Fatih Akin

Einen Supertanker durch den Bosporus lenken

Fatih Akin. Foto: Vanessa Maas/ bombero international. Fotoquelle: Pandora Filmverleih

Mit „The Cut“ greift Fatih Akin ein türkisches Tabu-Thema auf: den Völkermord an den Armeniern. Die märchenhaft poetische Form eines Helden-Epos soll bewirken, dass auch Faschos länger als 15 Minuten zusehen, erklärt der Regisseur im Interview.

Herr Akin, warum haben Sie ein so schwieriges und belastetes Thema wie den Völkermord an den Armeniern als Filmstoff ausgesucht?

 

Ich habe mir eigentlich immer schwierige Herausforderungen als Projekte ausgesucht, keine Selbstläufer. Der Völkermord an den Armeniern hat mich seit Teenager-Tagen beschäftigt; vor allem, wie aggressiv vereitelt wird, ihn aufzuarbeiten. Darüber habe ich sehr viel gelesen.

 

Jeder Armenier hat eine Geschichte, die man verfilmen kann. Wir erzählen ein Einzelschicksal; doch alle Stationen, die Nazaret durchwandert, basieren auf Erfahrungen wie Tagebuch-Eintragungen etc.. Darin habe ich das kinematographische Potential gesehen.

 

Keine negative Regierungs-Reaktion

 

Gab es in der Türkei bislang feindselige Reaktionen auf den Film?

 

Info

 

The Cut

 

Regie: Fatih Akin,

138 Min., Türkei/ Deutschland/ Frankreich 2014;

mit: Tahar Rahim, Simon Abkarian, Makram J. Khoury

 

Website zum Film

 

Ein Tweet, der an Argos und andere Zeitungen gerichtet war, hat Aufmerksamkeit und einen Schneeball-Effekt ausgelöst. Ansonsten habe ich bislang keine Feindschaft oder Aggression seitens des Staates oder der Regierung erlebt. Das habe ich auch nicht erwartet: Anklagen nach Paragraph 301 wegen „Verunglimpfung des Türkentums“ werden immer seltener.

 

Die Ermordung des armenischen Journalisten Hrant Dink 2007 wirkte kathartisch; die Politik hat begriffen, dass ihre Strategie des Verschweigens gescheitert ist. Wenn jetzt noch Drohungen kommen, dann hauptsächlich vom Mob; Kommentare im Internet ignoriere ich.


Auszüge des Interviews mit Fatih Akin


 

Empathie relativiert Widerstand

 

Das bestätigt mein Urvertrauen, das ich von Anfang in den Film gesetzt habe: Er wird akzeptiert werden und der Widerstand in der Türkei sich in Grenzen halten. Wäre „The Cut“ schon vor sieben Jahren herausgekommen, sähe es wahrscheinlich anders aus.

 

Aber Dinge ändern sich, und sie wollen aufgearbeitet werden. Widerstand geht vor allem von denjenigen aus, die den Film nicht gesehen haben. Wird er gesehen, relativiert sich das, weil er sich darum bemüht, Empathie zu schaffen.

 

Realistisch rauer Film reizte mich nicht

 

Warum haben Sie als Form das Helden-Epos gewählt?

 

Überlebensberichte von Armeniern sind eigentlich immer Heldengeschichten; auch in bekannten literarischen Werken über den Völkermord wie „Das Märchen vom letzten Gedanken“ von Edgar Hilsenrath oder „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ von Franz Werfel. Für mich lagen kinematographische Poesie und die einer Heldengeschichte wie von Odysseus nah beieinander.

 

„The Cut“ ist der Film, den ich machen und sehen wollte – nicht einen ultrarealistischen, rauen Film, den man vielleicht von mir erwartet hat. Das hätte mich nicht gereizt; ich glaube, dass man mit der poetischen Form dieses Thema viel besser transportieren kann.

 

Ich bin der erste Zuschauer

 

Wen wollen Sie mit diesem Film ansprechen? Türkische Zuschauer, europäisches Autorenfilm-Publikum oder das große Publikum weltweit?

 

Ich mache jeden Film so, dass der erste Zuschauer ich selbst bin: Er muss mir gefallen. Dabei hoffe ich, so viele Menschen wie möglich zu erreichen; bisher ging das eigentlich immer mehr oder weniger auf. Wenn ich mehr an das Feuilleton oder den Festival-Zirkus gedacht habe, stehe ich nachher meinen eigenen Arbeiten kritischer gegenüber. Wichtig ist eigentlich immer der eigene, innere Ausdruck.

 

Weil ich aber ein Autorenfilmer mit bestimmter Biographie bin, denke ich auch an Leute, die mit diesem Thema Probleme haben. Ich kenne türkische Linke, aber ebenso Konservative und Faschos, die ich heute noch auf der Straße sehe. Dabei überlegte ich: Wie müsste ich den Film machen, damit diese Leute im Kino sitzen bleiben, und nicht nach 15 Minuten rausgehen?

 

Zuschauer soll sich danach informieren

 

Über den Ablauf des Völkermords und Motive der türkischen Regierung gibt es eine lange Debatte. Daran waren etliche Deutsche beteiligt; Augenzeugenberichte deutscher Diplomaten sind wichtige Zeugnisse. Talât Paşa, einer der Hauptverantwortlichen, floh später nach Berlin, wo er 1921 von einem Armenier ermordet wurde. Warum klammert der Film all das aus?

 

Eine Gegenfrage: Muss ein Spielfilm, der auch eine Heldengeschichte ist, alle komplexen Fragen zum Völkermord beantworten? Ist es nicht eher so, dass Filme etwas in mir auslösen, und danach informiere ich mich? Dazu sollte ein Film die Zuschauer anregen. Der Völkermord an den Armeniern lässt sich mit dem jüdischen Holocaust vergleichen, über den alles bekannt scheint.

 

Nehmen wir den Film „Der Pianist“: Er erzählt nicht, warum Adolf Hitler die Juden hasst. Roman Polanskis Film ist auf Augenhöhe mit dem Hauptdarsteller Adrien Brody; wir sehen alles aus seiner Sicht.

 

Kein Film kann in 90 oder 120 Minuten die ganze Geschichte des Holocaust erzählen. Ich habe nicht den Anspruch, ein derart komplexes Thema aufzuarbeiten; daran könnte ich nur scheitern. Ich kann den Zuschauer nur auffordern, sich darüber zu informieren.


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