Düsseldorf

Nach Ägypten! Die Reisen von Max Slevogt und Paul Klee

Max Slevogt (1868 – 1932): Seeräuber, 1914, Öl auf Leinwand, 73,5 x 96 cm, Galerie Neue Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden. Foto: © Kunstsammlung NRW

Als Ägypten noch Kunst-Extasen auslöste: Vor 100 Jahren reiste der Impressionist Max Slevogt dorthin, 15 Jahre später folgte Paul Klee – sie verarbeiteten ihre Eindrücke völlig unterschiedlich. Das führt die Kunstsammlung NRW im K20 anschaulich vor.

„Nach Ägypten!“ ist als Losung derzeit nicht gerade zugkräftig: Jahrelange Unruhen, Muslimbrüder-Herrschaft und Militärdiktatur, wirtschaftlicher Niedergang und Terror-Anschläge schrecken eher ab. Dabei galt das Land am Nil 200 Jahre lang als Traum-Reiseziel.

 

Info

 

Nach Ägypten!
Die Reisen von Max Slevogt und Paul Klee

 

06.09.2014 – 04.01.2015

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

am Wochenende ab 11 Uhr

im K20, Kunstsammlung NRW, Grabbeplatz, Düsseldorf

 

2-bändiger Katalog 29,90 €
Begleitheft gratis

 

Weitere Informationen

 

Dafür war Napoleon verantwortlich. Nach seinem Ägypten-Feldzug ab 1798 brachten Künstler und Gelehrte so viel Material mit nach Europa, dass sie neue Begeisterung für die Wiege der abendländischen Zivilisation auslösten. Die nährten im 19. Jahrhundert immer mehr Forschungs-Reisende und Ausgrabungen; eine Nil-Kreuzfahrt wurde für feine Leute zum must see.

 

Von Alexandria nach Assuan + zurück

 

Dieser Orient-Sehnsucht folgte auch der Impressionist Max Slevogt, als er 1914 nach Ägypten aufbrach. Wie Kolonial-Expeditionen betrieb Slevogt großen Aufwand: mit kompletter Malerei-Ausrüstung und drei Gefährten. Das Quartett wählte die klassische Route von Alexandria über Kairo den Nil aufwärts nach Luxor und Assuan, dann zurück zum Flussdelta. 39 Tage blieb die Gruppe im Land.


Impressionen der Ausstellung


 

Mit Tutench-Amun + Nofretete im Kopf

 

Zum Jahreswechsel 1928/29 reiste auch Paul Klee durch Ägypten. Auf derselben Strecke wie Slevogt; aber allein, mit leichtem Gepäck und nur 18 Tage lang. Nicht, weil die Ägypten-Begeisterung abgeklungen wäre, im Gegenteil: die Entdeckung der Grabstätte von Pharao Tutench-Amun 1922 und die Präsentation der Nofretete 1924 hatten sie neu entfacht. Doch Klee verfolgte ein anderes Konzept als Slevogt.

 

Warum zwei Künstler-Reisen trotz gleicher Wegführung höchst verschiedene Resultate zeitigten, führt diese Ausstellung anhand von 130 Gemälden und Zeichnungen anschaulich vor; sie sind nach der ersten Station in Dresden nun in Düsseldorf zu sehen. An Stellwänden, die locker rechtwinklig im Raum verteilt sind: In Blautönen gehalten, lassen sie das strahlende Licht des Himmels ahnen, der die Touristen am Nil empfing.

 

Slevogt im Schaffensrausch

 

Links hängt Slevogt, rechts Klee – doch in der Mitte verschränken und verzahnen sich die Werke. Als wollten sie in der Konfrontation einander kommentieren: Slevogt hielt unmittelbare Anschauung fest; Klee verarbeitete sie später zu geometrisierenden Abstraktionen weiter. Denn beide Maler gingen völlig unterschiedlich vor.

 

Slevogt geriet auf der Reise in einen Schaffensrausch. Schon auf der Schiffspassage übers Mittelmeer malte er jeden Hafen. In Ägypten fertigte er überall Bleistift-Skizzen und Aquarelle an, oder er griff gleich zu Ölfarben. Markante Ansichten übertrug er umstandslos auf die Leinwand; mit Fotografien von damals und heute führt die Schau genau die Panoramen vor, die Slevogt damals vor Augen hatte.

