Köln

Die Kathedrale: Romantik – Impressionismus – Moderne

Johan Barthold Jongkind: Die Seine und Notre-Dame (Detail), 1864, Musée d´Orsay, Paris. Foto: Wallraf-Richartz-Museum, Köln
Wir bauen eine Kathedrale, war ein Motto des 19. Jahrhunderts: Damals wurde mancher Dom erst fertig – und zum dankbaren Motiv für Maler bis zur klassischen Moderne. Das Wallraf-Richartz-Museum lädt zur Besichtigungs-Tour; mit ziemlich verengtem Blick.

So eine Ausstellung ist wohl nur in Köln möglich. Andere deutsche Städte haben auch eindrucksvolle Münster und Dome. Aber nur in Köln schwingt sich der Lokalpatriotismus an Fassaden und Türmen in schwindelerregende Höhen empor: Was wäre die Rhein-Metropole ohne ihren weltberühmten Dom? Eine Ansammlung romanischer Kirchen und Nachkriegsbauten.

 

Info

 

Die Kathedrale: Romantik – Impressionismus – Moderne

 

26.09.2014 - 18.01.2015

täglich außer montags

10 bis 18 Uhr,

donnerstags bis 21 Uhr

im Wallraf-Richartz-Museum, Obenmarspforten 40, Köln

 

Katalog 30 €

 

Weitere Informationen

 

Und was wäre der Dom ohne seine Kölner, die sich gern hier treffen, zu allen Tageszeiten hineingehen und ihn rund um die Uhr umschwirren? Ihr inniges Verhältnis zu ihm ist bundesweit beispiellos; die Dresdener Frauenkirche vielleicht ausgenommen. Wer erfahren will, wie lebhaft es früher in Kirchen zuging, wo es von Leuten wimmelte, die Neuigkeiten verkündeten, Geschäfte besprachen, bettelten oder schliefen – der muss in den Kölner Dom gehen.

 

300 Jahre Dom-Torso

 

Wobei dieses Monument, das so majestätisch mittelalterlich scheint, ein Werk des 19. Jahrhunderts ist. Zwar wurde 1248 mit dem Bau begonnen, weil die Stadt eine Wallfahrtskirche für ihre aus Mailand geraubten Reliquien der Heiligen Drei Könige brauchte, aber in 250 Jahren kamen die Kölner nicht sehr weit. Nach der Reformation schwanden die Pilger und mit ihnen das Geld für die Fertigstellung. Der Dom blieb drei Jahrhunderte lang ein Torso.


Impressionen der Ausstellung


 

Deutsch-französisches Kirchturmdenken

 

1814 wurden alte Pläne wieder aufgefunden. Nun machten sich die Gotik-begeisterten Romantiker für die Vollendung stark: als Symbol für Deutschlands künftige Einheit durch invention of tradition. 1842 legte Preußens König den Grundstein für den Weiterbau mit moderner Technik. 1880 war der Dom endlich fertig – und mit 157 Metern vier Jahre lang das höchste Gebäude der Welt. Es übertraf um sechs Meter die Kathedrale von Rouen; deren Turmspitze war drei Jahre zuvor ebenfalls als nationale Kraftanstrengung errichtet worden.

 

Die deutsch-französische Rivalität ist längst unverbrüchlicher Freundschaft gewichen. Also richten die ehemaligen Höhenrekord-Jäger diese Kathedralen-Besichtigung gemeinsam aus: Die Ausstellung war erst in Rouen zu sehen und kam dann nach Köln. Aber wie das mit Partnerschaften eben so ist ... sie neigen zur Exklusivität, die andere ausschließt. Solches Kirchturmdenken prägt auch diese Schau: Trotz 180 Exponaten bleibt ihr Blickwinkel eng.

 

Südeuropas Kathedralen fehlen

 

Gezeigt werden fast nur Darstellungen gotischer Kathedralen in Deutschland und Frankreich. Da ist John Constables Bild der Bischofskirche im englischen Salisbury schon ein Exot. Südeuropäische Kathedralen – Italiens wunderbare Renaissancebauten und Spaniens wuchtige Barockkirchen – fehlen völlig. Wie die detailreichen Innenansichten von Kirchen aus den Niederlanden im 17. Jahrhundert.

