Xavier Dolan

Mommy

(Diane Després) Anne Dorval und ihr Sohn (Steve Després) Antoine Olivier Pilon haben oft Auseinandersetzungen. © Shayne Laverdière. Fotoquelle: Weltkino Filmverleih

(Kinostart: 13.11.) Sie küssen und sie schlagen sich: Der Frankokanadier Xavier Dolan inszeniert eine symbiotische Mutter-Sohn-Beziehung. Sie hat keinen Job, er ADHS – da fliegen die Fetzen. Eine intensive, etwas manierierte Fallstudie im Quadrat-Format.

Nicht ohne meine Mutter: Das bislang kurze, aber äußerst fruchtbare Schaffen des frankokanadischen Filmemachers Xavier Dolan durchzieht ein Motiv – die Beziehung der Hauptfiguren zu ihren Müttern. Nun wechselt Dolan die Perspektive. Zwar ziert ein blonder Sprössling die Werbeplakate zum neuen Film, Hauptfigur ist aber die titelgebende Mutter.

 

Info

 

Mommy

 

Regie: Xavier Dolan,

139 Min., Kanada 2014;

mit: Antoine Olivier Pilon, Anne Dorval, Suzanne Clément 

 

Website zum Film

 

Wollte der Protagonist in Dolans Filmdebüt „I killed my Mother“ seine überpräsente Mutter noch töten, so hat die Heldin von „Mommy“ mitunter nicht wenig Lust, ihren verhaltensauffälligen Sohn zumindest mal ordentlich zu vermöbeln. Der ist 15 Jahre alt und hat bereits einige Erziehungsheime hinter sich, in die er nach dem Tod seines Vaters eingewiesen wurde.

 

Nach Wutausbrüchen ins Heim

 

Nun hat die Geduld der staatlichen Fürsorge ein Ende; Steve (Antoine Olivier Pilon) soll zurück in die Obhut seiner Mutter Diane (Anne Dorval), die in einem Vorort von Montreal lebt. Zwar liebt sie ihren Sohn abgöttisch, kommt aber mit seinen extremen Wut- und Gewaltausbrüchen schlecht zurecht, weshalb sie ihn schweren Herzens ins Heim gegeben hatte. Entsprechend gestört ist das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn, die sich mühsam wieder einander annähern.


Offizieller Filmtrailer


 

Sohnes Wut kostet Mama den Job

 

Während Diane ihren halbwüchsigen Sohn ängstlich beäugt, beginnt Steve sofort, sie mit Liebe und Zuneigung zu überschütten; dabei kann er äußerst charmant und zugänglich sein. Der erste große Krach, bei dem auch Möbel zu Bruch gehen, lässt aber nicht lange auf sich warten. Das bringt unausgesprochene Ängste und Verletzungen zum Vorschein, die sich bei beiden aufgestaut haben.

 

Der Tod des Ehemanns und Vaters ist immer noch sehr präsent. Steve sieht sich trotz seiner Jugend als Mann im Haus, versucht sein Bestes und macht doch alles falsch. Diane kam wunderbar ohne ihn zurecht, und seine unberechenbaren Wutausbrüche kosten sie letztlich sogar den Job.

 

Stotterin gibt Privatunterricht

 

Hilfe erhält sie unerwartet von der neuen Nachbarin Kyla (Suzanne Clémont), die mit Mann und Kindern ins Haus gegenüber eingezogen ist. Kyla ist eigentlich Lehrerin, doch seit einem traumatischen Ereignis stottert sie. Trotzdem willigt sie ein, Steve privat zu unterrichten, da keine normale Schule ihn aufnehmen will.

 

Beide Frauen freunden sich an und bilden eine Zweckgemeinschaft, nicht nur zur Rekonvaleszenz des Sohnes. Schon das Reden miteinander hilft, mildert Kylas Handicap und lässt auch die getriebene Diane etwas zur Ruhe kommen. Sie versucht immer wie unter Strom, ihr Leben zu meistern; man kann sich vorstellen, woher die ADHS-Probleme von Steve rühren mögen. Gleichwohl erleben alle drei gemeinsam Momente des Glücks; etwa wenn sie auf der Hauptstraße der Wohnsiedlung ein kleines Wettrennen fahren, und der bisher enge Horizont sich weitet.

 

Klaustrophobie im Quadrat-Format

 

Dolan wagt nicht nur erzählerisch Neues, sondern fordert den Zuschauer auch visuell heraus. Der Film ist fast durchgängig im quadratischen 1:1-Format gedreht, so dass an beiden Rändern der Leinwand schwarze Balken zu sehen sind. Das macht diese fast symbiotische Mutter-Sohn-Beziehung noch intensiver und teilweise auch klaustrophobischer.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Sag nicht wer du bist!“ – schwuler Psycho-Thriller von Xavier Dolan

 

und hier einen Bericht über den Film “Laurence Anyways”romantisches Drama über Transsexualität von Xavier Dolan

 

und hier einen Beitrag über den Film  “We need to talk about Kevin” – Mutter-Kind-Drama mit Tilda Swinton von Lynne Ramsay

 

Nur kurze Momente lang nutzt Dolan die gesamte Breite der Leinwand, wenn die Figuren gerade etwas Unbeschwertheit spüren dürfen. Bei anderen Stilmitteln ist er sich treu geblieben: Musik ist nach wie vor wichtig, obwohl er sie diesmal eher illustrativ einsetzt; ebenso Zeitlupe.

 

Proletarische Powerfrau

 

Und wie immer sind die Schauspieler wunderbar. Anna Dorval, die in „I killed my Mother“ eine stocksteifen Person war, spielt ihre Diane vorlaut, großschnäuzig und doch sehr liebevoll. Dagegen lässt Suzanne Clémont nach „Laurence Anyways“ nun leise Töne sprechen. Und Hauptdarsteller Pilon agiert als echtes Energiebündel.

 

„Mommy“ ist ein wuchtiges Werk. Diese Powerfrau-Mama erscheint zugleich so fragil und unerschütterlich wie die meisten Frauenfiguren in Dolans Filmen; diesmal in der proletarischen Variante. Zudem walzt der Regisseur seine typischen Stilmittel etwas arg manieriert aus; weniger und kürzer wäre mehr gewesen. Dennoch bleiben die Figuren und manch wunderbare Bilder im Gedächtnis; man fragt sich, was da wohl noch kommen mag.


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