Bonn + München

August Macke und Franz Marc: Eine Künstlerfreundschaft + Das (verlorene) Paradies

Franz Marc: Die gelbe Kuh, 1911, Solomon R. Guggenheim Museum, New York. Fotoquelle: Kunstmuseum Bonn

Viereinhalb Jahre, die den Expressionismus veränderten: Macke und Marc waren eng befreundet. Ähnliche Einflüsse verarbeiteten sie sehr verschieden, zeigen Kunstmuseum und Lenbachhaus – mit einem Kommentar vom August-Macke-Haus.

Ein Ausstellung für nur viereinhalb Jahre: So kurz dauerte die Freundschaft von Franz Marc und August Macke, die dessen Kriegstod am 26. September 1914 jäh beendete. Aus Anlass seines 100. Todestag richten das Bonner Kunstmuseum und das Lenbachhaus in München, die über bedeutende Bestände der Künstler verfügen, eine Doppel-Schau in beiden Häusern aus.

 

Info

 

August Macke und Franz Marc: Eine Künstlerfreundschaft

 

25.09.2014 – 04.01.2015

täglich außer montags

11 bis 18 Uhr,

mittwochs bis 21 Uhr

im Kunstmuseum Bonn, Friedrich-Ebert Allee 2

 

Katalog 34 €

 

Weitere Informationen

 

28.01.2015 – 03.05.2015

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

dienstags bis 21 Uhr

in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus,

Luisenstraße 33, München

 

Weitere Informationen

 

Das (verlorene) Paradies: Expressionistische Visionen zwischen Tradition und Moderne

 

26.09.2014 – 25.01.2015

täglich außer montags

14.30 bis 18 Uhr,

am Wochenende 11 bis 17 Uhr

im August-Macke-Haus, Bornheimerstr. 96, Bonn

 

Katalog 25 €

 

Weitere Informationen

 

Mit Erfolgsgarantie: Von allen Expressionisten sind Macke und Marc wohl die populärsten. Ihre farbenfrohen Motive kursieren auf Postern, Postkarten und Briefmarken. Sie erfreuen auch diejenigen, die ansonsten die zackige Zerrissenheit dieses Stils eher abschreckt. Macke und Marc gelten als Expressionismus fürs Herz: amtlich anerkannte Avantgarde, aber immer schön anzuschauen.

 

Ohne posthume Verniedlichung

 

Diese posthume Verniedlichung lassen die Kuratoren zurecht beiseite. Stattdessen konzentrieren sie sich darauf, Unterschiede zwischen beiden Malern herauszuarbeiten: knapp in der Ausstellung, ausführlich im opulenten Katalog. Zwar waren Macke und Marc einander eng verbunden, standen in regem Austausch und förderten sich gegenseitig. Doch sie waren keineswegs einer Meinung: weder künstlerisch noch weltanschaulich.

 

Ihre Freundschaft begann am 6. Januar 1910: Da besuchte der seit Herbst 1909 in Tegernsee lebende Macke spontan Marc in seinem Münchener Atelier; zuvor hatte er im Kunsthandel Lithografien von ihm gesehen. Für den damals 30-Jährigen Marc, der seit Jahren isoliert vor sich hin arbeitete, war es ein Heureka-Erlebnis: endlich ein junger Künstler, den ähnliche Fragen beschäftigten – und der sein Akademie-Studium auch enttäuscht abgebrochen hatte.

 

Symbole für kommende Religion

 

Allerdings von verschiedener Wesensart: Der erst 23-jährige August Macke verströmte ansteckende Lebensfreude. Er war mit unerschütterlichem Urvertrauen gesegnet: Alle Erscheinungsformen der Natur spiegelten für ihn das wohl geordnete Weltgefüge – was er mit nimmermüdem Eifer auf die Leinwand übertrug. Sein Weltbild war pantheistisch: Göttliches ist in allen Dingen. Auch in bürgerlichen Alltagsszenen: Läden, Schaufenster, Cafés, Parkanlagen.

 

Ganz anders dagegen Franz Marc: ein Grübler, der stets mit sich rang und seine Position in komplizierten Theorien bestimmte. Dem Nietzsche-Leser erschien die Welt verderbt und dem Verfall preisgegeben. Im Expressionisten-Almanach „Der Blaue Reiter“ forderte Marc 1912 von der Kunst, „… durch ihre Arbeit ihrer Zeit Symbole zu schaffen, die auf die Altäre der kommenden geistigen Religion gehören“. Dafür wählte er Tiere: Seine Pferde, Rehe, Hunde und Vögel sollten unentfremdetes Dasein in kosmischer Harmonie symbolisieren.


Impressionen der Ausstellung "August Macke und Franz Marc"


 

Herbes Blau, heiteres Gelb, brutales Rot

 

Diese gegensätzlichen Auffassungen sind beider Frühwerk bis 1910 kaum anzusehen: Nebeneinander gehängt, kann man kaum erkennen, was von wem stammt. Der junge Macke probierte alle damals gängigen Stile aus; er fing mit tonigen Symbolismus-Anklängen an, wandte sich dem Impressionismus zu, und entdeckte dann die Fauvisten. In Tegernsee begann er, flächige Formen in leuchtenden Farben mit starken Konturen zu malen; das behielt er fortan bei.

