Hélène Cattet + Bruno Forzani

The Strange Colour of Your Body’s Tears

Medusa-Hände. Foto: (c) Koch Media / Drop-Out Cinema Filmverleih

(Kinostart: 13.11.) Bilderinferno aus Brüssel: Das belgische Regie-Duo Cattet und Forzani nutzt Jugendstil-Paläste als Kulissen für seinen labyrinthischen Psychothriller. Ein Stakkato von Eindrücken macht das verstörende Bilderrätsel zum Meisterwerk.

Was die Gebäude von Antoni Gaudí für Barcelona, das sind die Jugendstil-Paläste des in Flandern geborenen Architekten Victor Horta für Brüssel: einzigartig formenreiche und farbenprächtige Baudenkmäler. Eines dieser Häuser ist der heimliche Hauptdarsteller in „The Strange Colour of Your Body Tears“, dem neuen Experimental-Horrorfilm von Hélène Cattet und Bruno Forzani.

 

Info

 

The Strange Colour of Your Body’s Tears

 

Regie: Hélène Cattet + Bruno Forzani

102 Min., Belgien/ Frankreich 2013;

mit: Klaus Tange, Ursula Bedena, Joe Koener

 

Weitere Informationen

 

„Amer“ (2009), der erste Spielfilm des in Brüssel beheimateten Regieduos, sorgte weltweit auf Festivals für großes Aufsehen. Jetzt kommt der Nachfolger regulär in unsere Kinos. In beiden Werken huldigen die Filmemacher dem Giallo-Genre; einer meist erotisch aufgeladenen Variante des Psychothrillers im Italien der 1960/70er Jahre mit nie zuvor erlebten Bild- und Ton-Effekten.

 

Neues mit Handschuhen + Rasiermesser

 

Derzeit erfährt dieses Genre eine Wiederbelebung. Cattet und Forzani zählen zu den interessantesten Vertretern des Neo-Giallo. Die beiden Filmemacher bedienen sich der klassischen fetischistischen Genre-Ikonografie wie schwarze Handschuhe und Rasiermesser, verwandeln das aber in etwas Neues. So war bereits „Amer“ eher das experimentelle coming of age-Drama einer jungen Frau als ein Horrorfilm.


Offizieller Filmtrailer auf Französisch, Englisch untertitelt


 

Ein Darsteller für Held + Gegenspieler

 

„The Strange Colour of Your Body Tears“ bezeichnen die Regisseure als das männliche Gegenstück. Der Film verzichtet fast völlig auf eine Handlung im üblichen Sinne. Er ist ähnlich düster und undurchsichtig aufgebaut wie manche Werke von David Lynch, etwa „Lost Highway“ (1997).

 

Es geht los mit der Rückkehr des Telekommunikations-Experten Dan Kristensen (Klaus Tange) von einer Dienstreise aus Frankfurt. In Brüssel findet er sein Apartment von innen verschlossen vor. Nachdem er sich mit Gewalt Zutritt zu seiner Wohnung verschafft, stellt er fest, dass seine Frau verschwunden ist. Als Dan sich im Haus nach seiner Frau erkundigt, zeigt sich, dass auch eine Nachbarin ihren Mann vermisst. Am nächsten Tag klopft ein Mann an Dans Tür, der sich als Kommissar Vincentelli (ebenfalls Klaus Tange) vorstellt.

 

Klänge wie gezielte Faustschläge

 

Was folgt, ist ein zunehmend absurderes Stakkato an Eindrücken, das den Zuschauer atemlos lässt und verstört. Die visuelle Reizüberflutung wirkt streckenweise, als wollten die Regisseure dem Zuschauer ihre Bilder direkt in die Netzhaut einbrennen.

 

Dabei geht die Geräuschkulisse schon aufgrund ihrer schieren Lautstärke oft hart an die Schmerzgrenze. Klänge wie gezielte Faustschläge: ein Zerren und Reißen, ein Knallen und Knacken, ein Schlitzen und Stechen, ein Stöhnen und Schreien.

 

Kaleidoskopartige Farb- und Formwirbel

 

Zugleich wechseln die Bilder ständig zwischen knalligen Farben und Schwarzweiß hin und her; auf einen grellen Kamerablitz folgt ein Negativbild der gezeigten Szene. Bunte Jugendstil-Glasfenster verformen sich zu abstrakten Rhomben.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Berberian Sound Studio“ – Neo-Giallo-Thriller über Klangeffekte von Peter Strickland

 

und hier ein Interview mit Peter Strickland über den Film „Berberian Sound Studio

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Mit allen Regeln der Kunst – Vom Jugendstil zur Abstraktion“ über den niederländischen Künstler Johan Thorn Prikker im Museum Kunstpalast, Düsseldorf.

 

Aus konkreten Objekten werden geometrische Formen, die sich in einem kaleidoskopartigen Farb- und Formwirbel oder ornamentartigen Mustern auflösen. Wechselnde split-screens zerteilen Gesichter und setzen sie neu zusammen. Harte Schnitte zerhacken Sequenzen und verwirbeln sie zu immer neuen Bildergewittern.

 

Wie locker improvisierter Jazz

 

Das Raum-Zeit-Kontinuum und die Gesetze der Logik werden gnadenlos ausgehebelt. Erst bei mehrfacher Sichtung des Films zeichnet sich ein geheimer Bauplan ab, wo anfangs nur Willkür zu herrschen scheint. Doch zwischen den einzelnen Puzzleteilen verbleiben irrationale Freiräume, die mit reiner Improvisation ausgefüllt sind. Diese Leerstellen wirken wie locker improvisierter Jazz, sind spielerischer Exzess.

 

Laut Regisseur Forzani entspricht die labyrinthische Struktur des Films dem verwinkelten Aufbau von Hortas Jugendstil-Palästen. Er sei darauf ausgelegt, mehrmals angesehen zu werden, da er mit jedem Mal zusätzlich an Tiefe gewinne. Der ideale Ort dafür ist definitiv das Kino: Auf der Leinwand kommen nicht nur die Bilder am besten zur Geltung; auch das ausgefeilte sound design entfaltet seine Wirkung am besten im Kinosaal.

 

„The Strange Colour of Your Body Tears“ ist ein absolut ungewöhnlicher Film, auf den man sich völlig einlassen, sich ihm geradezu aussetzen sollte. Wer das tut, wird eines der außerordentlichsten audiovisuellen Kunstwerke der letzten Jahre entdecken.


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