Berlin

Die Welt um 1914: Farbfotografie vor dem Großen Krieg

Marmornes Schiff Quinyanfang (Schiff der Heiterkeit), China, Peking, Yiheyuan, Garten der Harmonie, 29. Juni 1912. Foto: Albert Kahn, Les Archives de la planete/ Stephane Passet. Fotoquelle: MGB

So bunt und vielfältig war die Welt, bevor der Krieg alles in Trümmer legte: Der Martin-Gropius-Bau zeigt seltene frühe Farbfotos, die erste Bildreporter auf allen Kontinenten aufnahmen – nur 100 Jahre her, aber rettungslos verloren wie die Antike.

Von allen Gedenkausstellungen zum Kriegsausbruch 1914 ist diese vielleicht die schönste – gewiss aber die farbenfroheste. Weil sie die Welt zeigt, bevor Krieg und Nachkrieg alles dahinrafften: Menschen, Gebäude, traditionelle Lebensweisen und Kulturen. Mit einer Farbenpracht, die unsereins gar nicht mehr gewohnt ist: Die frühe Farbfotografie war viel bunter als die heutige – mit leichter Tendenz zu Falschfarben.

 

Info

 

Die Welt um 1914: Farbfotografie vor dem Großen Krieg

 

01.08.2014 – 02.11.2014

täglich außer dienstags

10 bis 19 Uhr

im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Berlin

 

Katalog 16 €

 

Weitere Informationen

 

An ihr wurde lange herumgetüftelt: Ende des 19. Jahrhunderts waren die bekannten Verfahren sehr umständlich und aufwändig. 1902 kam Adolf Miethe in Berlin auf die Idee, drei Negative gleichzeitig durch Rot-, Grün- und Blau-Filter zu belichten; wurden sie nach der Entwicklung durch dieselben Filter projiziert, entstand ein farbiges Bild.

 

Schoko-Bilder im ersten Farbfoto-Buch

 

Kaiser Wilhelm II. war davon angetan und ließ ihn Serien deutscher Landschaften aufnehmen. Damit wurde 1904 das erste Farbfotobuch der Welt gedruckt: ein Album mit Sammelbildern, die Dreingaben zu Schokoladen der Firma „Stollwerck“ waren. Es liegt in der Ausstellung aus.


Interview mit Kurator Rolf Sachsse + Impressionen der Ausstellung


 

Sechs Jahre kreuz + quer durch das Zarenreich

 

Miethe hatte einen russischen Assistenten: Sergej Prokudin-Gorskii. Er übernahm dessen Methode und gab sie als seine eigene aus; 1909 durfte er sie Zar Nikolaus II. vorführen. Der Herrscher aller Reußen war begeistert und schickte den Adligen auf eine jahrelange Expedition durch sein Riesenreich. Bis 1915 fertigte Prokudin-Gorskii von Finnland bis Kasachstan 2500 Farbbilder an; etwa 80 davon sind in der Schau zu sehen.

 

Den mit Abstand größten Bilderschatz der Epoche trug der Franzose Albert Kahn zusammen; ein steinreicher Bankier, der etliche philanthropische Aktivitäten finanzierte. 1907 brachten die Filmpioniere Brüder Lumière farbempfindliche Autochrom-Platten auf den Markt: Sie konnten als Diapositiv projiziert oder farbig gedruckt werden.

 

Planeten-Archiv mit 70.000 Aufnahmen

 

Nun schickte Kahn mehrere Fotografen zugleich auf Reisen: Sie sollten ferne Landschaften, Bauten, Völker und ihre Gebräuche festhalten. Seine Farbbild-Reporter waren zwei Jahrzehnte lang unterwegs, bis ihr Finanzier im Börsenkrach von 1929 sein Vermögen verlor; da umfassten Les Archives de la planète rund 70.000 Foto- und Filmaufnahmen.

