Devid Striesow

Traumland

Mia (Luna Zimic Mijovic) arbeitet im Züricher Rotlichtmilieu. Foto: Farbfilm Verleih
(Kinostart: 20.11.) Straßenstrich-Elend in der Schweiz: Eine junge Prostituierte aus Bulgarien wird von allen nur benutzt, verraten und misshandelt. Ihre Doppelmoral-Diagnose gerät Regisseurin Petra Volpe zu hölzernem Problemkino der 1970/80er Jahre.

Ausgerechnet an Heiligabend! Regisseurin Petra Volpe legt ihr Züricher Sittenbild auf den 24. Dezember, damit der Kontrast zwischen besinnlichen Weihnachtsritualen und schäbiger Straßenstrich-Realität möglichst deutlich ausfällt. Ähnlich subtil gerät der gesamte Film.

 

Info

 

Traumland

 

Regie: Petra Volpe,

98 Min., Schweiz/ Deutschland 2014;

mit: Luna Zimic Mijovic, Bettina Stucky, Devid Striesow

 

Website zum Film

 

Volpe hat ein Gesellschaftspanorama im Sinn; entsprechend vielköpfig ist ihr Personal, das sie in vier parallel laufenden Erzählsträngen beschäftigt. Die füllige Sozialarbeiterin Judith (Bettina Stucky) rackert in einer Wärmestube für Bordsteinschwalben; nach der Schicht trifft sie einen Lederkerl zur SM-Session. Als das ihr Mann herausfindet, hängt der Haussegen schief.

 

Seitensprung unterm Christbaum

 

Eine soziale Etage höher passiert Martin (Devid Striesow) das Gleiche. Sein Sohn findet eine Gleitmittel-Verpackung im Auto, seine Frau Lena stellt ihn beim Christbaum-Schmücken zur Rede. Dummerweise kommen gerade die Großeltern an, um in der weitläufigen Villa gemeinsam zu feiern.


Offizieller Filmtrailer


 

Einsame Herzen mit Nutten-Kontakt

 

Dagegen sitzt Rolf (André Jung) allein in seiner Etagenwohnung: Seine Frau hat ihn verlassen, die pubertierende Tochter meidet ihn, sein Vater im Altersheim zürnt ihm. Auch der verwitweten Exil-Spanierin Maria fehlt Gesellschaft: Ihre erwachsene Tochter macht Karriere in Hongkong.

 

Vier einsame Herzen: zwei gebunden, zwei wider Willen solo. Sie verbindet nur, dass sie irgendwie losen Kontakt zur Prostituierten Mia (Luna Zimić Mijović) haben. Die 18-jährige Bulgarin wohnt im Hochhaus neben Maria, die ihre Nachbarin innig verabscheut. Braucht sie während ihrer Nachtarbeit eine Pause, kehrt sie bei Judith auf einen Becher Tee ein.

 

Schonungslos in Abgründen stochern

 

Einer ihrer Stammkunden ist Rolf, der ihr Sandwiches mitbringt und viel Geld gibt, nur um sich auszuquatschen. Wie auch Lena, die vom Familienfest flieht, weil sie unbedingt erfahren will, was und wie es Nutten mit Freiern so treiben. Was Mia beim Anschaffen verdient, muss sie bei ihrem Bruder David abliefern. Als dessen gewalttätiger Cousin sie nach Mailand verschleppen will, nimmt ihr Unglück die schlimmstmögliche Wendung.

 

Klingt so verworren wie vorhersehbar, und ist es auch. Hinter den Fassaden gutbürgerlicher Wohlanständigkeit lauern geläufige seelische Abgründe, in denen der Film schonungslos herumstochert. Da er so dicht bevölkert ist, bleibt ihm für einzelne Figuren nur wenig Zeit. Also enthüllt jede Szene eine andere Facette der allgegenwärtigen Doppelmoral.

 

Sämtliche Laster in einem Film

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Callgirl Slovenian GirlProstitutions-Problemfilm von Damjan Kozole

 

und hier einen Beitrag über den Film “Das bessere Leben – Elles” über Studentinnen-Prostitution von Malgoska Szumowska mit Juliette Binoche

 

und hier einen Bericht über den Film “Shopping Girls – Galerianki” von Katarzyna Rosłaniec über Teenie-Prostitution in Polen.

 

Maria beklaut die arme Bulgarin, spendet das schmutzige Geld der Kirche, bezirzt aber einen bejahrten Exilanten in teurer Reizwäsche; die lässt sie von ihrer Tochter finanzieren. Rolf lädt Mia zum Weihnachtsessen ein, wirft sie aber raus, als plötzlich Vater und Tochter auftauchen, knöpft ihr gewaltsam den vereinbarten Lohn ab – und gibt vor, sie hätte ihn bestohlen. Et cetera.

 

Untreue, Wollust, Betrug, Geiz, Bigotterie, Heuchelei, Lüge, Verrat, Brutalität: Regisseurin Volpe will offenbar sämtliche Laster in ihren Film packen. Dafür taucht mindestens eines davon in jedem Wortwechsel auf; ob sie dramaturgisch sinnvoll sind, spielt keine Rolle. Diese Dialoge papieren zu nennen, täte ihnen zuviel Ehre an. Ihre hölzerne Sprödigkeit erinnert an bleiernes Depressions-Kino der 1970/80er Jahre, in denen alle Tage grau verregnet und Nächte neonfarben eiskalt waren.

 

Nur 20 Sekunden Sex

 

Für diesen Film habe sie jahrelang im Rotlichtmilieu recherchiert, erklärt die Regisseurin. Vielleicht ist das ihr Problem: Volpe hat Stoff gesammelt, der für längere Vorabend-Fernsehserien reichen würde, aber nur 90 Minuten Zeit. Da muss alles so fix gehen wie ein Quickie: Außer 20 Sekunden Handentspannung kommt im ganzen Film kein Sex vor.


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