Ruben Östlund

Höhere Gewalt

Tomas (Johannes Kuhnke), Ebba (Lisa Loven Kongsli), Vera (Clara Wettergren) und Harry (Vincent Wettergren) beobachten, wie eine Lawine auf sie zurast. Foto: Alamode Film

(Kinostart: 20.11.) Papa ist ein Waschlappen: Als eine Schneelawine niedergeht, lässt er Frau und Kinder im Stich. So droht der Ski-Urlaub, sie zu entzweien; das kühle Familien-Drama inszeniert Regisseur Ruben Östlund mit einer Prise schwarzer Humor.

Frauen und Kinder zuerst! Das ist bei Katastrophen die gängige Devise, die Schwächeren eine höhere Überlebenschance sichert, oder? Im Gegenteil, sagen Wissenschaftler an der Universität Uppsala, die Schiffshavarien von der Titanic bis zur MS Estonia analysiert haben: Männer überleben solche Unglücke deutlich häufiger.

 

Info

 

Höhere Gewalt

 

Regie: Ruben Östlund,

118 Min., Schweden 2014;

mit: Johannes Bah Kuhnke, Lisa Loven Kongsli, Kristofer Hivju

 

Website zum Film

 

Bei Lebensgefahr gelte wohl die Devise „Jeder ist sich selbst der Nächste“, so die Forscher. Nach solchen Desastern können die meisten Betroffenen tragischerweise nicht mehr davon berichten. Die Überlebenden müssen mit ihrem Handeln oder Unterlassen selbst zurecht kommen.

 

Familie als Zeugen für Feigheit

 

Was aber, wenn die Katastrophe im letzten Moment ausfällt und nur die Reaktion im Angesicht der Bedrohung übrig bleibt? Wobei es Zeugen für eigene Feigheit gibt? Und überdies diese Zeugen die eigenen Familienmitglieder sind, die man zurückgelassen hat?


Offizieller Filmtrailer


 

Reibungslos geölte Tourismus-Maschine

 

Dieses Gedankenspiel setzt Regisseur Ruben Östlund in „Höhere Gewalt“ um. Sein visuell klar und stringent inszenierter Film mit Anflügen von schwarzem Humor zeigt eine technisch kühle Welt; in ihr wirkt die von Menschenhand gezähmte Kraft der Natur dennoch wie eine ständige Bedrohung.

 

Tomas (Johannes Bah Kuhnke) und Ebba (Lisa Loven Kongsli), ein smartes junges Ehepaar aus Schweden, verbringen mit ihren beiden Kindern einen einwöchigen Skiurlaub in den französischen Alpen. Die Familienferien sind überfällig, das Hotel ist nobel, der Schnee herrlich und die Gipfelwelt beeindruckend. Reibungslos läuft die gut geölte Tourismus-Maschine; künstlich leuchtet die Hotelanlage in der Eiswüste.

 

Nicht ohne Handschuhe und smartphone

 

Doch am zweiten Tag saust eine kontrolliert ausgelöste Lawine den Abhang hinunter, während auf der Hotel-Panoramaterrasse die Urlauber zu Mittag essen. Alle staunen, machen Fotos und freuen sich über den Anblick. Dann wird es bedrohlich: Die Lawine kommt mit rasender Geschwindigkeit direkt auf die Terrasse zu.

 

Unter den Touristen bricht Panik aus. Ebba schnappt sich die Kinder, kann deshalb nicht weglaufen und schafft es nur unter einen Tisch. Tomas aber sucht das Weite – nicht ohne seine Handschuhe und sein smartphone mitzunehmen. Als sich der Schneenebel wieder legt, wird klar: Die Lawine lief kurz unterhalb der Terrasse aus. Alles ist in Ordnung; die Gäste können weiter ihre Mittagspause genießen.

 

Kammerspiel in geschlossenem System

 

Nicht aber die Familie aus Schweden: Ebba ist von diesem Erlebnis zunächst so verstört, dass sie keine Worte findet. Tomas schämt sich für seine Feigheit; er spielt die Situation herunter, lügt und leugnet seine Flucht. Die Kinder reagieren mit Trotz auf die erfahrene Angst und fühlen sich vom Vater verraten: Ihre Sicherheit, dass ihr Vater sie vor Gefahren schützt und alles unter Kontrolle hat, ist zerstört.

 

Die nächsten Urlaubstage werden zur verdichteten Bestandsaufnahme einer durch Schock gestörten Beziehung; ein Kammerspiel in einem geschlossenen System. Im kleinen Hotelzimmer, im frei stehenden Betonklotz mitten im Hochgebirge ist das Paar quasi eingeschlossen. Beide können nicht ausweichen; sie müssen sich ihren Gefühlen stellen.

 

Gedämpft durch Schnee + Luxushotel

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Cerro Torre – Nicht den Hauch einer Chance“Bergsteiger-Drama von Thomas Dirnhofer

 

und hier einen Bericht über den Film “The Loneliest Planet”Globetrotter-Drama in Georgiens Bergwelt von Julia Loktev

 

und hier einen Beitrag zum Film Winterdieb von Ursula Meier über elternlose Kinder in den Schweizer Alpen, Gewinner des Silbernen Bären 2012.

 

Regisseur Ruben Östlund verwandelt die Künstlichkeit des Skizirkus in einen beklemmenden Schauplatz, der regelrecht absurd wirkt. Jeden Abend wird die Natur aufs Neue gezähmt und glatt gebügelt: Pistenraupen kriechen wie eine Invasion die Hänge hinauf. Kanonen lösen kleine Lawinen aus; ihre Schüsse hallen gedämpft über die Gipfel.

 

Gedämpft ist die ganze Atmosphäre des Films: gedämpfte Farben und Geräusche, weil der Schnee alles Laute und Grelle schluckt – wie in komfortabel ausgestatteten Luxushotels, deren Gäste sich außerdem diskret zu beherrschen wissen.

 

Gefühlslawine zum Miteinander

 

Aber Ebba und Tomas haben impulsiv gehandelt. Im Moment der Bedrohung folgten sie ihrem puren Instinkt, ohne Rücksicht auf Masken und Verstellung; jetzt stehen beide wie Fremde voreinander. Das lässt sich nicht mehr beschwichtigen und glätten. Jedenfalls nicht für Ebba, die nicht mehr weiß, ob sie sich fortan auf ihren Mann verlassen kann.

 

Den spielt Johannes Bah Kuhnke mit präziser Hilflosigkeit: ein Durchschnittsmann, der zwischen tradiertem und modernem Rollenbild schwankt und nicht weiß, was seine wahre Natur ist. Nach dem Vorfall fühlt er sich wie ein Waschlappen, der aber wie ein dominanter Versorger auftreten soll, weil das Andere und er selbst von ihm erwarten. Erst als sich das Paar von einer Gefühlslawine mitreißen lässt, findet es zu neuem Miteinander.


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