Johannes Holzhausen

Das große Museum

Ein Renaissance-Putto wird gesäubert. Foto: RealFiction Filmverleih

(Kinostart: 16.10.) Zwischen Reichskrone und Mottenfallen: Das Kunsthistorische Museum Wien ist eine Welt für sich. Regisseur Holzhausen erkundet sie von der Rüstkammer bis zur Marketing-Abteilung – lakonisch und stilvoll wie das Haus selbst.

Philipp II. geht schlafen. Vorsichtig bettet die Kuratorin den Kopf der Büste von Pompeo Leoni im Depot aufs weiße Kissen. Das Kunstwerk von 1580 wartet noch auf seinen großen Auftritt – bei der Eröffnung der Kunstkammer im Kunsthistorischen Museum (KHM) Wien im März 2013.

 

Info

 

Das große Museum

 

Regie: Johannes Holzhausen,

94 Min., Österreich 2014;

mit: Sabine Haag, Neil MacGregor

 

Website zum Film

 

In seiner Doku schaut der österreichische Filmemacher Johannes Holzhausen hinter die Kulissen einer Institution von Weltrang und begleitet ihren Anpassungsprozess an den Zeitgeist. Um über die Kunst-Pilger hinaus noch mehr Touristen anzulocken, gibt es einige publikumswirksame Umbauten und den Werbe-Zusatz „kaiserlich“; dieses label funktioniert anderswo in Wien bestens – doch nicht alle KHM-Mitarbeiter sind überzeugt.

 

Skurrile Arbeit anonymer Leute

 

Holzhausen kommentiert diesen Weg nicht und erklärt nichts; keiner der Protagonisten vor der Kamera wird benannt – er filmt einfach nur, was passiert. Das ist zunächst irritierend, aber bald schaut man den oft skurril wirkenden Tätigkeiten der namenlosen Museumsleute auf einer höheren Ebene zu – und das ist ebenso unterhaltsam wie spannend.


Offizieller Filmtrailer


 

Aufbegehren einer Aufseherin

 

Schon die Hierarchien im Museum sind eindrucksvoll. Sie wirken, als hätte sich seit dem Ende der K.u.k.-Monarchie wenig geändert: Da gibt es eine königinnengleiche Direktorin, kapriziöse Kuratorinnen und Restauratoren, deren Motivation zwischen Spleen und Tüftel-Pragmatismus liegt, sowie ein riesiges Heer anonymer dienender Kräfte: Putzfrauen, Wärter, Lastenträger.

 

Der Film dokumentiert auch das Aufbegehren einer Aufseherin: Vom Geschäftsführer um Vorschläge zur Verbesserung des Hauses gebeten, beschwert sie sich, dass die Aufseher noch nie zu Veranstaltungen geladen wurden und aus den höheren Etagen nie jemand mit ihnen spreche. Motivierende Mitarbeiterführung sieht anders aus.

 

Weltherrschafts-Anspruch der Habsburger

 

Daneben bietet „Das große Museum“ einige lakonisch wirkende Szenen, in denen Ehrfurcht vor den Meisterwerken, aber auch der immense Aufwand des Sammelns und Bewahrens sichtbar wird. Regisseur Holzhausen, der selbst Kunstgeschichte studierte, weiß um die universelle Bedeutung des Museums; es ging aus diversen Kunst- und Wunderkammern der Habsburger Kaiser hervor. Die dienten – bei allem Kunstsinn – natürlich vor allem dem Zweck, den Weltherrschafts-Anspruch der Monarchen auch auf dem Gebiet der Kunst zu untermauern.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Museum Hours“ – Porträt eines Aufsehers im Kunsthistorischen Museum Wien von Jem Cohen

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung “Tat Ort Museum”  – über Aktivitäten eines Museums zum 150. Jahrestag im Wallraf-Richartz-Museum, Köln

 

und hier einen Beitrag über den Film Die Mühle und das Kreuz – Verfilmung eines Gemäldes von Pieter Bruegel d. Ä. im Kunsthistorischen Museum Wien durch Lech Majewski.

 

Der Film zeigt Prosaisches und Pompöses: Mottenfallen werden überprüft und antike Scherben in Gefrierbeuteln verstaut. Es wird am kostbaren Spätrenaissance-Tischgeschirr „Saliera“ (1543) von Benvenuto Cellini herumgedoktert, ein Eisbärenfell restauriert, die Reichskrone gelüpft. Im Fanfarenklang bei der Wiedereröffnung der Kunstkammer klingt schließlich der ganze aufgeblasene Repräsentations-Wahn Wiens mit.

 

Käse-Jause neben Ritter-Rüstungen

 

Aber auch echte Menschen haben einiges zu bieten: Zu Beginn sieht man Direktorin Sabine Haag, wie sie Neil MacGregor, ihren legendären Kollegen vom British Museum, mit mädchenhaftem Stolz durch ihr Haus führt. Trotzdem darf man von den beiden keine hochkarätige Konversation erwarten.

 

Schön schräg ist auch, wie der kurz vor der Pensionierung stehende Direktor der Rüstkammer und Hofjagd stoisch seine Käse-Jause an Hunderten von Ritter-Rüstungen vorbeiträgt. Einmal fängt die Kamera wunderbar ein, wie einer altgedienten Kuratorin die Gesichtszüge entgleiten, als ihr der Geschäftsführer deutlich zu verstehen gibt, dass ihr Etat erfolgsabhängig ist – und daher weitaus geringer ausfällt, als sie annahm. Schon klar, die Verteilungskämpfe um staatliche Fördermittel werden härter; darum arbeitet das KHM fieberhaft am neuen branding.

 

Museumsbau zu Babel

 

Das wohl berühmteste Bild der Sammlung ist der „Turmbau zu Babel“ (1563) von Pieter Bruegel d.Ä.; es wird im Laufe der im Film dokumentierten Wandlung des Hauses mehrfach ab- und aufgehängt. Und die Analogie zu diesem Welttheater wird überdeutlich: Der hybride Endlos-Turm und das große Museum sind eins.


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