Berlin

Wir gehen Baden! – Eine Sommer- ausstellung im Kupferstichkabinett

Otto Müller: Fünf gelbe Akte am Strand, 1921. Farblithografie, 33,5 x 44 cm. Foto: © bpk / SMB, Kupferstichkabinett

Raus aus dem Freibad, rein ins Museum: Zur Sommerzeit breitet das Kupferstichkabinett 100 Werke aus fünf Jahrhunderten von Dürer bis David Hockney aus. Kleine Kunstgeschichte von Wasserratten, Badespaß und Strandleben – als feuchtfröhliches Vergnügen.

Arglos den Fuß ins Wasser setzen und an nichts Böses denken? Den berühmtesten Badenixen der Kunstgeschichte wurde die Lust an Körperpflege im Freien schnell genommen. Susanna, Bathseba und Diana folgten Spanner auf den Fersen, doch sie wussten sich zur Wehr zu setzen.

 

Info

 

Wir gehen Baden! – Eine Sommerausstellung im Kupferstichkabinett

 

04.07.2014 – 26.10.2014

täglich außer montags
10 bis 18 Uhr,
am Wochenende ab 11 Uhr
im Kupferstichkabinett, Kulturforum,
Matthäikirchplatz, Berlin

 

Weitere Informationen

 

Bade-Szenen zählen zu den beliebtesten Sujets der Kunstgeschichte; dazu hat das Kupferstichkabinett Berlin eine kleine, lehrreiche und unterhaltsame Ausstellung zusammengestellt, die Lust aufs Museum macht – gerade jetzt, wenn sich die Badesaison dem Ende zuneigt.

 

Todesurteil wegen Sex-Verweigerung

 

Susanna war eine ebenso schöne wie fromme Babylonierin. Als sie in ihrem Garten ein Bad nahm, bemerkte sie nicht, dass sich zwei gaffende Männer verborgen hielten. Die Triebtäter, zwei angesehene Richter, wollten Susanna zum Sex zwingen: Weigere sich die keusche junge Frau, würde sie des Ehebruchs bezichtigt. Aber Susanna blieb stark – sogar, als die Richter sie im Eilverfahren zum Tod verurteilten. So viel Standhaftigkeit wird belohnt, jedenfalls im Alten Testament: Im letzten Moment eilte ihr der Prophet Daniel zu Hilfe.


Impressionen der Ausstellung


 

Diana lässt Voyeur von Hunden zerfleischen

 

Die hübsche Bathseba war mit einem Söldner im Heer von König David verheiratet. Er stellte ihr beim Baden nach, während sich seine Truppen auf dem Schlachtfeld abkämpften. Bathseba wusste wohl um ihre Schönheit. Zumindest suggerieren Künstler, dass sie sich nicht zufällig beobachten ließ, sondern ihren Körper bewusst zur Schau stellte: malstrategisch eine gute Idee, um dem Betrachter manches zu zeigen, was eigentlich weder er noch der König sehen durften.

 

Diana, römische Göttin der Jagd und Beschützerin der Frauen, ahnte wohl ebenso die Reize ihrer Nacktheit. Sie steigerte die Verlockung noch, indem sie im Kreise ihrer Nymphen in einer Quelle planschte. Der Jäger Aktäon sah sich das eher zufällig, aber gerne an, was Diana als empörende Belästigung empfand. Sie bespritzte ihn mit Wassertropfen, wodurch Aktäon sich in einen Hirschen verwandelte und von seinen eigenen Hunden zerfleischt wurde. So erzählt es der römische Dichter Ovid.

 

Jungbrunnen inklusive Liebesspiel

 

Seit der Frühneuzeit illustrieren Künstler nicht nur solche mythologischen oder biblischen Bade-Szenen, sondern wählen auch Sujets, die ganz handfest zum Voyeurismus einladen. Auf einem Riesen-Holzschnitt lässt der Renaissance-Meister Hans Sebald Beham um 1536 den „Jungbrunnen“ wahr werden: Von links wanken Greise heran, im Nu verjüngen sie sich im Brunnenbecken und geben sich sogleich jugendlichen Freuden hin – inklusive Liebesspiel.

