Christoph Waltz

The Zero Theorem – Das Leben passiert jedem

Qohen (Christoph Waltz) diskutiert mit Cyber-Therapeutin Dr. Shrink- Rom (Tilda Swinton). Foto: © 2014 Concorde Filmverleih GmbH

(Kinostart: 27.11.) Ein Schlag ins Kontor von Google, Facebook und Konsorten: Monty-Python-Altmeister Terry Gilliam schildert den Alltag eines Hochleistungs-Computer-Nerds. Dass es dabei absolut wahnwitzig und grotesk zugeht, versteht sich von selbst.

Ein ganz gewöhnlicher Computer-Arbeitsplatz in vermutlich allzu naher Zukunft: Qohen (wunderbar griesgrämig: Christoph Waltz) sitzt neben Kollegen vor einer Bildschirm-Konsole, die an Spielautomaten-Batterien in Las Vegas erinnert. Überall blinkt, rasselt und piepst es. Mit einem Joystick muss Qohen in hohem Tempo irgendwelche Icons auf dem Monitor hin und her schieben.

 

Info

 

The Zero Theorem –
Das Leben passiert jedem

 

Regie: Terry Gilliam,

107 Min., Großbritannien/ Rumänien 2013;

mit: Christoph Waltz, Matt Damon, Tilda Swinton

 

Website zum Film

 

Oft kommt sein jovialer Vorgesetzter im lila Regenmantel vorbei und spornt ihn zu neuen Höchstleistungen an; nur seinen Sonderwünschen könne leider, leider nicht entsprochen werden. Doch nach einer Motto-Party, bei der alle selbstvergessen mit ihrem iPhone tanzen, ist es endlich soweit: Fortan darf Qohen allein zuhause arbeiten. In einer ehemaligen Kirche, die er zur Messie-Wohnhöhle umgestaltet – also vollgerümpelt hat.

 

Kartenhaus stürzt immer wieder ein

 

Voller Energie stürzt er sich in seine neue Aufgabe, das „Zero Theorem“ zu suchen: eine Formel für den Sinn des Lebens. Dazu muss er unzählige virtuelle Bauklötzchen mit mathematischen Gleichungen aufeinander schichten. Doch kurz vor Vollendung stürzen sie immer wieder wie Kartenhäuser ein; das Theorem geht nie auf. Auch Online-Therapeutin (konsequent hysterisch: Tilda Swinton) ist mit ihrem Psycho-Kauderwelsch am Ende; Qohen droht ein Burnout.


Offizieller Filmtrailer


 

Hinter LED-Reklametafeln bröckelt es

 

Sein Arbeitgeber, eine Mega-Company, schickt ihm Verstärkung. Erst Bob (nett naseweis: Lucas Hedges), 15-jähriger Sohn des Firmengründers und Pizza mampfender Top-Programmierer, der mit ihm einfach mal spazieren geht. Die Straßen sind so heruntergekommen wie im früheren Ostblock – gedreht wurde in Rumänien –, doch voller flackernder LED-Reklametafeln. Alle Passanten tragen bonbonbunte Plastik-Klamotten wie bubblegum-Verwandte des Michelin-Männchens.

 

Dann erscheint die dralle Blondine Bainsley (quietschvergnügt: Melanie Thierry). Als Star einer Erotik-Website entführt sie Qohen in virtuelle Paradiese. Später taucht sie leibhaftig auf, erklärt ihm ihre Liebe und malt schwärmerisch eine gemeinsame glückliche Zukunft aus. Wie mag sich dieser menschenscheue workoholic, der einer Lösung aller Daseinsprobleme hinterher jagt, wohl entscheiden?

 

Ausstattungsorgien + teure flops

 

Der Irrsinn in der IT-Branche ist ein gefundenes Fressen für Regisseur Terry Gilliam. Seine wild wuchernden Ausstattungsorgien sind einzigartig: von den Monty Python-Spielfilmen der 1970er Jahre über „Brazil“ (1985), seine Kabelsalat-Variante von George Orwells Roman „1984“, oder den apokalyptischen Fiebertraum „12 Monkeys“ (1995) bis zum nonstop-Drogentrip von „Fear and Loathing in Las Vegas“ (1998).

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier das InterviewDon Quixote ist mein Vorbild“ mit Terry Gilliam über „The Zero Theorem“

 

und hier eine Besprechung des Films „Citizenfour“ – beeindruckende Doku von Laura Poitras über Abhörskandal-Enthüller Edward Snowden

 

und hier einen Beitrag über den Film „I Origins – Im Auge des Ursprungs“Science-Fiction-Mystik-Drama mit Michael Pitt von Mike Cahill

 

und hier einen Bericht über den Film „Interstellar“ – visuell überwältigendes Science-Fiction-Epos mit Matthew McConaughey von Christopher Nolan.

 

Daneben hat Gilliam aber auch einige teure flops gedreht: über den Baron Münchhausen (1988), die Brüder Grimm (2005) oder „Das Kabinett des Dr. Parnassus“ (2009), eine Hommage an Jahrmarkts- und Stummfilm-Ästhetik. Sein Bemühen, alteuropäischen Humor- und Horror-Klassikern mit überdrehten Spezialeffekten zum revival im 21. Jahrhundert zu verhelfen, fand beim Publikum wenig Anklang.

 

Wahnwitz der Amüsierkultur

 

„The Zero Theorem“ ist dagegen absolut zeitgemäß. Gilliams gallige Satire auf Zeittotschlagen in sinnfreien Cyberspace-Räumen, schrankenlose Selbstausbeutung, elektronisches Zukleistern einer verfallenden Lebenswelt und infantilen Kult um one hit wonders denkt die heutige Amüsierkultur nur ein wenig weiter, um sie wahnwitzig wirken zu lassen. Bislang klang in seinem schwarzen Humor noch liebevolle Sympathie für Figuren und Milieus an; diesmal ist alles ätzend grotesk.

 

Dabei ignoriert der Regisseur die Entwicklung der digitalisierten Gesellschaft. Ihn kümmern nur die Folgen: radikale Vereinzelung, emotionale Vereisung, Reduktion aller Fragen auf quantitative Leistungsindikatoren und idiotische Erlösungserwartungen bei jeder neuen Mikrochip-Generation. Die enden für ihn in der Maschinenraum-Hölle eines Hochofens; für solch retrofuturistisches steampunk-Ambiente hatte Gilliam schon immer ein Faible.

 

Abgeklärte Soziologen-Studie

 

Natürlich ist das alles hemmungslos überzogen. Aber durchaus passend in einer Zeit, in der die meisten Affären in Online-Kontaktbörsen beginnen, Depressionen zu Volkskrankheiten werden, Apple die Präsentationen seiner Produkte wie katholische Hochämter zelebriert, Google den Weg zu ewigem Leben erforschen will und Facebook jeden Eintrag seiner User an die NSA übermittelt. Insofern lässt sich dieser Film durchaus als soziologische Prognose über die Welt in 20 Jahren ansehen.


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