München

Menschliches – Allzumenschliches: Die Neue Sachlichkeit im Lenbachhaus

George Grosz: Mann und Frau, 1926, Öl auf Leinwand; VG Bild-Kunst. Foto: Lenbachhaus, München

Nüchterne Blicke auf eine harte Wirklichkeit: Das Lenbachhaus zeigt Werke von 22 Malern der Neuen Sachlichkeit. Die alte Einteilung in linke und rechte Künstler taugt nicht mehr viel; was bleibt, sind ungeschönte Szenen, die noch heute beeindrucken.

Otto Dix’ „Mutter mit Kind“ hat so gar nichts vom madonnenhaften Mama-Kindchen-Schema. Im Gegenteil: Die Mutter ist verhärmt; der tägliche Überlebenskampf hat ihr tiefe Furchen ins Gesicht gegraben. Das Baby ist ein faltiger Winzling mit Greisengesicht. Der Verismus dieses Bildnisses von 1923 rührt nicht, aber er tut weh.

 

Info

 

Menschliches – Allzumenschliches

Die Neue Sachlichkeit im Lenbachhaus

 

22.07.2014 – 31.12.2015

täglich außer montags,

10 bis 18 Uhr,

dienstags bis 21 Uhr

in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, Luisenstraße 33, München

 

Weitere Informationen

 

Die etwas andere Schmerzensmutter aus dem Stuttgarter Kunstmuseum ist bis Ende 2015 im Münchner Lenbachhaus gut aufgehoben. In der Präsentation unter dem Titel des Nietzsche-Werks „Menschliches, Allzumenschliches“ hängt sie an prominenter Stelle. Da ein Großteil der Bilder von Franz Marc und August Macke, die sonst in der zweiten Etage zu sehen sind, an die große „Künstlerfreundschaft“-Ausstellung in Bonn ausgeliehen wurden, ist der Saal nun 22 Künstlern der Neuen Sachlichkeit gewidmet.

 

Entlassen + entartet oder NS-Mitläufer

 

Kuratorin Karin Althaus stellt den Gemälden und Zeichnungen aus der Zeit zwischen den Weltkriegen ein Zitat von Gustav Hartlaub voran, der 1925 den Begriff „Neue Sachlichkeit“ mit seiner gleichnamigen Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim prägte. Allerdings zieht sie seine Unterteilung in einen „linken Flügel“ der Veristen und „rechten Flügel“ der Klassizisten in Zweifel: Diese Einteilung greife nur bedingt.

 

So stellt sie etwa Georg Schrimpfs Porträt des Dichters Oskar Maria Graf von 1918 – beide Künstler standen damals weit links – dem Bild „Mädchen in südlicher Bucht“ gegenüber, das der Künstler 1923 schuf. Dessen magischer Realismus wurde dem „rechten Flügel“ zugeordnet; doch die Nazis entließen Schrimpf 1937 als Hochschul-Professor wegen seiner linken Vergangenheit. Nun galten seine Werke als „entartet“; wie die von Josef Scharl, der vor dem Regime fliehen musste. Andere Maler wie Franz Doll dienten sich erfolgreich der NS-Kunstideologie an.

 

Ehe- oder Bordell-Szene

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung “Wien – Berlin: Kunst zweier Metropolen von Schiele bis Grosz” in Berlin + Wien

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Dix/Beckmann: Mythos Welt“ in der Hypo-Kunsthalle, München

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung  “Blickwechsel: Pioniere der Moderne”  – mit Werken von Otto Dix in der Neuen Pinakothek, München

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Helmut Kolle: Ein Deutscher in Paris“ – Werkschau zur Wiederentdeckung des neusachlichen Malers in Chemnitz + Hamburg.

Neben dem Dix-Gemälde aus Stuttgart kann man eine weitere Leihgabe bewundern, die auf Dauer im Lenbachhaus bleiben soll: George Grosz’ pointiertes Bild „Mann und Frau“ – ob die Szene ein Ehepaar zeigt oder im Bordell spielt, bleibt absichtsvoll unklar.

 

Aus der Ausstellung „Wien – Berlin“, die in der Berlinischen Galerie und im Belvedere zu sehen war, kommt Lotte Lasersteins Bildnis „Im Gasthaus“. Die lesbische Jüdin Laserstein emigrierte 1937 nach Schweden. Ihr Porträt einer Frau allein in der Kneipe erinnert an Realisten des 19. Jahrhunderts, stellt aber thematisch eine rebellische Selbstbehauptung dar.

 

OP-Patient als Mantegna-Christus

 

Die eigene Kollektion des Lenbachhauses hat ebenfalls einiges zu bieten; etwa Rudolf Schlichters berühmtes Porträt von Bertold Brecht mit Zigarre und Auto. Oder Christian Schads spektakuläre „Operation“: In der Mitte ist der Patient in extremer perspektivischer Verkürzung zu sehen wie der Erlöser in der berühmten „Beweinung Christi“ (um 1480) von Andrea Mantegna. Die Szene wurde zwar nachgestellt, entstand aber auf Basis realer Beobachtungen im OP.

 

Darüber hinaus wurde Erstaunliches aus dem Depot hervorgeholt: Wilhelm Heise rückt in „Verblühender Frühling – Selbstbildnis als Radiobastler“ die damals neue Technik mit skeptischer Faszination ins Bild. Erna Dinklage träumt sich als bukolisch-utopische „Hirtin“ weit weg aus der harten Wirklichkeit der Weimarer Republik. Und Alfred Hawels „Selbstbildnis als Gruppenbild“ lässt eine multiple Persönlichkeit im kalten Licht der Neuen Sachlichkeit umso facettenreicher schillern.


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