 

Eine kolorierte Radierung von Matthias Gottfried Eichler zeigt 1799 das russische Flussbad Cerebrensky bei Moskau: Ungeniert springen scharenweise Damen der besseren Kreise hüllenlos in die Fluten. Für Liebhaber des anderen Geschlechts malt Ludwig von Hoffmann 1895 nackte Knaben in allen Posen beim Camping am Strand: als Wunschbild eines Lebens im Einklang mit der Natur.

 

Es geht ums Sehen + Gesehen werden

 

Erfrischend abwechslungsreich und kunsthistorisch seriös führt die Ausstellung vor, wie sich Badefreuden im Lauf der Zeit änderten. Bis ins 16. Jahrhundert spielten sie sich meist in geschlossenen Badehäusern ab. Dann kam der Irrglaube auf, das Baden verursache Krankheiten; nun hüpfte nur noch gemeines Volk in fließende Gewässer. Adel und Bürgertum begnügten sich meist mit Puder und Parfüm.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung “Die nackte Wahrheit und anderes” – Aktfotografie um 1900 im Museum für Fotografie, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Dionysos – Rausch und Ekstase“sinnesfrohe Götter-Motive der Kunstgeschichte im Bucerius Kunst Forum, Hamburg

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „David Hockney: A Bigger Picture“ über das Spätwerk des Pop-Art-Künstlers im Museum Ludwig, Köln

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung  Der Rhein – Ritterburgen mit Eisenbahnanschluss über die Entstehung der Rhein-Romantik im Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts, Baden-Baden.

 

Im 19. Jahrhundert entstand die moderne Badekultur mit Badeanstalten, Seebädern und Badeschiffen – deren auf Sittsamkeit bedachte Gäste stiegen anfangs nur weitgehend verhüllt ins Wasser. Was Künstlern kaum Anreize gab, solches Treiben im Bild festzuhalten: Beim öffentlichen Baden geht es vor allem ums Sehen und Gesehen werden, weniger um Körperhygiene.

 

Badeschiff am Spree-Ufer vor 200 Jahren

 

Das war im Männerbad eines Albrecht Dürer oder in den drastischen Frauenbad-Szenen von Sebald Beham nicht anders als drei Jahrhunderte später in den Freibädern, die Erich Heckel und andere Expressionisten besuchten. Geselliges Beisammensein und erotische Annäherungen machten mythische Badestellen ebenso attraktiv wie FKK-Strände an der Ostsee.

 

Genauso lässig wie heutzutage am Badeschiff in Berlin-Kreuzberg konnte man weiland im „Welper’schen Badeschiff“ abhängen, das vor 200 Jahren am Ufer der Spree vor Anker lag; Leopold Ludwig Müller hat es skizziert. Die Maler der „Brücke“ badeten textilfrei, lebensreformerisch und gleichwohl lüstern: Das bezeugen das „Brüste waschende Mädchen“ von Ernst Ludwig Kirchner oder „Fünf gelbe Akte am Strand“ von Otto Müller.

 

Pulsierender Wasserspiegel

 

Die Künstler der Pop-Art huldigten Sonne, Sand und sexy Mädchen wie Tom Wesselmann oder Sonne, Pool und sexy Jungs wie David Hockney. Dessen symptomatisch pulsierende Abstraktion einer Wasseroberfläche wirkte auch als Plakat-Werbung äußerst animierend: um Zuschauer zu den Olympischen Spielen 1972 nach München zu locken. Noch bei Elvira Bach, einer feministisch inspirierten „Neuen Wilden“, spreizen sich laszive Badenixen – der feuchtfröhliche Traum ist längst nicht ausgetrocknet.


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