 

Die Malmaschine macht Schluss

 

Bis zur Erschöpfung: „Da ich ja schon nichts anderes mehr bin als eine Malmaschine, die nur sieht, verdaut und wiedergibt – und auch die kräftigsten Maschinen verbraucht werden, so habe ich heute Nachmittag Schluß gemacht“, schrieb er am 24. März 1914 an seine Frau. Als sehr aufmerksame Maschine: Slevogt war fasziniert von der Landschaft, ihren Bewohnern und alltäglichem Treiben – dagegen tauchen Monumente wie Pyramiden und Tempel auf seinen Bildern kaum auf.

 

Zwar suchte er in der Tradition des Orientalismus gezielt nach malerischen Motiven und pittoresken Momenten. Er bezahlte Einheimische, damit sie Modell standen; da durften drei halbnackte „Sudanesen im Kahn“ fürs nächste Gemälde als „Seeräuber“ herhalten. Trotzdem wirkt kein Bild gestellt.

 

Die Farbe hat Klee in Tunesien

 

Slevogts reduzierte Palette aus Blau- und Beigetönen sowie seine rasche Malweise – nach zwei bis drei Stunden war er fertig – sorgten für eine Spontaneität, die ihre Frische bis heute bewahrt hat. Diese lichtdurchfluteten, quirligen Schnappschüsse in Öl zählen zu den Meisterwerken des deutschen Impressionismus.

 

Ganz anders Paul Klee: Er malte vor Ort in Ägypten nur ein paar Skizzen. Womöglich, weil ihm das Land vertrauter schien als Slevogt. Im selben Jahr, als dieser den Nil hinunterfuhr, hatte Klee mit seinen Kollegen August Macke und Louis Moilliet Tunesien besucht. Mackes Bilder von dieser Reise gelten als Höhepunkt seines Schaffens; Klee stilisierte sie später zum Erweckungserlebnis: „Die Farbe hat mich. (…) Sie hat mich für immer, ich weiß das.“

 

Lagen-Bilder mit Pflanzen-Hieroglyphen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Kosmos Farbe: Itten – Klee“ über die Bauhaus-Künstler Johannes Itten + Paul Klee im Martin Gropius Bau, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung Reiselust und Sinnesfreude mit Werken von Max Slevogt in Apolda und Aschaffenburg

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Im Licht von Amarna“ – über „100 Jahre Fund der Nofretete“ im Neuen Museum, Berlin

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über die Ausstellung „Klee trifft Picasso“ – im Zentrum Paul Klee, Bern, Schweiz.

 

Orientalisch anmutende Bildgestaltung und Symbolik finden sich in vielen Arbeiten Klees aus den 1920ern Jahren. Sein Ägypten-Aufenthalt intensivierte diesen Einfluss nur. Etwa in den so genannten „Lagen-Bilder“, die Klee in vielen Variationen schuf: Horizontale Streifen gliedern in gleichmäßigen Farbabstufungen den Bildraum. Vertikale Linien, Umrisse und vieldeutige Schemen strukturieren ihn.

 

Dieser Kompositionstyp kann sehr schlicht ausfallen, wie eine Studie in Farbwirkung. Oder sehr komplex: Im Gemälde „junge Pflanzung“ von 1929 füllen Hunderte von eingeritzten Zeichen die Bildfläche, als wären sie Gewächse-Piktogramme aus der Vogelschau. Vermutlich hatten Schriftbänder mit altägyptischen Hieroglyphen Klee dazu inspiriert.

 

Radikaler Bruch in 15 Jahren

 

Doch im Gegensatz zu Slevogt integrierte Klee solche Eindrücke nur in stilisierter Weise in seinen privaten Kunst-Kosmos. Ihm lag nicht an der Abbildung des Fremden; er wollte damit seine avantgardistische Formensprache erweitern. Halbmonde, Sterne und Pyramiden kommen häufig vor, aber nie als konkrete Objekte, sondern als universelle Chiffren.

 

Zwischen den Reisen von Slevogt und Klee lagen nur 15 Jahre. Aber ihre Ergebnisse trennt ein radikaler Bruch: die tabula rasa, welche die Avantgarde mit der europäischen Maltradition machte. Dennoch sind beide vielfältig aufeinander bezogen und ohne einander nicht denkbar; das zeigt diese Ausstellung, erläutert vom schön gestalteten Katalog, wunderbar deutlich.


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