Marina Kem

Bonne Nuit Papa

Regisseurin Marina Kem vor den Tempelanlagen von Angkor Wat. Fotoquelle: Drop-Out Cinema

(Kinostart: 29.1.) Ausländische Akademiker in der DDR sind ähnlich fast vergessen wie die Massaker der Roten Khmer. Regisseurin Marina Kem zeichnet die Biografie ihres kambodschanischen Vaters nach – als gefühlige Nabelschau für die ganze Familie.

Diese hochqualifizierten Einwanderer sind fast vergessen: An DDR-Hochschulen studierten viele Ausländer aus „sozialistischen Bruderstaaten“ und ihnen politisch nahe stehenden Entwicklungsländern. Bis 1970 waren es jährlich rund 1.000, dann stieg ihre Zahl auf über 10.000 pro Jahr. Insgesamt haben mehr als 50.000 Ausländer ein Studium in der DDR absolviert. Was ist aus ihnen geworden?

 

Info

 

Bonne Nuit Papa

 

Regie: Marina Kem,

100 Min., Kambodscha/ Deutschland 2014;

mit: Ottara Kem, Marina Kem, Thonevath Pou

 

Website zum Film

 

Einer von ihnen war Ottara Kem: Der Kambodschaner kam 1965 als 19-Jähriger mit einem Stipendium nach Leipzig. Hier lernte er Deutsch, studierte Maschinenbau und promovierte, verliebte sich, bekam 1974 mit seiner Partnerin eine Tochter und heiratete. In seine Heimat konnte Kem nicht zurückkehren: Dort hatten die Roten Khmer im April 1975 die von den USA gestützte Regierung des Generals Lon Nol gestürzt und ein Schreckensregime errichtet.

 

Massenmord mit 2 Millionen Toten

 

Sie trieben die Bevölkerung aus den Städten aufs Land, wo sie in Lagern unter entsetzlichen Bedingungen Zwangsarbeit leisten mussten. Diesem „Steinzeit-Kommunismus“ fielen zwei Millionen Kambodschaner zum Opfer; Anfang 1979 beendeten vietnamesische Truppen den Terror. Allerdings nicht alle Gräuel: Die Roten Khmer führten im Grenzgebiet zu Thailand bis 1998 einen langen Guerillakrieg. Auch ihre Massenmorde sind heute fast vergessen.


Offizieller Filmtrailer


 

Wie bei Fotoalben von Unbekannten

 

Genug Stoff für einen fesselnden Dokumentarfilm, sollte man meinen: in dem sich Privates und Politik, Ost-West-Konflikt und Nord-Süd-Gegensatz zum facettenreichen Epochen-Panorama verbinden. Unter allen denkbaren Ansätzen wählt Regisseurin Marina Kem den persönlichsten: ihre Familienverhältnisse.

 

Ihre Eltern ließen sich 1986 scheiden; der Vater wurde ihr fremd. Als er nach der Wiedervereinigung seinen Job verlor, zog er sich vollends zurück. Schließlich erkrankte der Kettenraucher an Lungenkrebs und starb. All das breitet Regisseurin Kem weitschweifig aus; mit Schnappschüssen und Tagebüchern, Gesprächen mit Verwandten und Bekannten. Es ist wie bei Fotoalben fremder Leute: erste Einblicke machen neugierig, danach möchte man es gar nicht so genau wissen.

 

Ex-Peiniger auf der Straße begegnen

 

Spannender sind Aufnahmen von Marina Kems Besuchen bei ihrer Verwandtschaft in Südostasien: 1999 noch mit Papa und ihrem Freund Oliver Neis, 2012 mit Filmteam. Auf der ersten Reise springt ins Auge, wie fehl am Platz sich Vater und Tochter fühlen: Er hat seinen Angehörigen wenig zu sagen, sie spricht kein Khmer. Beim zweiten Anlauf kommt mehr zustande: anschauliche Bilder vom tropischen Alltag im heutigen Kambodscha.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung “Mythos Goldenes Dreieck” über buddhistische Bergvölker in Südostasien im Ethnologischen Museum, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Doku “Goldrausch – Die Geschichte der Treuhand” über das Ende der DDR-Wirtschaft von Prod. Thomas Kufus

 

und hier einen Bericht über die „documenta (13)“ in Kassel mit Fotografien von Vandy Rattana über Spuren des Bomben-Kriegs in Kambodscha.

 

Wobei durchscheint, wie traumatisiert diese Gesellschaft immer noch ist, wenn Verwandte von ihrem Schicksal erzählen. Ein Cousin berichtet weinend, wie seine Eltern und Geschwister ermordet wurden; ein anderer, dass er seinem einstigen Peiniger auf der Straße begegnet. Der lebt nun unbehelligt als Vorsteher in einem Nachbardorf; die blutige Vergangenheit bleibt ungesühnt. Kein Wunder: Regierungschef Hun Sen, bald 30 Jahre an der Macht, war Kommandeur der Roten Khmer, bevor er 1977 nach Vietnam floh.

 

Freund kehrte nach Kambodscha zurück

 

Das blendet Regisseurin Kem weitgehend aus: Kambodschas turbulente Geschichte seit der Unabhängigkeit 1953 handelt sie in wenigen Sätzen ab. Stattdessen kreist sie unermüdlich um das Schweigen ihres Vaters und seine fast schon depressive Passivität. Anstatt einer Frage nachzugehen, die ihr sein Landsmann und Studienfreund nahe legt.

 

Thonevath Pou studierte in der DDR Germanistik, ging in die Bundesrepublik und kehrte 2007 nach Kambodscha zurück. Dort fühlt er sich etwas fremd, aber anscheinend nicht unwohl. Warum hat ihr Vater nicht ähnlich gehandelt, als er in Ostdeutschland für sich keine Zukunft mehr sah? Wieso mied er seine alte Heimat, ohne eine neue gefunden zu haben?

 

Alles bleibt in der Familie

 

Doch interkulturelle Probleme kümmern Marina Kem offenbar nur als Familienaufstellung. Damit wird eine vielschichtige Außenseiter-Biografie, die manche Verwerfungen des 20. Jahrhunderts prägten, zum Anlass für gefühlige Befindlichkeits-Bekenntnisse. Für diese human interest-Nabelschau haben die Regisseurin und ihr Partner Neis eigens eine GmbH gegründet: die „Sterntaucher Filmproduktion“. So bleibt alles in der Familie. Wie in asiatischen Gesellschaften üblich, wo sie Anfangs- und Endpunkt allen Denkens und Handelns ist.


Diesen Artikel drucken