James Ward Byrkit

Coherence

Wer sind wir - und wie viele? Em (Emilly Foxler) und Kevin (Maury Sterling). Foto: Drop-Out Cinema

(Kinostart: 25.12.) Kammerspiel über Paralleluniversen: Partygäste entdecken, dass sie in etlichen Kopien herumlaufen. Worüber sie nur reden; für Action war kein Geld da. Regisseur Byrkit verhebt sich mit diesem Low-Budget-Mystery-Thriller völlig.

Das Spiel mit Identität und Verwechselung ist so alt wie die Literatur selbst: Wenn Theseus sein Schiff Planke für Planke auseinander nimmt und andernorts wieder aufbaut, ist es dann noch das gleiche Schiff? Oder wenn Zeus in Gestalt von Amphitryon erscheint, um dessen Frau beizuwohnen – wie soll der Gehörnte beweisen, dass er der wahre Ehemann ist?

 

Info

 

Coherence

 

Regie: James Ward Byrkit,

89 Min., USA 2014;

mit: Emily Foxler, Maury Sterling, Nicholas Brendon

 

Weitere Informationen

 

In Zeiten von Astrophysik und Quantenmechanik wird das Spiel gern mit der gesamten Wirklichkeit gespielt: Wenige Vorstellungen beflügeln die Fantasie so sehr wie die Idee vom Paralleluniversum. Könnte es nicht sein, dass es irgendwo außerhalb oder jenseits des bekannten Alls ein weiteres Universum gibt, in dem es vielleicht genauso zugeht wie in unseren Sphären? Und sei es nur auf einer dinner party?

 

Komet killt Internet + smartphones

 

Dorthin verlegen Regisseur James Ward Byrkit und sein Koautor Alex Manugian ihr Gedankenspiel: Vier befreundete Ehepaare in Kalifornien treffen sich zum Abendessen. In dieser Nacht kommt ein Komet der Erde nahe. Er bringt manches durcheinander: smartphones zerbrechen, das Internet kollabiert, der Strom fällt aus. Etwas lästig, aber kein Grund zur Aufregung; es gibt ja Kerzen.


Offizieller Filmtrailer OmU


 

Zufällig Quantenmechanik-Lehrbuch im Auto

 

Dann klopft es wild und seltsame Botschaften tauchen auf. Um Hilfe zu holen, laufen zwei Gäste zum einzigen Haus in der Nähe, in dem noch Licht brennt. Es entpuppt sich als exakte Kopie vom Haus ihres Gastgebers – auch dort feiert eine Abendgesellschaft von acht Personen. Die Kundschafter treffen auf die Spiegelbilder ihrer selbst.

 

Zwar haben alle Gäste die üblichen Kreativ-Jobs und keine Ahnung von Physik. Doch zufällig ist ein Verwandter Astro-freak und ließ zufällig sein Quantenmechanik-Lehrbuch im Auto liegen; wie früher auf dem Dachboden eine Karte für die Schatzinsel auftauchte. Damit wird das Rätsel gelöst: Die Wohnstraße ist offenbar zu multiplen Paralleluniversen mutiert.

 

Party small talk über Ungeheuerliches

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Interstellar“ – überwältigendes Science-Fiction-Epos in fünf Dimensionen von Christopher Nolan

 

und hier einen Beitrag über den Film “I Origins – Im Auge des Ursprungs”Identitäts-Mystik-Drama von Mike Cahill

 

und hier einen Beitrag über den Film „Schilf – Alles, was denkbar ist, existiert“ – Identitäts-Psychothriller von Claudia Lehmann mit Stipe Erceg.

 

Überall laufen Partygäste mit identischem Aussehen herum, aber verschiedenen Lebensläufen – was sich durch Würfelspiele leicht beweisen lässt. Und den Vorteil hat, dass dieses Kammerspiel mit acht Personen in einem Haus auskommt, die an fünf Drehtagen von zwei Handkameras gefilmt wurden; das schont das Budget. Zur Auflösung des Kuddelmuddels wird dann der gute, alte Traum bemüht.

 

Das Oktett besteht aus US-Serienschauspielern der gehobenen Kategorie; sie bekamen kein Drehbuch, sondern nur Karten mit knappen Regieanweisungen. Ihr passables Improvisieren gleicht nicht aus, dass action fehlt: Angeblich geschehen hier ungeheuerliche Dinge, doch man erfährt davon nur durch party small talk. Kino ist aber mehr als Hörspiel plus Standbilder.

 

Wer weiß die höchste Zahl?

 

Zumal sich das Filmemacher-Team inhaltlich völlig verhebt. Ein Paralleluniversum next door wäre schon unfassbar; es böte genug Stoff für allerlei verstörende Phänomene, mit denen sich mehrteilige mystery-Filmserien füllen ließen. Aber in Kalifornien gilt: bigger is better.

 

Byrkit und Manugian behaupten unzählige Paralleluniversen, um den Wirrwarr bis zum Anschlag auszureizen. Die sich – wie Materie und Antimaterie – im Nu neutralisieren; bald wird alles egal. Eine Fingerübung wie das Kinderspiel, wer die höchste Zahl aufsagen kann: Bei Hunderttausendtrillionenfantastillarden ist Schluss. Danach bleibt kosmische Leere.


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