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Türkische Gendarme schikanieren armenische Zwangsarbeiter und zwingen sie zu harter Arbeit. Foto: Pandora Filmverleih

The Cut


(Kinostart: 16.10.) Ein großer Film über den Völkermord an Armeniern, der gar keiner sein will. Regisseur Akin macht aus einem stummen Helden auf Anti-Odyssee ein visionäres Melodram, das Türken bewegen dürfte – und so Versöhnung befördern könnte.


Die Geschichte dieses Films ist fast 100 Jahre her, doch sie scheint brennend aktuell. Eine mordlustige Soldateska vertreibt unschuldige Minderheiten aus ihren uralten Siedlungszentren in die Wüste; dabei werden Zehntausende massakriert. Selbst die Schauplätze dieser Gräuel sind benachbart: triste Städtchen im türkisch-syrischen Grenzgebiet.

 

Info

 

The Cut

 

Regie: Fatih Akin,

138 Min., Türkei/ Deutschland/ Frankreich 2014;

mit: Tahar Rahim, Simon Abkarian, Makram J. Khoury

 

Website zum Film

 

Doch wie alle historischen Vergleiche hinkt auch dieser. Kurden und Jesiden in Syrien und Nord-Irak werden von fanatisierten Terror-Banden niedergemetzelt; ihre Befehlshaber erkennt kein Staat an. Die Armenier in Anatolien wurden 1915 von regulären osmanischen Truppen in Todesmärschen verschleppt. Auf Befehl der offiziellen Regierung des "jungtürkischen Triumvirats" von Enver Paşa, Talât Paşa und Cemal Paşa; sie bezichtigten die Armenier, im Ersten Weltkrieg mit feindlichen Mächten zu paktieren.

 

Massenmörder als Staatsgründer

 

Viele Mitglieder ihrer Militär-Diktatur schlossen sich später Mustafa Kemal an; der Gründer der modernen Türkei wird als Atatürk ("Vater der Türken") verehrt. Daher bestreitet Ankara bis heute den Völkermord an den Armeniern – seine Anerkennung käme dem Eingeständnis gleich, dass unter den Staatsgründern etliche Massenmörder waren. Für die paternalistisch und nationalistisch geprägte Mehrheit der türkischen Gesellschaft bleibt das undenkbar.


Offizieller Filmtrailer


 

Deutsche Mitschuld durch Passivität

 

Den Konsens des Totschweigens brechen einzelne Intellektuelle auf. 2012 veröffentlichte der prominente Journalist Hasan Cemal, Enkel von Cemal Paşa, eine Monographie über den Genozid mit mehr als einer Million Opfern. Und Fatih Akin, Migrationshintergrunds-Liebling des deutschen Autorenkinos, hat darüber ein Leinwand-Epos gedreht. Als zweiten Film zum Thema überhaupt – nach "Das Haus der Lerchen" von den italienischen Brüdern Taviani, der 2007 als Betroffenheits-Kitsch durchfiel.

 

Nicht von ungefähr geschieht der zweite Anlauf hierzulande. Deutschland war im Ersten Weltkrieg mit dem Osmanischen Reich eng verbündet, Berlin durch seine Diplomaten über die Massaker gut informiert. Aber die Reichsregierung unternahm nichts, um die Militärallianz mit Istanbul nicht zu gefährden – Mitschuld durch Passivität. Zudem ist aus nahe liegenden Gründen kaum ein Publikum für Völkermorde so sensibilisiert wie das deutsche.

 

Zwei Stunden Handlung wortlos vorantreiben

 

Doch für "The Cut" ist das gar nicht nötig. Anders als etwa Roman Polanski in "Der Pianist" oder Steven Spielberg in "Schindlers Liste" stellt Fatih Akin den Genozid nicht ins Zentrum, sondern an den Anfang. Er will vor allem erzählen, was folgte: der Exodus von Überlebenden in die halbe Welt, wo die armenische Diaspora seither lebt. Dafür wählt er eine radikale Antiklimax-Dramaturgie: erst der Paukenschlag einer Katastrophe, danach geduldiges Auflesen der Überbleibsel.

 

Solche gewöhnungsbedürftigen Entscheidungen trifft der Regisseur einige. "Der Schnitt" teilt das Obelisken-Mahnmal in Armeniens Hauptstadt Eriwan; dessen Hälften symbolisieren die Teilung des Volkes in Inländer und Exilanten. Das übernimmt Akin als Schnitt in die Kehle seiner Hauptfigur Nazaret (Tahir Rahim); er überlebt, aber verstummt. Fortan soll der Held zwei Stunden lang wortlos die Handlung vorantreiben, was selbst einen ausdrucksstarken Charakterdarsteller wie Rahim überfordern muss.

