Jessica Hausner

Amour Fou

Liebesszene mit Dienstmädchen: Dichter Heinrich von Kleist (Christian Friedel) macht Henriette Vogel (Birte Schnöink) den Hof. Foto: © Neue Visionen Filmverleih

(Kinostart: 15.1.) Ein Fall von Leichenfledderei: Regisseurin Jessica Hausner verlegt den Doppel-Selbstmord von Kleist und Henriette Vogel in ein Wachsfigurenkabinett steifer Kleiderständer. Dieser Puppenstuben-Welt kann man nur durch Freitod entfliehen.

Das berühmteste deutsche Selbstmörder-Grab steht am Ufer des Kleinen Wannsees bei Berlin; in den Granitblock sind die Namen Heinrich von Kleist und Henriette Vogel eingraviert. Er erschoss hier am 21. November 1811 erst seine Gefährtin, dann sich selbst. Zum 200. Todestag wurde die vernachlässigte Anlage 2011 für satte 700.000 Euro neu gestaltet: Seither schlängelt sich eine malerische Promenade vom S-Bahnhof in zehn Minuten Fußweg dorthin.

 

Info

 

Amour Fou

 

Regie: Jessica Hausner,

96 Min., Deutschland/ Österreich 2014; 

mit: Christian Friedel, Birte Schnöink, Stephan Grossmann, Sandra Hüller

 

Weitere Informationen

 

Der Film von Jessica Hausner war sicher günstiger, doch dafür fehlt ihm auch jede Anmut. Die österreichische Regisseurin behandelt ihre Sujets gern unterkühlt, etwa im anämischen Psychothriller „Hotel“ (2004) oder in „Lourdes“ (2009), einer nüchternen Studie über den katholischen Wallfahrtsort. Was damals als Panoptikum des hysterischen Wunderglaubens beeindruckte, tut dem todessehnsüchtigen Paar in „Amour Fou“ sichtlich Gewalt an. Von literarischer Romantik und Liebe, gar verrückter, zwischen oder zu den Figuren keine Spur.

 

Wie unter Schlafmitteln agieren

 

Das Leben im französisch besetzten Berlin 1811 spielt sich für Hausner fast ausschließlich in Wohnräumen ab; nur wenige Minuten wagt sie sich nach draußen. In den guten Puppenstuben geht es so reglos zu, als wären die Bewohner schon beinahe tot. Artig sitzen sie zu Tisch und plaudern gedämpft, während Diener lautlos nachschenken. Stehen sie auf, agieren sie so bedächtig und steif, als hätten sie einen Schlaftrunk geschlürft. Lauter wird es nur bei Hausmusik; dann lauschen alle still ergriffen.


Offizieller Filmtrailer


 

Lebende Bilder bewegen nichts

 

Gewiss war Etikette in Klassizismus und Biedermeierzeit de rigueur, und außer Konversation und Tanz gab es kaum Unterhaltung; es ging recht ruhig zu. Doch dieser Film zwängt seine Protagonisten mit gedrechselten Dialogen und langen Sprechpausen in ein Korsett starrer Einstellungen, das sie wie dressierte Deppen dastehen lässt. „Tableaux vivants“ wollte Regisseurin Hausner nach eigener Aussage schaffen. Was ihr gelungen ist: Nichts bewegt sich – weder auf der Leinwand noch beim Zuschauer.

 

Kein Wunder, dass ihr Kleist diese öde Welt alsbald verlassen will. Doch der unstet hochfahrende Charakter des Dichters, der in seinem Achterbahn-Lebenslauf alles Mögliche ausprobierte, fällt unter den Salon-Tisch. Christian Friedel spielt ihn als tranigen Tropf, der seine Mitmenschen mit Nabelschau-Monologen nervt und Einladungen zum Doppel-Selbstmord verteilt wie Visitenkarten. Was bei Familie Vogel nur durchgeht, weil Hausherr Louis (Stephan Grossmann) ein grundgütiges Weichei ist, der seiner Gemahlin alles nachsieht.

 

Exitus erst im dritten Anlauf

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Michael Kohlhaas“ – brillante Verfilmung der Kleist-Novelle von Arnaud des Pallières

 

und hier einen Bericht über den Film “Confession” – exzellente Klassiker-Verfilmung des Romans von Alfred de Musset mit Pete Doherty

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über den Film „Lourdes“ – präzise Wallfahrtsort-Studie von Jessica Hausner

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Kleist: Krise und Experiment” – im Ephraim-Palais, Berlin

 

In dieses Wachsfigurenkabinett bringt Henriette (Birte Schnöink) als einzige etwas Schwung. Ihr Dasein als treusorgende Hausfrau und Mutter vergällen ihr unerklärliche Schmerzen, Schwächeanfälle und unfähige Ärzte; dass sie laut Obduktionsbericht an Gebärmutterkrebs litt, wird von Regisseurin Hausner zur Fehldiagnose umgedeutet.

 

Jedenfalls entfremdet sich Henriette von ihrer Umwelt und wird für die ennui-Einflüsterungen von Kleist empfänglich. Dass dessen Freitod-Arrangements so extravagant wie lächerlich sind – er bricht den ersten Versuch ab, weil er sich am Vorabend vom Tischnachbarn und Dichter-Kollegen Adam Müller beleidigt fühlt –, scheint sie nicht zu stören. Im dritten Anlauf klappt der Exitus endlich, obwohl der Schütze doppelte Ladehemmung hat.

 

Alles nur Versuchsanordnung

 

Solche Gags auf Kosten eines der bedeutendsten deutschen Dichter mag man pietätlos finden; das wird die Filmemacherin nicht anfechten. Ihr geht es nicht um den „konkreten historischen Fall“, sondern um ein „Exempel“: als „Versuchsanordnung zur These: Liebe ist ein ambivalentes Gefühl.“ Wofür in postmodernen Zeiten totaler Verfügbarkeit offenbar jeder Stoff herhalten darf; auch das tragische Ende einer unheilbar Kranken und eines genial Gescheiterten. Ein Fall von Leichenfledderei.


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