Ridley Scott

Moses war ein Mann der Extreme

Moses (Christian Bale), Rhamses (Joel Edgerton) und Regisseur Ridley Scott am Set von Exodus. Foto: © 2014 Twentieth Century Fox

Ein Action-Epos aus dem Alten Testament: In „Exodus“ verfilmt Ridley Scott den Auszug der Israeliten ins Gelobte Land. Ihr Anführer habe mit Gott gehadert und Existenz-Beweise verlangt, erklärt Scott im Interview: So sei er erstmals im Kino zu sehen.

Wie sind Sie darauf gekommen, die biblische Geschichte von Moses erzählen zu wollen?

 

Normalerweise tut man gut daran, Filmprojekte von Anfang an mit zu entwickeln. In meiner Karriere gab es bisher nur drei Ausnahmen, die auf meinem Schreibtisch gelandet sind: „Alien“ (1979) war ein Projekt, das man mir sonst wieder weggenommen hätte. „The Counselor“ (2013) hatte eines der besten Drehbücher, die ich je gelesen habe. Bei „Exodus“ wurde mir vom Produzenten Peter Chernin das Skript zugeschickt.

 

Info

 

Exodus –
Götter und Könige (3D)

 

Regie: Ridley Scott,

154 Min., Großbritannien/ USA 2014;

mit: Christian Bale, Joel Edgerton, Ben Kingsley, Sigourney Weaver

 

Website zum Film

 

Ich fragte mich: Wie bitte, Moses? Warum Moses? Dann las ich es und war ganz gefesselt; vor allem darüber, wieviel ich über Moses noch nicht wusste. Ebenso haute mich die gewaltige Geschichte über das alte Ägypten um. All das sah ich als große Herausforderung für mich, weshalb ich mich letztlich darauf eingelassen habe.

 

Ich sah Christian Bale vor mir

 

Wann und wie sind Sie darauf gekommen, die Hauptrolle mit Christian Bale zu besetzen?

 

Wenn ich lese, fängt mein Gehirn sofort an zu arbeiten, so dass ich alles bereits in Bildern vor mir habe. Ich bin sehr visuell geprägt; beim Lesen sah ich immer wieder Christian Bale vor mir. Als ich mit dem Drehbuch fertig war, sagte ich mir, er müsse unbedingt den Moses spielen. Also rief ich ihn an und sagte, ich hätte da etwas für uns beide. Wenn er es möge, sollten wir darüber reden. So geschah es dann auch.


Offizieller Filmtrailer


 

Den ganzen Charakter vorstellen

 

Haben Sie sich eng an den Bibeltext über Moses gehalten, oder haben Sie sich gewisse Freiheiten herausgenommen?

 

Über Moses steht in der Bibel gar nicht so viel drin, wie man vielleicht denkt. Unser Anspruch war es jedoch, den ganzen Charakter vorzustellen. Er war ein Mann der Extreme, der in einem inneren Konflikt stand und mit Gott haderte, von dem er einen Beweis seiner Existenz haben wollte. Über dieses Thema habe ich noch keinen Film gesehen. In diesem Sinne finde ich, dass uns eine präzise Auseinandersetzung mit der Bibel gelungen ist.

 

Nur Moses kann Gott-Jungen sehen

 

Was glauben Sie, wie religiöse Zuschauer auf Ihre Interpretation reagieren werden?

 

Man kann den Film auf ganz unterschiedliche Weise interpretieren. Es gibt die Szene mit Moses auf dem Berg, wo er einem Jungen begegnet. Er ist davon überzeugt, dass er existiert, doch seine Frau glaubt, er hätte sich das nur eingebildet. Man könnte diesen Jungen, den nur Moses sehen kann, als sein Gewissen interpretieren – oder als Gott.

 

Neuerdings werden Filme von Video on Demand-Anbietern im Internet übertragen. Hat Kino überhaupt noch eine Zukunft?

 

Ich kann es nur hoffen, obwohl ich mir bewusst bin, das man heute Flachbildschirme in Tür-Größe herstellt, so dass eigentlich keiner mehr aus dem Haus gehen muss. Zumal ein Kinobesuch für die ganze Familie heutzutage sehr teuer ist. Doch es wäre tragisch, wenn das Kino-Erlebnis verschwinden würde. Dafür müssen wir Filmleute neue Maßstäbe schaffen. Deshalb ist es mir wichtig, große Filme fürs Kino zu drehen, die zuhause niemals das gleiche Erlebnis böten.

 

Von guten Geschichten lebe ich

 

Dazu gehört auch das Zweieinhalb-Stunden-Epos „Exodus“. Wird es später eine verlängerte Fassung auf DVD- und Blue Ray geben?

 

Im Kino läuft jetzt schon der richtige Director’s Cut von mir, aber aus verschiedenen Gründen musste ich beim Schnitt einiges weglassen. Die ursprüngliche Fassung ist vier Stunden lang und wird sicherlich auch als Extra auf DVD und Blue Ray erscheinen.

 

Liegen Ihnen vor allem historische Stoffe am Herzen – wie bei „Gladiator“, „Robin Hood“ und jetzt „Exodus“?

 

Nein: Ich habe auch zeitgenössische Filme wie „American Gangster“ und „Black Hawk Down“ oder science fiction wie „Blade Runner“ und „Prometheus“ gedreht. Mein nächster Film „The Martian“ handelt davon, wie man auf dem Mars überleben kann. Das Einzige, was mich wirklich interessiert, sind gute Geschichten, denn davon lebe ich.

 

Täglich an toten Bruder denken

 

„Exodus“ ist auch die Geschichte zweier Brüder. Sie haben Ihren Bruder Tony Scott vor zwei Jahren auf tragische Weise verloren und widmen ihm auch diesen Film.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Exodus – Götter und Könige“ von Ridley Scott mit Christian Bale + John Turturro

 

und hier einen Bericht über „The Counselor“ – Pseudo-Drogen-Thriller von Ridley Scott mit Michael Fassbender + Javier Bardem

 

und eine Besprechung des Films “Prometheus – Dunkle Zeichen”  – Science-Fiction-Epos von Ridley Scott mit Michael Fassbender.

 

Das war aber nicht der Grund, weshalb ich „Exodus“ drehen wollte. Mein Bruder und ich standen uns sehr nah, obwohl wir einen Altersunterschied von sechs Jahren hatten, was dann keine Selbstverständlichkeit ist. Aber er mochte, was ich beruflich mache. Er folgte mir, und ich habe ihn dabei unterstützt.

 

Trauern Sie noch oft um ihn?

 

Jeden Tag! Ich lasse es zu; manchmal nur Sekunden, manchmal aber auch zehn Minuten. Aber mehr als zehn Minuten will ich nicht, weil man sich sonst darin selbst ertränkt, und das kann depressiv machen. Aber ich denke jeden Tag an ihn.

 

Religion ist aus mir nie verschwunden

 

Wie stellen Sie sich Gott vor?

 

Es gibt viele wunderbare Darstellungen von Gott, etwa in der Sixtinischen Kapelle in Rom. Eine wunderschöne Arbeit, obwohl ich nie verstanden habe, warum Gott dort so abgebildet wird. Gott und Religion haben für mich mehr mit Gewissen zu tun. Als Kind mag man das nicht, weil man sich ständig schuldig fühlt. Mit erging es nicht anders, weshalb ich die Religion eher ablehnte; aber sie ist aus mir nie ganz verschwunden.


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