumentation einer Ausstellung afrikanischer Kunst. Ob Masken, Blumenblüten im neusachlichen Stil eines Karl Blossfeldt oder viktorianische Häuser mit verschnörkelten Giebeln: Evans holte aus Auftragsarbeiten beeindruckende Bilder heraus. Sogar bei Aufnahmen auf einer Kreuzfahrt in der Südsee, für die ihn reiche New Yorker anheuerten. Dabei scheint er sich als Fotograf gelangweilt zu haben, denn er drehte dort seinen einzigen Kurzfilm.

 

Klassische Porträts waren nicht seine Sache. An Studioporträts lehnte er die simple, kontextlose Darstellung ab. Stattdessen experimentierte er mit Gegenständen, die etwas über ihre Besitzer aussagen sollten; etwa Zimmereinrichtungen. Er lichtete Häuser von innen und außen ab, Kleider von Ballerinas in der Garderobe oder auch Votivbilder an den Wänden einer Krabbenfischer-Hütte.

 

U-Bahn-Fotos mit versteckter Kamera

 

Wenn Evans doch porträtierte, verwandelte er das Antitz in eine Metapher: Im Pazifik nahm er einen Mann mit Taucherbrille so auf, als würde der mit verträumtem, entrückten Blick einer anderen Welt entsteigen. Von Dynamik geprägt sind seine Subway Portraits, die 1937 in New York entstanden. Er stieg in die U-Bahn, versteckte die Kamera unter seinem Mantel und nahm müde, traurige oder auch stumpf vor sich hin blickende Menschen auf.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Margaret Bourke-White: Fotografien 1930 bis 1945“ im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „True Stories – Amerikanische Fotografie aus der Sammlung Moderne Kunst“ in der Pinakothek der Moderne, München

 

und hier eine Besprechung des Films „Der große Gatsby“ – opulente Verfilmung des Romans von F. Scott Fitzgerald durch Baz Luhrmann mit Leonardo DiCaprio

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „André Kertész – Fotografien“ im Martin-Gropius-Bau, Berlin.

 

Diese U-Bahn-Fotos erschienen in Buchform erst 1966 unter dem Titel „Many Are Called“ mit Texten des Schriftstellers James Agee. Nach den Bilderserien im Auftrag der FSA fanden seine sozialkritischen Arbeiten erst ab den 1960er Jahren wieder ein breiteres Publikum. Obwohl er kontinuierlich daran gearbeitet hatte: Für ein Buch von Carleton Beals, das die Machenschaften der US-Regierung in Kuba scharf kritisierte, fotografierte er 1933 auf der Karibik-Insel.

 

„Preisen will ich große Männer“

 

Mit Agee dokumentierte er das Leben von drei armen Familien in Akron, Alabama. Das Life Magazine druckte die Bildreportage nicht, so dass die beiden sie 1941 als Buch herausbrachten – unter dem ironischen Titel „Let Us Now Praise Famous Men“ („Preisen will ich die großen Männer“). Zugleich arbeitete Evans 20 Jahre lang für das Wirtschaftsmagazin Fortune und leitete dort die Bildredaktion. Dessen Leserschaft mutete er Beiträge zu wie „People and places in trouble“ („Menschen und Orte in Not“) 1961: Aufnahmen von Arbeitslosen, die von Armut und Hoffnungslosigkeit gezeichnet waren.

 

Nüchtern wie Evans‘ Fotografie fällt auch die Präsentation im Martin-Gropius-Bau aus: Die Hängung ist weitgehend chronologisch. Informationen über Anlass und Kontext der Aufnahmen fallen dürftig aus; seine bekanntesten Bilder fehlen. Offenbar gaben die Privatsammlungen, aus denen Kurator James Crump schöpfte, nicht mehr her. Dennoch würde man sich für die Retrospektive eines der einflussreichsten Fotografen des 20. Jahrhunderts eine sorgfältigere Aufbereitung wünschen: Angesichts der heutigen Bilderflut übersieht man leicht, wie bahnbrechend seine Dokumentationen einst waren.


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