Frankfurt am Main

German Pop

Bettina von Arnim, o.T. (Detail), 1970, Öl auf Leinwand; Galerie Poll Berlin, © VG Bild-Kunst. Fotoquelle: Schirn Frankfurt

Als das Pop-Art-UFO in Germanien landete: Viele deutsche Künstler versuchten sich an bunter Alltags-Kunst. Die Schirn stellt vier regionale Zentren erstmals gemeinsam vor: ein variantenreicher Überblick, doch zu heterogen für das Schlagwort „German Pop“.

Pop Art ist ein Kind des Swinging London: Streng genommen entstand sie nicht in den Vereinigten Staaten, sondern in Großbritannien. Als „Vater der Pop Art“ gilt der englische Künstler Richard Hamilton; der hielt herzlich wenig von diesem Beinamen. Schwer vorstellbar, dass ein US-Künstler diese Bezeichnung abgelehnt hätte. Doch weder Andy Warhol noch seinen Kollegen Roy Lichtenstein oder Claes Oldenburg wurde diese Ehre zuteil.

 

Info

 

German Pop

 

06.11.2014 – 08.02.2015

täglich außer montags

10 bis 19 Uhr, mittwochs + donnerstags bis 22 Uhr

in der Schirn Kunsthalle Frankfurt, Am Römerberg, Frankfurt am Main

 

Weitere Informationen

 

Trotzdem erscheint die Verknüpfung von US-Massenkultur und Pop Art so zwingend wie die zwischen Huhn und Ei. Aus den Staaten kamen Elvis Presley, Marilyn Monroe und Coca Cola. Hollywood etablierte einen Star-Kult, der zuvor in diesem Ausmaß unbekannt war. Andy Warhols utopisch anmutende Parole, jeder solle 15 Minuten lang berühmt werden, ist längst schwer erträgliche Realität – vor allem im trash-TV.

 

Glamour gegen Häkeldeckchen

 

Doch als in den frühen 1960er-Jahren poppig-fröhliche US-Kunst über den Atlantik in die Bundesrepublik schwappte, kollidierten zwei Welten, die unterschiedlicher kaum sein konnten. Glitzer und glamour stießen auf das Ambiente von röhrenden Hirschen und Häkeldeckchen. Die Weite der Neuen Welt traf auf kleingeistige deutsche Provinzialität.


Interviews mit den Künstlern Christa Dichgans + K. H. Hödicke, dem Galeristen Paul Maenz + Impressionen der Ausstellung; © Schirn


 

„Kapitalistischer Realismus“ in Düsseldorf

 

Diesen Gegensatz veranschaulicht die schwarz-weiße Bild-Ton-Collage „Teletext“ von KRIWET: Sechs quadratische Segmente zeigen unterschiedliche Doku-Aufnahmen. Filmbilder von Manhattan treffen auf Ortsschilder norddeutscher Dörfer. Leuchtende Neonreklamen werden biederen deutschen Markennamen gegenübergestellt.

 

Ferdinand Kriwet ist weit weniger bekannt als seine berühmten Düsseldorfer Kollegen Gerhard Richter und Sigmar Polke, deren Werke selbstverständlich auch in der Schirn hängen. Sie nannten ihre damaligen Arbeiten jedoch nicht „German Pop“, sondern „Kapitalistischer Realismus“ – wobei die Etiketten schnell wechselten. Neben solchen Altmeistern stellt die Ausstellung auch lange vernachlässigte Maler vor: gruppiert nach vier regionalen Zentren, in denen sie tätig waren.

 

Glasaugen sehen Hühnereier an

 

In der Düsseldorfer Abteilung stechen HP Alvermann und Winfried Gaul hervor. Dessen plakative Gemälde zeigen Flaggen, Eis, Kekse oder Brüste mit Titeln wie „Happy Family“; solche Bilder entsprechen am ehesten dem Klischee von quietschbunter, konsumfreudiger Pop Art. Alvermanns Arbeiten haben hingegen oft eine subversiv-dadaistische Note

 

Etwa die ganz in Weiß gehaltene Installation „Die Unberührbare“: Auf einem Zahnarzt-Stuhl steht ein Paar Frauenschuhe auf der Fußablage, während Hühnereier auf der Sitzfläche liegen. An die Rückenlehne sind zwei Glasaugen montiert, welche die Eier anzustieren scheinen. Soll diese Patientin wie ein rohes Ei behandelt werden?

