Stefan Haupt

Der Kreis

Ernst Ostertag (Matthias Hungerbühler, li.) und Röbi Rapp (Sven Schelker) sind ein Paar. Foto: Edition Salzgeber

(Kinostart: 23.10.) Als Zürich das Schwulen-Mekka Europas war: Wie dort Nacht- und Liebesleben in den 1950/60ern zwischen Klappen und Razzien verlief, erzählt Regisseur Stefan Haupt am Beispiel eines außergewöhnlichen Paars – eine gelungene Hommage.

Bei der Schweiz denkt man vor allem an Berge, Banken und Luxusuhren. Kaum jemand würde vermuten, dass gerade hier ein kleiner, feiner Zirkel schwuler Aktivisten entstand; er gilt heute als Wegbereiter der großen Homosexuellen-Bewegung ab den 1970er Jahren. Seine Geschichte hat Regisseur Stefan Haupt als Dokudrama so lehrreich wie kurzweilig verfilmt; dafür gab’s auf der Berlinale den Panorama-Publikumspreis.

 

Info

 

Der Kreis

 

Regie: Stefan Haupt

102 Min., Schweiz 2014;

mit: Matthias Hungerbühler, Sven Schelker, Marianne Sägebrecht

 

Website zum Film

 

„Ich bin so seltsam, ach, ich bin so seltsam“: Diese Worte zum Auftakt sind Ausdruck der Verwirrung, die Ernst Ostertag (Matthias Hungerbühler) als jungen Erwachsenen Mitte der 1950er Jahre umtreibt. Da ist der Sohn aus gutem Hause auf dem besten Wege, Gymnasiallehrer an einer Mädchenschule in Zürich zu werden.

 

2000 Heft-Abos in Europa + USA

 

Erstmals unabhängig vom strengen Elternhaus, wohnt er in seiner eigenen Bude zur Untermiete. Bald wird er in das Redaktionsbüro der Zeitschrift „Der Kreis“ eingeführt. Dort gibt ein verschworener Klub schöngeistiger Schwuler ein Mitglieder-Magazin mit Kurzgeschichten, Lyrik und homoerotischen Fotos heraus; Vorläufer des Heftes existieren seit 1932. Es hat rund 2000 Abonnenten und wird in viele Länder Europas sowie die USA verschickt – im neutralen Umschlag.


Offizieller Filmtrailer


 

Rauschende Bälle mit 800 Gästen

 

Gründer und Chefredakteur Klaus Meier, ein populärer Schauspieler, agiert in einer Grauzone. Zwar ist in der Schweiz Homosexualität seit 1942 legal, aber die gesellschaftliche Toleranz dafür minimal. Die Kreis-Aktivisten führen ein Doppelleben und betreiben ständiges Versteckspiel: Sie benutzen Pseudonyme und nummerierte Mitgliedsausweise. Den versteckt Ernst sorgfältig vor seiner Zimmerwirtin.

 

Auf einem der rauschenden Bälle des Kreises, zu dem bis zu 800 Gäste aus ganz Europa anreisen, begegnet er Röbi Rapp (Sven Schelker). Der Friseurlehrling, Sohn einer in die Schweiz ausgewanderten Deutschen (warmherzig: Marianne Sägebrecht), tritt auf dem Ball als Travestie-Diseuse auf. Ernst ist sofort Feuer und Flamme für den hübschen Paradiesvogel. Beide kommen sich näher; ihre Partnerschaft hält bis heute.

 

Wochenend-Tourismus aus Nachbarländern

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier einen Bericht über den Film „Sag nicht wer du bist!“schwuler Psychothriller von Xavier Dolan

 

und hier einen Beitrag über den Film “Der Fremde am See”  – schwuler Kammerspiel-Thriller von Alain Guiraudie

 

und hier eine Besprechung der Doku Sagrada – Das Wunder der Schöpfung über den Bau der Sagrada Familia in Barcelona von Stefan Haupt.

 

Davon erzählt Regisseur Haupt größtenteils mit Spielszenen, sparsam vom realen Paar Ernst und Röbi kommentiert. Sie zeigen die lebendige Atmosphäre der lokalen Schwulenszene in den 1950er Jahren: Da die Schweiz zu den wenigen Staaten zählt, in denen Homosexualität nicht verboten ist, reisen jedes Wochenende etliche Männer aus Nachbarländern an, um sich in den Bars und Clubs von Zürich zu amüsieren. Die Stadt avanciert zu Europas Schwulen-Mekka.

 

Allerdings bleiben die Zeiten nicht lange rosig. Als 1959 ein bekannter Komponist ermordet wird, gerät die Szene ins Visier der Kripo: Der Täter kommt aus dem Stricher-Milieu. Bald müssen sich alle Homosexuellen registrieren lassen. Im Folgejahr untersagt der Stadtrat Bälle, auf denen Männer miteinander tanzen; damit verliert der Kreis seine wichtigste Einnahmequelle. 1961 wird das Vereinslokal geschlossen, sechs Jahre später die Zeitschrift eingestellt. Die Repressionen gegen Schwule endet erst Ende des Jahrzehnts durch Studentenkrawalle – nun hat die Polizei anderes zu tun.

 

Zwischen Klappen + Razzien

 

Aufstieg und Niedergang dieser Proto-Emanzipationsbewegung erzählt Regisseur Haupt detailreich und plastisch; so wird anschaulich, wie vor einem halben Jahrhundert schwules Nacht- und Liebesleben zwischen Klappen und Razzien verlief. Dabei stehen ihm mit Ernst und Röbi zwei liebenswürdige und beredte Zeitzeugen zur Seite; sie führen mit ihren Erinnerungen durch den Film.

 

Eine rundum gelungene Hommage an eine frühe schwule Selbsthilfe-Organisation, die zum Vorbild für viele andere weltweit wurde, und an ein außergewöhnliches Paar: Es war das erste, das sich 2003 in der Schweiz standesamtlich registrieren ließ.


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