Jake Gyllenhaal

Nightcrawler – Jede Nacht hat ihren Preis

Schnell lernt Lou (Jake Gyllenhaal, rechts) auf welche Einstellung es ankommt. Foto: © 2014 Concorde Filmverleih GmbH

(Kinostart: 13.11.) Bad News are Good News: Ein Internet-Nerd jagt nachts durch L.A., filmt Unfälle und Tatorte – und hilft notfalls nach. Präzise Satire von Dan Gilroy, so zynisch wie der Medienbetrieb selbst, mit einem brillanten Jake Gyllenhaal.

Irgendwas mit Medien machen – das war vor ein paar Jahren der häufigste Berufswunsch von Schulabgängern. Seither hat sich herumgesprochen, dass die Branche für viel Arbeit und Stress schlecht zahlt, denn Auflagen und Einschaltquoten sind im freien Fall. Der hype ist abgeklungen, doch Spezialisierung auf lukrative Nischen lohnt immer noch. Wie wäre es mit einer Karriere als Katastrophen-Paparazzo?

 

Info

 

Nightcrawler – Jede Nacht hat ihren Preis

 

Regie: Dan Gilroy,

117 Min., USA 2014;

mit: Jake Gyllenhaal, Rene Russo, Riz Ahmed

 

Website zum Film

 

Qualifikations-Profil: PKW-Führerschein, Nachtarbeiter, ruhige Hand beim Drehen und der Wille, notfalls über Leichen zu gehen. All diese Voraussetzungen bringt Louis Bloom (Jake Gyllenhaal) mit. Der Mittdreißiger wohnt isoliert in Los Angeles und surft täglich stundenlang im Internet, um alles aufzusaugen, was ihn irgendwie weiterbringen könnte. Ansonsten lebt er von kleinen Raubzügen, deren Beute er an Hehler und Schrotthändler verhökert – doch einen Job geben sie ihm nicht.

 

Hauptsache ganz nah dran

 

Zufällig wird er Zeuge eines nächtlichen Verkehrsunfalls, den zwei stringer für einen Fernsehsender filmen. Louis wittert die Geschäftsidee: Er besorgt sich eine Kamera, dazu einen so genannten Funkscanner, der Polizeifunk empfängt, und legt los. Schon seine ersten Aufnahmen kann er verkaufen: Die Bilder sind grobkörnig und verwackelt, aber er war einfach näher dran als seine Konkurrenten. Nun leckt der frischgebackene Bildjournalist Blut.


Offizieller Filmtrailer


 

Desaster-Frühstück jeden Morgen

 

Im Wortsinne: Je mehr davon über die Mattscheibe fließt, desto besser. Rasch begreift Louis, dass crime news zum Kerngeschäft der lokalen TV-Stationen zählt, die sich einen erbitterten Verdrängungs-Wettbewerb liefern. Jeden Morgen tischen sie Verbrechen und Desaster der letzten Nacht auf. Sind die Bilder möglichst spektakulär schrecklich, steigen Quoten und Werbeeinahmen.

 

Das hat Nina Romina (Rene Russo) dringend nötig: Früher war sie anchor woman, jetzt ist sie Nachrichten-Chefin der morning show – und steht auf der Abschussliste. Da kommt ihr der zu allem entschlossene Louis gerade recht. Eine win-win-Situation: Sie entlohnt ihn fürstlich, er rüstet technisch und mental auf; nur von ihm zur Strecke bringen lässt sie sich nicht. Also langt er anderswo zu: Erst rückt er nur Unfallopfer ins rechte Auto-Scheinwerferlicht, damit sie malerischer wirken.

 

Partner-Tod als Kollateralschaden

 

Später steigt er ungerührt über Schwerverletzte, um den Tatort abzulichten. Und schließlich hilft er dem Schicksal nach: Eine von ihm arrangierte Festnahme wird zum shoot out – und Louis hat exklusives footage vom showdown aus zwei Perspektiven. Dass sein Juniorpartner Rick (Riz Ahmed) dabei draufgeht, ist ein leider unvermeidlicher Kollateralschaden.

 

Alles Gräuel-Propaganda? Nicht doch: Ähnliche Nachtgestalten wie Louis streunen auch durch deutsche Großstädte. Verschrobene Einzelgänger, die den Polizeifunk abhören – was stillschweigend toleriert wird, weil sie Ermittlern manchmal Tipps geben –, und am Tatort Bilder und O-Töne aufnehmen, die sie an Presse oder Radio losschlagen. Dass es hierzulande etwas ziviler zugeht, liegt an mangelnder Nachfrage: Es gibt weniger Abnehmer, und die bedienen Sensationsgier nicht ganz so schamlos.

 

Skrupellos soziopathische Ich-AG

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Enemy“ – klaustrophobischer Psycho-Thriller mit Jake Gyllenhaal von Denis Villeneuve

 

und hier einen Bericht über den Film „Maps to the Stars“ – sarkastische Satire über die Filmbranche in L.A. von David Cronenberg

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Enrique Metinides: Schauspiel des Tatsächlichen“ – Werke des mexikanischen Katastrophen-Fotografen im Museum für Sepulkralkultur, Kassel.

 

Kino-Kritik am Zynismus der Medienmacher ist nichts Neues: von Sidney Lumets „Network“ (1976) über „The Truman Show“ (1998) von Peter Weir bis zu diversen Quiz-Parodien, deren Kandidaten ihr Leben riskierten. Manche dieser Planspiele wurden von der Realität eingeholt. Neu an „Nightcrawler“ ist die Hauptfigur als skrupellose Ich-AG, die auf eigene Faust und Rechnung agiert; ohne jede Bindung an Kollegen, Ehrenkodex oder loved ones.

 

Jake Gyllenhaal spielt diese mediale Monade wunderbar manisch: als leicht soziopathischen Profi-Voyeur, der mit Faktenmüll, Business-Jargon und Ratgeber-Sprüchen um sich wirft, aber kein Mitgefühl kennt. Seine Endlos-Rallye durchs nächtliche Neonlicht-L.A. inszeniert Regisseur Dan Gilroy mit mitreißendem drive: ein Asphalt-Dschungel, in dem nicht die größere Knarre, sondern das bessere Objektiv über Triumph oder Untergang entscheidet.

 

Preise fallen durch Leser-Reporter

 

Also ein unwiderstehlicher Reklamespot, es Louis gleichzutun? Nicht ganz: Wer als Bluthund des Boulevard Kohle scheffeln will, muss sich beeilen. Längst hat BILD „Leser-Reporter“ erfunden, die unscharfe Handy-Schnappschüsse liefern und mit Trinkgeldern abgespeist werden; viele Regionalzeitungen ziehen nach. Die sich für seriös haltende Online-Zeitung „Huffington Post“ lässt ihre Autoren schon für lau schreiben. Da bleibt für Schock-Bilder gegen Bares nur noch eine Galgenfrist.


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