Jean-Pierre + Luc Dardenne

Zwei Tage, Eine Nacht

Sandra (Marion Cotillard) sucht alle Kollegen auf, um sie zu überreden, für sie zu stimmen. Foto: Alamode Filmverleih

(Kinostart: 30.10.) Wettrennen um den Arbeitsplatz: Entweder überzeugt eine Angestellte in 48 Stunden alle Kollegen, auf Geld zu verzichten – oder sie verliert ihren Job. Dichte Studie über Entsolidarisierung von Belgiens Altmeistern des Sozialdramas.

Ist Solidarität Luxus? In ihrem jüngsten Film machen die Dardenne-Brüder die entmenschlichte Arbeitswelt des Turbokapitalismus zum Thema, in der Beschäftigte nur Kostenfaktoren sind, die es zu drücken gilt. Die Folgen für das soziale Gefüge in Betrieben und der Gesellschaft allgemein zeigen die belgischen Filmemacher in einer zugespitzten Kino-Parabel.

 

Info

 

Zwei Tage, Eine Nacht

 

Regie: Jean-Pierre + Luc Dardenne,

95 Min., Belgien/ Frankreich/ Italien 2014;

mit: Marion Cotillard, Fabrizio Rongione, Pili Groyne

 

Website zum Film

 

Sandra (Marion Cotillard) ist nach längerer Krankschreibung wegen Depressionen gerade wieder halbwegs auf dem Damm. Nun soll sie entlassen werden, nachdem ihr Chef eine zynische Abstimmung angesetzt hatte. Die Kollegen konnten wählen: ein Bonus von 1000 Euro für jeden – was Sandras Entlassung voraussetzt. Oder Sandras Job bleibt erhalten – dann muss jeder auf seinen Bonus verzichten.

 

Existenz steht auf dem Spiel

 

Die Mehrheit der Kollegen hat, teils durchaus mit Bauchschmerzen, für die 1000 Euro votiert. Denn für alle sind die finanziellen Spielräume eng: hohe Raten fürs Eigenheim, Arbeitslosigkeit des Partners, Ausbildung der Kinder, Scheidungskosten. Die untere Mittelschicht steht stark unter Druck; auch für Sandra, ihren Mann und die zwei Kinder steht ihre bisherige Existenz auf dem Spiel.


Offizieller Filmtrailer


 

Kein Schritt ohne Kamera

 

Immerhin hat ihre Kollegin und Freundin Juliette erreicht, dass die Abstimmung wiederholt wird. Nun hat Sandra 48 Stunden Zeit, ihre Kollegen umzustimmen. Für sie, die immer wieder von Panikattacken und Lebensmüdigkeit gepeinigt wird, ein kaum vorstellbarer Kraftakt. Doch ihr Mann Manu (Fabrizio Rongione), der sich rührend um sie kümmert, überredet sie, es zu versuchen: Im persönlichen Gespräch könne man viel bewegen.

 

Die Kamera begleitet fortan Sandra auf Schritt und Tritt: im Auto, auf der Straße, in Hauseingängen und bei den Kollegen zuhause. Sie stellt jeden Einzelnen zur Rede, so dass er sich erklären muss. Doch der Film wertet nicht: Alle Protagonisten und ihre verschiedenen Motivationen werden ernst genommen. Sandra stößt auf Zustimmung oder Ablehnung, aber fast nie auf Gleichgültigkeit. Sie erlebt Beschämung, Empathie, Gefühlsausbrüche und auch Aggression.

 

Stille in der Blase aus Einsamkeit

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Jean-Pierre + Luc Dardenne über „Zwei Tage, Eine Nacht“

 

und hier eine Besprechung des belgischen Kindheits-Dramas Der Junge mit dem Fahrrad von Jean-Pierre + Luc Dardenne

 

und hier einen Bericht über den Film „Der Geschmack von Rost und Knochen“ – Außenseiter-Melodram mit Marion Cotillard von Jacques Audiard

 

und hier einen Beitrag über den Film “Mein Stück vom Kuchen” – Arbeitslosen-Tragikomödie von Cédric Klapisch.

 

Doch ihr Selbstwertgefühl liegt am Boden. Die Unterstützung von Familie, Freundin und Kollegen, die zu ihr halten, nimmt sie lange Zeit viel weniger wahr als die Schmach, bei allen um Verständnis betteln zu müssen. Auch die Kamera nimmt die Außenwelt als feindlich wahr: Wenige Geräusche dringen in die Blase aus Einsamkeit ein, in der sich Sandra herumschleppt, was den Eindruck einer hermetischen Gefühlswelt verstärkt.

 

Marion Cotillard, Superstar des frankophonen Kinos und spätestens seit „Der Geschmack von Rost und Knochen“ von Jacques Audiard für sperrige Rollen prädestiniert, verkörpert die Hauptfigur überzeugend: als jung verhärmtes, innerlich gebrochenes Wesen, das mit müdem, traurigem Blick durch ein Leben taumelt, das ihr zum Alptraum geworden ist.

 

Job weg, Würde bewahrt

 

Immer wieder greift sie zu Tabletten, um ihre Lage auszuhalten. Nur ihr Mann bleibt ein Fels in der Brandung; das ist ein bisschen zu schön, um wahr zu sein. Überhaupt sind manche Wendungen und Details bei aller Sensibilität des Themas mehr plakativ als psychologisch plausibel. Aber Sandra macht auch eine – durchaus dramatische – Entwicklung durch.

 

„Zwei Tage, Eine Nacht“ ist in gewohnter Dardenne-Manier leise und unprätentiös inszeniert. Dass der Film nicht so deprimierend endet, wie die geschilderten Umstände über weite Strecken sind, liegt an der ermutigenden Botschaft, die beide Regisseure am Ende verbreiten wollen: Man kann den Arbeitsplatz verlieren, aber seine Würde bewahren – oder wenigstens wiedergewinnen.


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