Frankfurt am Main

Bewusste Halluzinationen – Der filmische Surrealismus

Standbild aus "Un chien andalou" ("Ein andalusischer Hund", 1929. R: Luis Buñuel, Salvador Dalí), © Kineos GmbH, Fotoquelle: Deutsches Filminstitut
Bewusste Halluzinationen: Surreales Kino von Pionieren wie Luis Buñuel und Salvador Dalí schockierte mit wüsten Ideen und nie gesehenen Effekten. Die Bewegung strahlte weltweit aus; ihr Einfluss dauert bis heute an, wie das Deutsche Filmmuseum zeigt.

Am Abendhimmel zieht eine Zirruswolke vorüber und zerschneidet optisch den Mond; ein Rasiermesser zerschneidet scheinbar real das Auge einer Frau. Diese lockere Assoziationskette ist fast kulturelles Allgemeingut geworden: Es ist die berühmt-berüchtigte Sequenz aus dem Kurzfilm „Ein andalusischer Hund“. Damit hatten die beiden Spanier Luis Buñuel und Salvador Dalí 1929 in Paris für enormes Aufsehen gesorgt. Nun steht der 16-minütige Streifen im Zentrum dieses Rückblicks auf den filmischen Surrealismus.

 

Info

 

Bewusste Halluzinationen - Der filmische Surrealismus

 

25.06.2014 - 02.11.2014

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

mittwochs bis 20 Uhr

im Deutschen Filmmuseum, Schaumainkai 41, Frankfurt/Main

 

Weitere Informationen

 

Als Schlüsselwerk der Kinogeschichte zählt er zu den wenigen Filmen, die komplett gezeigt werden, und nicht nur in kurzen Ausschnitten. Die Bedeutung dieses Tabubrechers wird dadurch betont, dass er auf mehrere halbtransparente, hintereinander gestaffelte Leinwände projiziert wird, die frei im Raum schweben: Zweidimensionale Bilder erobern die dritte Dimension.

 

Aus Paris in die ganze Welt

 

So, wie die Mehrfach-Projektion auf jeder folgenden Leinwand schwächer wird, strahlte die in Paris entstandene Bewegung europa- und weltweit aus – sie verlor jedoch mit wachsender Entfernung vom Entstehungsort an Intensität und Einfluss. Im benachbarten Belgien gab es eine größere Bewegung mit noch heute berühmten Künstlern. In Osteuropa war der Einfluss des Surrealismus deutlich schwächer. Außerhalb von Europa waren ihm nur vereinzelte – oft aus Europa emigrierte – Künstler verbunden.


Interview mit Kuratorin Stefanie Plappert + Impressionen der Ausstellung; © rheinmaintv


 

Vitrinen-Tisch auf Menschenbeinen

 

Wie sich die Bewegung ausbreitete, stellt eine große Tafel detailliert dar. Um sie herum sind verschiedene Länderschauen gruppiert, die sich durch surreales Ausstellungsdesign voneinander abgrenzen. Da gibt es Glasvitrinen, die durch weiße Schnüre in der Luft und Streifen auf dem Boden miteinander verknüpft sind. Eine anderer Vitrinen-Tisch wird durch Beine im Wortsinne getragen; es sind gehende Menschenbeine. Eine Sektion lässt sich nur durch Gucklöcher in der Wand erspähen; daneben hängen Exponate wie Kleidungsstücke an einer Wäscheleine.

 

In jeder Abteilung sind zudem Ausschnitte aus surrealistischen Filmen des jeweiligen Landes zu sehen sind. Naturgemäß entpuppt sich Frankreich als Zentrum des Kino-Schaffens: Zehn verschiedene Filmschnipsel zwischen zwei und fünf Minuten Länge laufen in Endlosschleife. Etwa Germaine Dulacs „Die Muschel und der Kleriker“ von 1928 mit einer damals schockierenden Szene: Der Geistliche greift einer Dame an die entblößte Brust. Solche Höhepunkte sind allerdings in eine Reihe weniger interessanter Filme eingebettet.

 

Schwebende Hüte wie bei René Magritte

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung Der Stachel des Skorpions – sechs surreale Film-Installationen als “Cadavre exquis nach Luis Buñuels »L’Âge d’or«” in München + Darmstadt

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Hans Richter - Begegnungen: Von Dada bis heute" - große Retrospektive des Multimediakunst-Pioniers im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier eine Rezension der Ausstellung "Halluzinierte Welt - Malerei am Rande der Wirklichkeit" von elf zeitgenössischen Künstlern im Haus am Lützowplatz, Berlin.

 

Optimal ist hingegen die Gestaltung des Foyers vor dem Hauptraum: Transparente Gazevorhänge bilden Kompartimente, in denen jeweils ein einziger Film gezeigt wird. Darunter Hans Richters „Vormittagsspuk“ aus dem Jahre 1928, ein Meilenstein früher Tricktechnik: Richter ließ Hüte wie von Geisterhand durch die Luft schweben – diese Aufhebung von Schwerkraft und Kontext erinnert an Bilder des belgischen Surrealisten René Magritte.

 

Außerdem wird deutlich, dass sich der Surrealismus im Kino bereits in den 1930er Jahren auch in Ländern verbreitet hat, die man nicht sofort mit dieser Bewegung assoziieren würde, etwa der Tschechoslowakei: Dort lebt er im Schaffen von Filmemachern wie Jiří Menzel bis heute fort.

 

Eisensteins surreale Ekstase in Mexiko

 

Selbst der legendäre russische Regisseur Sergej Eisenstein hatte eine kurze surreale Phase: In Mexiko drehte er 1930/31 wild drauf los, bis ihn nach 50 Stunden Rohaufnahmen seine erbosten Geldgeber nach Moskau zurückschickten. Eisenstein stellte seinen wüsten Pseudo-Dokumentarfilm mit dem Arbeitstitel „¡Que viva México!“ nie fertig: In Stalins Sowjetunion galt das Dogma des Sozialistischen Realismus.

 

Solche skurrilen Überraschungen bleiben jedoch Einzelfälle. Insgesamt belegt die Schau, dass die Geschichte der klassischen Phase des Surrealismus nicht umgeschrieben werden muss. Was jedoch der Ausstellung eindeutig fehlt, ist der Bezug zur Gegenwart: Surreal anmutende Werke seit 1970 bis zur Gegenwart sind nur in der begleitenden Filmreihe zu sehen – teilweise ausgewählt von Machern der parallel laufenden Schau „Der Stachel des Skorpions“ in Darmstadt, einer Hommage heutiger Künstler an den Klassiker „L’Âge d’or“(„Das goldene Zeitalter“) von Luis Buñuel.


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