Reese Witherspoon

Der große Trip – Wild

Cheryl Strayed (Reese Witherspoon) wandert durch die mexikanische Wüste. Foto: © 2014 Twentieth Century Fox

(Kinostart: 15.1.) Hinter den sieben Bergen bei inneren Dämonen: Cheryl Strayed wanderte 2000 Kilometer durch den US-Westen. „Dallas Buyers Club“-Regisseur Jean-Marc Vallée verfilmt ihren Reisebericht: innovativ, dramaturgisch dicht und unsentimental.

Ich bin dann mal weg! Viele Menschen träumen davon, einmal alles hinter sich zu lassen und eine Selbstfindungs-Reise ohne jeden Komfort anzutreten. Solche Reisen leben von Grenzerfahrungen: Man setzt sich ein Ziel, das unerreichbar scheint, will sich selbst überwinden und strebt nach einem Neuanfang. Radikale Abkehr von der Zivilisation gehört meist dazu: Wer sich selbst sucht, geht am besten zu Fuß.

 

Info

 

Der grosse Trip – Wild

 

Regie: Jean-Marc Vallée,

119 Min., USA 2015;

mit Reese Witherspoon, Laura Dern, Thomas Sadoski

 

Website zum Film

 

Wie 1995 die US-Amerikanerin Cheryl Strayed: Um ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, wanderte sie 2000 Kilometer auf dem Pacific Crest Trail (PCT). Der längste Fernwanderweg der USA führt von der mexikanischen zur kanadischen Grenze; ein Synonym für absolute Freiheit und Einsamkeit in der Natur – deren Gewalten man schutzlos ausgesetzt ist.

 

Erlebnisbericht wird Bestseller

 

In ihrem Erlebnisbericht „Wild“ beschreibt Strayed ihr dreimonatiges Abenteuer auf dem PCT; das Buch wurde ein Bestseller. Das Drehbuch von Nick Hornby hat Regisseur Jean-Marc Vallée, der 2014 mit „Dallas Buyers Club“ einen Überraschungs-Erfolg landete, nun exzellent verfilmt.


Offizieller Filmtrailer


 

Wanderweg aus dem Elend

 

Vor ihrer Wanderung ist Cheryl (Reese Witherspoon) ganz unten: Sie kann ihre Kindheit in bescheidenen Verhältnissen und den frühen Krebstod ihrer alleinstehenden Mutter (Laura Dern) nicht verwinden. Cheryl flüchtet sich in Heroin- und Sexsucht, was sie hart und unglücklich werden lässt; daran zerbricht ihre Ehe.

 

Unversehens fällt ihr ein Reiseführer über den Pacific Crest Trail in die Hände. Eine fixe Idee setzt sich in ihr fest: Sollte sie diese Wander-Route bewältigen, würde sie auch einen Weg aus dem Elend finden und ihr Leben wieder meistern können. So macht sich die junge Frau auf ihren langen Marsch.

 

Zuwenig Essen + Wasser, zuviel Schnee

 

Schon die ersten fünf Meilen überfordern sie eigentlich. Cheryl ist outdoor völlig unerfahren, und ihre brandneuen Wanderstiefel sind zu klein. Überdies trägt sie zwei „Monster“ mit sich herum, wie sie das nennt: Ihre von Schuldgefühlen und Trauer belastete Vergangenheit plus einen viel zu großen und schweren Rucksack, der allerlei Ballast enthält.

 

Mehrfach ist sie kurz davor, aufzugeben: Mal muss sie hungern, mal geht ihr unter sengender Wüstensonne das Trinkwasser aus, dann bleibt sie beinahe in den verschneiten Höhenzügen der Sierra Nevada stecken. Doch Cheryl ist zäh und beißt sich durch; außerdem trifft sie immer wieder auf Mitmenschen, die ihr in entscheidenden Augenblicken weiterhelfen.

 

Reise-Etappen mit Rückblenden verschränkt

 

Obwohl sie zunächst auf Cheryl bedrohlich wirken; ihr Argwohn erweist sich gottlob als unbegründet. Aber die schwierigsten Situationen muss sie allein bewältigen; vor allem ihre beängstigende Einsamkeit. Dabei wächst sie Schritt für Schritt über sich hinaus, stellt sich ihren verdrängten Erinnerungen und findet so ihre Stärke und Zuversicht wieder.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Dallas Buyers Club”  – hervorragendes HIV-Drama von Jean-Marc Vallée mit Matthew McConaughey

 

und hier einen Bericht über den Film “On The Road – Unterwegs” – Verfilmung von Jack Kerouacs Beatnik-Kultbuch durch Walter Salles

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über den Film „The Way Back – Der lange Weg“ über eine 3000-Kilometer-Flucht zu Fuß aus dem Gulag von Peter Weir mit Ed Harris + Colin Farrell.

 

Filme über eine Flucht in die Wildnis sind nicht selten; in den letzten Jahren handelten „Into the Wild“(2007) von Sean Penn oder „Spuren“ (2013) von John Curran davon. Natürlich wiederholen sich Inhalt und Dramaturgie, doch Regisseur Vallée findet eine Erzählstruktur, die stets spannend bleibt. Er verschränkt Cheryls Reise-Etappen geschickt mit Rückblenden, in denen sie aus dem Off erzählt: Erinnerungen und Tagebucheinträge über ihre Kindheit und gescheiterte Ehe, ihre Drogen- und Sex-Eskapaden mit drop-outs und die Entscheidung zum PCT-Trip.

 

Flashbacks runden sich zur Erinnerung

 

Diesen handwerklich sauber erzählten Episoden verleiht Vallée seine eigene Handschrift. Vor allem die Rückblenden sind innovativ und dramaturgisch dicht: Der Film nähert sich Cheryls Erinnerungen sehr assoziativ und unsentimental. In kurzen flashbacks tauchen Bilder auf, deren Hintergründe sich erst nach und nach erschließen und zur ganzen Geschichte runden. Ein Kunstgriff, der sehr genau nachvollzieht, wie Menschen Verdrängtes allmählich wieder zulassen.

 

Natürlich mangelt es nicht an großartigen Landschaftsaufnahmen, die schnell in Kitsch abgleiten könnten. Doch Regisseur Vallée rückt sie ohne übertriebenes Pathos ins Bild; dabei nimmt sich seine Protagonistin Reese Witherspoon mit kühler Klarheit sehr überlegt zurück. Auch Laura Dern als Cheryls Mutter Bobbi überzeugt als nuancierte Charakterdarstellerin.

 

Als die Sinnsucherin am Ende ganz nüchtern im Nieselregen am Ziel ihrer Reise ankommt, der Bridge of Gods zwischen Oregon und Washington State, ist sie der Erlösung von ihren Dämonen ein Stück näher gekommen. Soviel Erfüllung wünscht man jedem Extremsportler.


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