 

Ohne Sprache märtyrerhaft leiden

 

Solange der junge Schmied im anatolischen Mardin noch sein Familienglück genießt und dann bei Zwangsarbeit in der Steinwüste schuftet, wirkt alles realistisch. Sobald es ihm die Sprache raubt, darf er nur noch märtyrerhaft erdulden, was ihm widerfährt: eine sagenhafte Anti-Odyssee.

Todeslager im Studio Babelsberg

 

Auf der Suche nach seinen Töchtern trudelt er von Land zu Land, wird willkürlich gedemütigt und gerettet, trifft wundersamerweise stets die Richtigen – doch letztlich verschlägt es ihn in ein Staubnest in North Dakota. Trister geht's nimmer: Als wäre der antike Odysseus am Ende nicht im heimischen Ithaka, sondern auf der unwirtlichen Krim gelandet.

 

Was als Auswanderer-Chronik kaum plausibel wäre, verpackt Regisseur Akin in ein Gleichnis mit parareligiösen Zügen. Der Held heißt nicht zufällig wie der Erlöser und hat Visionen; sein Leidensweg führt wie der Kreuzweg direkt ins Jammertal. Dass sein Abstecher ins Todeslager von Ras al-Ayn im Studio Babelsberg gedreht wurde, erkennt man leicht: Malerisch lagern Verschmachtende wie auf barocken Grabmälern; so akkurat mit Sand bepinselt, wie es kein Wüstensturm hinbekäme.

 

Eigentümlich überzeitliche Atmosphäre

 

Bei dieser Fokussierung auf ein Einzelschicksal fällt der historische Rahmen weg. All die eingangs genannten Fakten, Akteure und Motive spielen im Film keine Rolle. Hier erscheint der Genozid nicht politisch gewollt, sondern wie eine rätselhafte biblische Plage, die über ein harmloses Völkchen hereinbricht. Das mögen die damaligen Opfer so empfunden haben, doch heutige Zuschauer erfahren kein Jota mehr. Als sei in 100 Jahren nichts weiter geklärt worden.

 

Vielleicht hat Fatih Akin genau diese eigentümlich überzeitliche Atmosphäre beabsichtigt. Weil sein Werk nicht primär auf ein Publikum abzielt, das mit Vergangenheitsbewältigung und Volkspädagogik vertraut ist, sondern auf ein anderes: "The Cut" wird auch in der Türkei anlaufen. Um dortigen Kinogängern diese bittere Pille schmackhaft zu machen, haben Merkmale, die in westlichen Historienfilmen befremdlich wirken, ihren guten Sinn.

 

Hauptfigur ist ein Held des hüzün

 

Unter Genre-Kategorien betrachtet, ist "The Cut" ein Melodram: Trotz aller Wechselfälle bleibt das heiße Bemühen des stummen Helden schließlich vergeblich. Solche Melodramen über unverschuldete eigene Ohnmacht sind im türkischen Kino seit jeher beliebt – wohl, weil sie das Lebensgefühl weiter Kreise spiegeln. Dafür gibt es den schwer übersetzbaren Begriff hüzün. Er meint mehr als schlichte Melancholie oder Resignation; eher das bittersüße Bewusstsein, dass auch im Scheitern wahre Größe liegen kann.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Fatih Akin über "The Cut"

 

und hier eine Besprechung des Films “Müll im Garten Eden” -  Doku über Umwelt-Sünden in der Türkei von Fatih Akin

 

und hier einen Bericht über den Film "Le Passé – Das Vergangene" - Beziehungs-Drama mit Tahar Rahim von Asghar Farhadi

 

und hier einen Beitrag über den Film "Anduni - Fremde Heimat" über Armenier in Deutschland von Samira Radsi

 

Nazaret ist ein Held des hüzün. Was ihn für viele türkische Zuschauer zum Sympathieträger machen dürfte, trotz seiner armenischen Nationalität: Das allgemein Menschliche überwiegt. Zumal sich die Hauptfigur durch ein setting bewegt, das seine pathetische Künstlichkeit kaum verbirgt. Im Melodram sind timing und Intensität der Gefühle entscheidend; Handlung und Ausstattung dienen nur als Verstärker.

 

Überraschungs-Erfolg in Türkei?

 

So gelingt Regisseur Akin, indem er alle melodramatischen Konventionen getreulich beachtet, das bislang Unmögliche: ein Armenier, der als Identifikationsfigur für Türken taugt. Womit er mehr für die empathische Annäherung von Erzfeinden erreicht hätte als Dutzende von Historiker-Kommissionen, deren Berichte einfache Erdogan-Wähler nie lesen.

 

Deshalb lohnt sich, "The Cut" anzusehen: nicht als definitiven Aufklärungsfilm über den Völkermord, den Akin gar nicht drehen wollte, sondern als erhellenden Einblick in Erwartungen und Geschmack des türkischen Publikums. Dieses gewagte Kino-Experiment wird es auf dem westlichen Markt sicherlich schwer haben – in der Türkei könnte es zum Überraschungs-Erfolg werden.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 16.10.2014





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