 

Kahns Hoffnung, mit dieser visuellen Total-Enzyklopädie Frieden und Völkerverständigung zu befördern, hatte sich nicht erfüllt. Dennoch ist die riesige Motivsammlung eine unschätzbar wertvolle Quelle zum Aussehen der Welt vor 100 Jahren. Von rund 2000 Bildern, die bis zum Ersten Weltkrieg entstanden, werden 120 in der Ausstellung präsentiert. Sie gastiert nach dem Auftakt im LVR-LandesMuseum Bonn derzeit im Martin-Gropius-Bau.

 

Best of-Kanon der Sehenswürdigkeiten

 

Manche Motive wirken überraschend vertraut: Sehenswürdigkeiten wie die Pyramiden, das Taj Mahal oder der Eiffelturm haben sich kaum verändert. Dagegen war ihr Anblick, zumal in Farbe, für damalige Zeitgenossen eine umwerfend neue Seherfahrung – ebenso wie asiatische Steppen, tropischer Dschungel oder auch nur Albaniens karstige Adria-Küste: Kaum ein Europäer hatte sie zuvor mit eigenen Augen erblickt.

 

Allerdings schält sich selbst in entlegenen Weltgegenden rasch ein Kanon heraus, was als besonders bemerkenswert gilt: Spektakuläre Moscheen, Tempel und Paläste, die Kahns Fotografen ablichten, stehen noch heute auf dem Programm jeder Rundreise. Thomas Cook und Baedeker hatten da gründliche Vorarbeit geleistet.

 

Straßenhandel mit Hühnern, Salat + Broten

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Von Istanbul bis Yokohama“ über die „Reise der Kamera nach Asien 1839 – 1900“ im Museum für Ostasiatische Kunst, Köln

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung “Das Koloniale Auge”frühe Porträtfotografie in Indien im Museum für Fotografie, Berlin

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung “Jimmy Nelson: Before They Pass Away” – Aufnahmen indigener Völker + Kulturen in der Galerie Camerawork, Berlin.

 

und hier eine Kritik des Films „Im Krieg – Der 1. Weltkrieg in 3D“Stereoskopie-Doku von Nikolai Vialkowitsch.

 

Umgekehrt dürfte seinerzeit den meisten auserwählten Betrachtern – Kahn lud Prominente zu exklusiven Projektions-Vorführungen auf seinen Landsitz bei Paris ein – geläufig gewesen sein, was heutzutage erstaunt: eine unermessliche Vielfalt von Baustilen, Gewändern und Tagewerk, die jeweilige Lebenswelten prägen.

 

In Spanien verkauft ein fliegender Händler lebende Hühner auf offener Straße, in Thessaloniki ein jüdischer Kollege büschelweise Salat, in Sarajevo stapeln sich Berge von Broten auf dem Pflaster. All das ist ebenso verschwunden wie unzählige Umhänge, Kopfbedeckungen und Gamaschen in allen Farben und Formen, mit denen sich Menschen früher kleideten.

 

Uniformität durch Technik + TV

 

Wie das geschah, führen die Fotos von Prokudin-Gorskii vor. Er sollte nicht nur verschiedene Ethnien und Religionen im Zarenreich dokumentieren, sondern auch technischen Fortschritt: die ersten Wasserkraftwerke, Stahlbrücken und Fabriken. Mit solchen Gleichmachern verwandelten später die Sowjets das Land in eine Wüste betongrauer Uniformität.

 

So zeigt diese Ausstellung, indem sie 200 Fotos unkommentiert aufreiht und nur die Hintergründe ihrer Herstellung erhellt, eine so exotische wie unwiederbringlich vergangene Welt – nur 100 Jahre her, aber rettungslos verloren wie die Antike. Was weniger an den Zerstörungen des Krieges als vielmehr der Moderne insgesamt liegt: Mobilisierung, Massenproduktion und TV-Werbespots rund um die Uhr.


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