 

Stiefel-Kameraden + verliebtes Telefon

 

Als früher Vorläufer der deutschen Pop Art wird Konrad Klapheck präsentiert, der bis heute in Düsseldorf wohnt. Seine pedantisch realistischen Ölgemälde zeigen alltägliche Gegenstände, etwa ein Paar Schnürstiefel – mit dem Titel „Zwei Kameraden“. Auch bei „Verliebtheit“ verblüfft der Bildinhalt: Auf einem Stahlrohr-Stuhl steht ein Telefon, dessen Kabel wie Arme ausgreifen. Wie weit die Analogie zwischen Maschine und Mensch reicht, überlässt Klapheck dem Betrachter.

 

Solche Technik-Kritik ist den Westberliner Pop-Art-Vertretern fremd; sie scheinen deutlich unbekümmerter. Comicartige Bilder von Werner Berges erinnern an das US-Vorbild Roy Lichtenstein. Karl Horst (K.H.) Hödicke war fasziniert von den glänzenden Lichtern der Großstadt: Er malte Fassaden voller Leuchtreklamen, was „damals keinen interessierte“, wie er im Rückblick sagt.

 

Agitprop-Bastelei mit Hitler-Gruß

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier einen Beitrag über die Ausstellung „Leben mit Pop: Eine Reproduktion des Kapitalistischen Realismus“ mit Werken von Gerhard Richter, Siegmar Polke + Konrad Lueg in der Kunsthalle Düsseldorf

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „POWER UP – Female Pop Art“ mt Werken von Christa Dichgans + Kiki Kogelnik in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen

 

und hier eine Rezension der Ausstellung K. H. Hödicke – Malerei, Skulptur, Film“ – Retrospektive seines Gesamtwerks in der Berlinischen Galerie, Berlin.

 

Frankfurt ist vor allem durch Thomas Bayerle vertreten. Etwa mit vier Schaufensterpuppen in Regenmänteln aus Plasik, deren Muster merkwürdige Motive aufweisen: Tassen, Kühe oder Schuhe. Explizit politisch gibt sich die Halbrelief-Wandinstallation „Nürnberger Orgie“: Ein Arm mit Hakenkreuz-Binde winkt einer uniformierten Menschenmenge, sobald ein Motor den Arm hebt und die Soldaten marschieren lässt. Diese Agitprop-Bastelei hat mit Pop Art wenig zu tun.

 

Sehr heterogen war die Kunstszene in München. In Zirkeln wie SPUR und WIR, die 1965 zur Gruppe „Geflecht“ fusionierten, war man offenbar unentschieden, ob man die Pop Art nun begrüßen oder bekämpfen sollte. So wirken die meisten Arbeiten etwas unausgegoren. Reinhold Heller und Ludi Armbruster lehnten sich mit fröhlich-bunten Bildern an US-Vorbilder an. Dagegen erscheinen surreal verformte Tonskulpturen von Lothar Fischer – wie die Frauenköpfe „Lockenwickler“ und „Mädchen im Bad“ – fast bedrohlich.

 

Pop-Artisten wider Willen

 

Damit gelingt es der Ausstellung, die unterschiedlichen regionalen Varianten von Pop Art in der Bundesrepublik aufzuzeigen. Allerdings wird auch deutlich, dass die Zuschreibung einer „deutschen Pop Art“ nachträglich konstruiert worden ist: Viele Künstler hielten sich damals keineswegs für Pop, und die einzelnen Gruppen waren wenig miteinander vernetzt. „German Pop“ ist also ein griffiges Label für Kuratoren –with the benefit of hindsight.


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