 

Franz Marc malte vor 1910 ebenfalls impressionistisch aufgelockerte Landschaften und Porträts, bis er seine Tier-Motivwelt und Farb-Theorie entwickelte. Jeder Farbe ordnete er Eigenschaften zu: Blau war „herb und geistig“, Gelb „heiter und sinnlich“ und Rot „brutal und schwer“. Daraus entstand seine „Animalisierung der Kunst“: Parallel schwingende Linien sollten den Einklang von Tieren mit ihrer Umgebung veranschaulichen – was eher auf ihre Vermenschlichung aus der Sicht des Künstlers hinauslief.

 

Wenig Macke beim „Blauen Reiter“

 

Zwar zog Marc 1910 ins oberbayrische Sindelsdorf um, mischte aber emsig im Münchener Kunstgeschehen mit: bei der „Neuen Künstlervereinigung“ (N.K.V.M.) und dem „Blauen Reiter“. An dessen zwei Ausstellungen 1911/12 nahm auch Macke teil, der Ende 1910 zurück nach Bonn gezogen war, doch von ihm wurden nur wenige Bilder gezeigt. Was ihn ärgerte; doch diese Verstimmung hat offenbar seinem guten Verhältnis zu Marc nicht geschadet.

 

1912 waren Franz und Maria Marc wochenlang beim Ehepaar Macke in Bonn zu Besuch. Gemeinsam besuchten sie Ausstellungen mit Werken der Kubisten und Futuristen; zudem fuhren sie nach Paris. Die Ausdrucksformen der neuesten Avantgarde eigneten sich beide rasch an. Macke übernahm vor allem die rhythmisch gegliederten Farbformen von Robert Delaunay. Marc nutzte die Dynamisierung des Futurismus, um Vorder- und Hintergrund zu verweben: Seine Sujets wurden quasi transparent und lösten sich in der Natur auf.

 

Stickbilder + Schlüsselloch-Beschläge

 

Beide Künstler waren in diesen Jahren  äußerst produktiv. Von Marc sind etwa 250 Gemälde bekannt, dazu knapp 400 andere Arbeiten. Macke schuf ab 1910 allein 330 Gemälde; zudem hinterließ er fast 9000 Zeichnungen. Aus diesem riesigen Fundus bietet die Ausstellung eine erstklassige Auswahl von rund 200 Gemälden und anderen Arbeiten: Selbst Stickbilder für Kissen und Wandbehänge oder Schlüsselloch-Beschläge von Franz Marc sind zu sehen.


Impressionen der Ausstellung "Das (verlorene) Paradies"


 

Paradies geht in Münster verloren

 

Ein Monumentalwerk haben Macke und Marc gemeinsam geschaffen. Ihr vier Meter hohes Wandbild „Paradies“ zierte Mackes Atelier in Bonn; es entstand 1912 während Marcs Aufenthalt. Wobei Macke offenbar nur die Eva und ein paar kleine Figuren malte. Den Löwenanteil erledigte sein Gast: Adam, Wildtiere, Bäume mit Affen und üppige Vegetation – ein beeindruckendes Beispiel für Naturmystik und Heilserwartungen der Expressionisten.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung “1914 – Die Avantgarden im Kampf” mit Werken von Macke und Marc in der Bundeskunsthalle, Bonn

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung “1913: Bilder vor der Apokalypse” mit Werken von Marc und Macke im Franz Marc Museum, Kochel am See

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung Horizont Jawlensky“ über Alexej von Jawlensky + den „Blauen Reiter“ im Museum Wiesbaden.

 

1980 kaufte das Westfälische Landesmuseum in Münster das Bild und löste es von der Wand ab. Als elf Jahre später in diesem Gebäude das August-Macke-Haus eingerichtet wurde, behalf man sich mit einer Kopie. Das gibt dem Titel „Das (verlorene) Paradies“ der aktuellen Sonderschau einen pikanten Doppelsinn; er wird aber auch den gezeigten 60 Werken vollauf gerecht.

 

Mutation zu Edelkitsch

 

Vertreten sind bekannte Expressionisten wie Beckmann, Campendonk, Kirchner, Heckel, Ludwig Meidner und Schmidt-Rotluff mit größeren und kleineren Arbeiten. Deutlich wird, dass für sie Themen wie Schöpfung, Sündenfall und Apokalypse eine herausragende Rolle spielten: als visuelle Metaphern für Unschulds-Träume und erlebte Schrecken des Ersten Weltkriegs.

 

Offenkundig wird aber auch, dass erste und letzte Dinge leicht zu Edelkitsch mutieren können; etwa im Spielzeug-„Paradies“ (1919) von Carlo Mense oder einem Zombie-„Jeremias“, den Albert Weisgerber 1912 in babylonische Gefangenschaft schickte. Schwer zu sagen, ob das ebenso Franz Marc passiert wäre, hätte er weiter fleißig sein Bestiarium ausgemalt. Vor der Vereinnahmung durch Esoteriker bewahrte ihn sein früher Kriegstod: Er fiel am 4. März 1916 bei Verdun.


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