Berlin

Bettina Rheims: Bonkers – A Fortnight in London

Georgie Bee Wearing her own amazing Shoes (Detail), 2013. Fotoquelle: Camera Work, Berlin

Übergeschnappt in London: Die französische Fotografin Bettina Rheims inszeniert weibliche Erotik raffiniert sinnlich mit frivoler Lust an Klischees. Ihre Bilderserie zwischen Rokoko, Burlesque und Fetisch-Look ist in der Galerie Camera Work zu sehen.

Porträtgalerie der Paradoxien: Auf den ersten Blick wirken diese Bilder wie eine Fotostrecke aus einem Herrenmagazin – aufgenommen von einer Frau. Langbeinige Schönheiten, laszive Lack- und Latex-Klamotten, viel nackte Haut – kombiniert mit schrägen Accessoires wie Bierflasche, Schaufel oder einer Bein-Prothese aus Glitzer-Plastik.

 

Info

 

Bettina Rheims: Bonkers – A Fortnight in London

 

19.09.2014 – 29.11.2014

dienstags bis samstags

11 bis 18 Uhr

in der Galerie Camera Work, Kantstraße 149, Berlin

 

Fotoband 38 €

 

Weitere Informationen

 

Markante Models – manche mager, andere eher üppig – präsentieren sich extravagant bis exaltiert; aber nie in branchenüblichen Vernasch-mich-Posen. Sie tragen Namen wie Maxine Anastasia, Eloïse Chong-Gargette oder Morwenna Lytton-Cobbold – irgendwo zwischen altadligen décadents und global hipsters. Und die Titel ironisieren diese Bilder vollends.

 

Pin-up-girl verliert Wagenschlüssel

 

Da räkelt sich eine ätherische Rothaarige auf einer Art Folterstuhl vor ledergepolsterter Rückwand – und wird zur „Präraffaelitischen Kerker-Königin“ gekürt. Oder eine vollbusige Brünette hockt neckisch auf dem Kotflügel eines Sport-Cabrios – wie die PS-vernarrten Pin-up-girls, mit denen biker magazines ihre Umschlagfotos aufmotzen. Doch diese hier guckt verstört, und die Legende kommentiert: „Amber le Bon … hat ihre Wagenschlüssel verloren.“


Impressionen der Ausstellung


 

Jugendfrei hemmungslose Posen

 

Nichts ist so, wie es zunächst scheint. Kein Wunder bei Bettina Rheims: Die renommierte französische Fotografin veröffentlicht seit zwei Jahrzehnten Bildbände mit explizit weiblicher Erotik. Ihre Inszenierungen spielen geradezu wollüstig mit Klischees, treiben sie auf die Spitze – und damit ins Absurde.

 

Womit sie diesem männerdominierten Genre den Ruch des Sexismus austreibt: Ihre Motive sind raffiniert frivol, unverschämt sinnlich und mit ihrer Lust an falschem Prunk auch mal albern oder geschmacklos – aber nie pornographisch. Diese Fotoserie ist streng genommen sogar jugendfrei: So hemmungslos sich die Darstellerinnen in Pose werfen, enthüllen sie doch allenfalls ihre Brüste; kaum je mehr.

 

Zwischen zwei Engagements, Flügen, Partys

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung „I killed my dinner with karate körperbetonte Tanz-Fotografie von Franziska Strauss in der Neuen Sächsischen Galerie, Chemnitz

 

und hier einen Beitrag über den Film „Tournéeschräg-schillernde New-Burlesque-Tragikomödie von + mit Mathieu Amalric

 

und hier eine Rezension der Ausstellung „Alice Springs” – erste Retrospektive mit Star- + Glamourfotografie der Frau von Helmut Newton im Museum für Fotografie, Berlin.

 

Ähnlich wie auf Renaissance-Gemälden werden pikante Stellen meist von geschickt drapierten Tüchern, Bändern oder lingerie verdeckt. Für „Bonkers“ („Übergeschnappt“) hat sich Rheims aus dem Fundus von Vivienne Westwood bedient; die einstige Punk-Designerin entwirft heute Mode zwischen Rokoko-Eleganz und Fetisch-Drastik. All das findet sich auf den Bildern wieder.

 

Plus ein Schuss New Burlesque: Der in den roaring twenties populäre Striptease-Vorläufer erlebt seit ein paar Jahren eine kleine Renaissance. Mit seinem Faible für Glitter und Glamour, Tattoos und grellem Make-up passt er prima zu diesem Fotoprojekt, dass zwischen Damast-Diwan und schäbiger Absteige changiert. „Bonkers“ entstand laut Rheims in London in nur zwei Wochen mit „Models, die gerade in der Stadt waren: zwischen zwei Engagements, zwei Flügen, zwei Partys“.

 

Wie gelungener one night stand

 

So vermeintlich spontan und improvisiert sehen die 23 tableaux, die in der Galerie Camera Work erstmals ausgestellt werden, auch aus: herrlich schrille Arrangements mit Requisiten wie aus der Rumpelkammer, lässig aus dem Kameraobjektiv geschüttelt. Alles ist natürlich sorgsam in Szene gesetzt, doch man merkt es nicht; wie bei einem zufälligen Blickkontakt oder einem gelungenen one night stand.


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