Olivier Assayas

Juliette rannte nackt ins Wasser

Regisseur Olivier Assayas am Set. Foto: © Pallas Film / NFP Carole Bethuel

Mit Fiktion tiefer in die Realität eindringen als sie selbst: Regisseur Olivier Assayas ist ein Archäologe von Emotionen. In „Die Wolken von Sils Maria“ schickt er Juliette Binoche zurück an ihre Anfänge, erklärt er im Interview: Kino als Jungbrunnen.

Monsieur Assayas, wann haben Sie sich das letzte Mal gegoogelt?

 

Ich mache das nie. Vor einigen Jahren habe ich das wohl öfter mal getan, aber heute nicht mehr.

 

In „Die Wolke von Sils Maria“ macht Kristen Stewart als Valentine das ständig. Sie ist die Assistentin von Maria Enders – einer Schauspielerin, die von Juliette Binoche verkörpert wird.

 

Stewart gehört zu einer Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist; mit social media und Unmengen von Informationen. Offensichtlich baut das Internet einen gewissen Druck auf beide Frauen auf, mit dem sie unterschiedlich umgehen. Maria nutzt das Internet, um Emails zu schreiben und Basis-Infos zu sammeln. Valentine ist es gewohnt, im Netz ein und aus zu gehen; sie will wissen, was im Netz passiert.

 

Drehbuch musste Binoche Angst machen

 

Man spürt, dass Juliette Binoche im Film sehr viel von sich preisgibt. Manchmal hat man den Eindruck, sie spreche über sich selbst.

 

Info

Die Wolken von Sils Maria

 

Regie: Olivier Assayas,

124 Min., Frankreich/ Schweiz/ Deutschland 2014;

mit: Juliette Binoche, Kristen Stewart, Chloë Grace Moretz, Lars Eidinger

 

Website zum Film

 

Nachdem sie das Drehbuch gelesen hatte, sagte sie, sie möge es. Es muss ihr auch Angst gemacht haben; vermutlich hat sie nicht damit gerechnet, dass ich etwas so Intimes schreiben würde. Ihr war klar, dass sie sich öffnen und entblößen müsse wie nie zuvor. Am Set erlebten wir eine Juliette, die bereit war, Kontrolle abzugeben, ohne negative Hintergedanken zu haben. Sie war sehr fröhlich beim Dreh und löste alles voller Anmut, obwohl sie mit schwierigen Situationen zurecht kommen musste.

 

Dem Fluch der Zeit entfliehen

 

Binoche setzt sich in ihrer Rolle mit dem Altern und der Tatsache auseinander, dass sie nicht mehr im Mittelpunkt steht.

 

Das Altern steckt auch in den Genen von Schauspielerinnen. In Filmen sieht man jede einzelne Falte; das ist gemein. Gleichzeitig erlaubt uns die Magie des Kinos, zu einem jüngeren Ich zurückzukehren. Lars Eidinger sagt als Regisseur Diesterweg am Ende zu Maria: Du kannst dem Fluch der Zeit entfliehen. Sehen Sie sich Isabelle Huppert an; sie hat sich bis heute etwas Jugendliches bewahrt. Ich wollte Juliette und meinem Publikum zeigen, dass Filme das können. Es gibt Hoffnung.


Offizieller Filmtrailer


 

Binoche ist unzufrieden mit ihrem Körper

 

Ist eine besondere Verbindung zwischen Regisseur und Schauspielerin nötig, damit sie eine solche Rolle übernimmt?

 

Es geht in erster Linie um Vertrauen. Juliette und ich vertrauen einander, weil wir uns seit Ewigkeiten kennen. Wir haben zusammen angefangen. Ich schrieb das Drehbuch zu „Rendez-vous“ (1985) von André Téchiné, ihrem ersten Film; damit begann ihre Karriere. Wir haben gemeinsam den Ensemble-Film „L‘ heure d’été“ (2008) gedreht.

 

Binoche hat den Film initiiert. Sie hat mich angerufen und gefragt, ob wir nicht wieder zusammen arbeiten wollten; mit ihr in der Hauptrolle. Aber obwohl sie mir vertraut, hatte sie auch Angst und mag sich im Film nicht sehen. Sie ist unzufrieden mit ihrem Körper, weil sie denkt, sie habe einige Kilo zuviel auf den Hüften. Für mich macht genau das ihre Schönheit aus. Dafür mag man sie.

 

In ihrer Rolle für Frauen anziehend

 

Der Film lebt vom vielschichtigen Verhältnis zwischen Binoche und Stewart. Während beide Frauen in ihren Gesprächen fast jeden Bereich des Daseins streifen, bleibt Sexualität völlig außen vor – obwohl man sich gut vorstellen könnte, dass sie auch darüber reden. Wieso?

 

Es ist da; es gibt kleine Anspielungen. Maria spielt eine Schauspielerin, die eine Rolle übernimmt, in der sie auch für Frauen anziehend ist. Die Vorbereitung auf die Rolle verändert ihre Persönlichkeit. Sie wird zu einer Anderen als der, die wir am Anfang kennen lernen. Valentine weiß um diese Anziehung und reagiert darauf.

 

Französische Natürlichkeit vs. US-Prüderie

 

Stewart wirkt angespannter als Binoche. In einer Szene baden beide in einem Bergsee. Binoche wirkt wunderbar natürlich, wenn sie sich am Ufer auszieht; Stewart erscheint sehr prüde und amerikanisch zurückhaltend.

 

Das ist eine interessanter Eindruck von Ihnen – und nicht das, was ich mir vorgestellt habe. In der Szene war der Dialog vorgegeben, aber das Entkleiden sollte so natürlich wie möglich sein. Beide sollten ins Wasser springen; aber wie sie das machen, blieb ihnen überlassen. Ich dachte, dass Juliette der jungen Kristen ins Wasser folgen würde, aber es kam anders. Plötzlich war Juliette nackt und rannte ins Wasser. Das ist Juliette! Sie ist einfach spontan.

 

Verwunschene Landschaft, in der Geister leben

 

Wie sind Sie auf das Hochgebirge im Engadin als Kulisse gekommen – warum nicht etwa die Provence?

 

Ich wollte keine neutrale oder Postkarten-Kulisse, keinen schönen Hintergrund. Der Film handelt vom Vergehen der Zeit; daher suchte ich eine verwunschene Landschaft, in der Geister leben könnten. Diese Berglandschaft spricht zu uns von Gut und Böse. Die Wolken-Schlange von Maloja ist schön, aber eben auch mysteriös: Sie gibt der Umgebung aus dem Nichts heraus eine andere Bedeutung. Ich mochte diese Ambivalenz. Für mich wurde die Landschaft dadurch lebendig und zu einer Figur im Film.

 

Wie Chemiker, der Elemente zusammenschüttet

 

Die Landschaft verschluckt Menschen geradezu auf übernatürliche Weise. Woher kam diese Idee?

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Die Wolken von Sils Maria“ von Olivier Assayas mit Juliette Binoche

 

und hier eine Besprechung des Films “Die wilde Zeit” – über die Ära französischer K-Gruppen der 1970er Jahre von Olivier Assayas

 

und hier einen Beitrag über den Film  “Cosmopolis” – brilliantes Finanzhai-Psychogramm mit Juliette Binoche von David Cronenberg.

 

und hier einen Bericht über den Film „Die Liebesfälscher“ – Liebespaar-Kammerspiel von Abbas Kiarostami mit Juliette Binoche.

 

Ich mag mystery in Filmen; derlei hat immer mit der Interpretation der Zuschauer zu tun. Es geht darum, Fragen zu stellen. Da ist ein Rätsel, auf das man eigene Antworten finden muss. Bei einem Film wie „Die Wolke von Sils Maria“ bin ich wie ein Chemiker, der Elemente zusammenschüttet; manchmal reagieren die miteinander. Ich will nicht zuviel Interpretation vorgeben, da ich hoffe, dass jeder den Film anders interpretiert. Das macht seine Schönheit aus.

 

Den Ursprung von Gefühlen finden

 

Das Zusammenspiel von Vergangenheit und Gegenwart ist prägend für Ihre Arbeit, die häufig biographisch geprägt ist. Diesmal rücken Sie davon ab und wechseln die Perspektive, indem Sie erstmals aus Sicht einer Frau erzählen. Was verbindet Ihre Werke?

 

In erster Linie meine Inspiration. Ein Film lässt die Vergangenheit wieder auferstehen und bringt eigene Erinnerungen durch gespielte Emotionen und Momente zurück – wobei in der Frauen-Figur der Maria Enders keine persönlichen Erinnerungen liegen. Ich benutze Fiktion, um näher an Emotionen heran zu kommen, als das sonst möglich wäre.

 

Mit dokumentarischen Elementen im Film „Die wilde Zeit“ über die frühen 1970er Jahre wollte ich zeigen, wie ich als Teenager war. Da ging es mir um die politischen Ideen der Epoche und ihre Reflexion aus heutiger Perspektive. Mit „Sils Maria“ will ich dagegen den Ursprung von Gefühlen finden: Maria gräbt tief in sich selbst nach Emotionen. Fiktion ermöglicht manchmal ein tieferes Eindringen in die Realität als diese selbst. Man kann damit Wesenszüge der menschlichen Natur ausdrücken.


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