 

Es geht ausschließlich um die Wiederentdeckung gotischer Baukunst dies- und jenseits des Rheins ab 1800. Das aber umfassend; samt etlichen banalen Postkarten-Ansichten und manch süßlichem Klerikal-Kitsch. Oder mannshohen Repräsentations-Ölschinken, die vermutlich das Domkapitel oder der Stadtrat bestellt haben.

 

28 Ansichten der Fassade von Rouen

 

Etwa in den zwei Räumen, die allein dem Kölner Dom gewidmet sind; soviel Tribut an den übermächtigen Nachbarn muss sein. Neben interessanten Grafiken vom Torso vor der Zeit des Weiterbaus hängt eine voluminöse Bastelarbeit von Stefan Balkenhol: ein Panorama-Relief aus bemaltem Holz. Derlei führen die Souvenir-Shops vor der Kirche in handlicherer Ausführung.

 

Auch die Kathedrale von Rouen hat ihren großen Auftritt, zudem von künstlerischem Weltrang: mit vier der 28 Ansichten, die Claude Monet von der Fassade malte. Die Serie demonstriert, wie verschieden ein Sujet bei unterschiedlichem Licht und Wetter wirken kann – was Monet und dem Impressionismus allgemein Durchbruch und Anerkennung einbrachte. Im selben Saal wird augenfällig, wie die Pointillisten dieses Prinzip zu Tode ritten: Ein Dutzend bonbonbunter Bilder von Notre Dame und anderen Gotteshäusern taugt allenfalls als Poster-Vorlage.

 

Ein Raum für Rheims-Zerstörung

 

Überhaupt wird deutlich, wie die schönsten Türme, Spitzbögen und Rosetten auf Dauer ermüden, wenn sie x-fach wiederholt werden; ein Grundproblem jeder monothematischen Ausstellung. Zumal die Kuratoren auf Erläuterungen der wichtigsten Stilmerkmale gotischer Kathedralen verzichten – von Belang sind nicht sie selbst, nur die Bilder von ihnen.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Der Naumburger Meister" über den Bildhauer und Architekt im Europa der Kathedralen in Naumburg/Saale.

 

und hier eine Besprechung des Dokumentarfilms "Sagrada – Das Wunder der Schöpfung" von Stefan Haupt über den Bau der Kathedrale Sagrada Familia in Barcelona

 

und hier einen Beitrag über den Dokumentarfilm "Kathedralen der Kultur (3D)" von Wim Wenders + fünf Regisseuren über sechs Kultur-Institutionen.

 

Und die deutsch-französische Freundschaft: Die Zerstörung der Kathedrale von Rheims, in der Frankreichs Könige gekrönt wurden, durch Truppen des Kaisers im September 1914 ist der Ausstellung einen eigenen Saal wert. Denn Beuys-Schüler Imi Knoebel fertigte 2011 sechs abstrakte Kirchenfenster für Rheims an; Ende gut, alles gut.

 

Volkspädagogische Zwangsjacke

 

Natürlich lassen sich auch überraschende Variationen finden; vor allem in der klassischen Moderne, als Künstler freier mit dem Thema umgingen. Etwa vibrierende Gewölberippen von Robert Delaunay, eine bauchig pulsierende „Kathedrale von Rheims“ des Rheinländers Heinrich Maria Davringhausen oder ein psychedelisch sprühendes Kirchenschiff vom wenig bekannten Kosmos-Expressionisten Wenzel Hablik. Doch insgesamt wirkt die Auswahl eher eintönig.

 

Was an selbst gewählten Vorgaben liegen dürfte: Alles abseits der Rheinschiene entfällt, alles vor der (Neo-)Gotik-Renaissance im 19. Jahrhundert gleichfalls. Der Lokalstolz der Ausstellungsorte soll ebenso zur Geltung kommen wie etwas abgestandenes deutsch-französisches Versöhnungspathos. Fertig ist die volkspädagogisch wertvolle Zwangsjacke.

 

Zuerst in den Dom gehen

 

Kathedralenbau im Mittelalter war jedoch das Gegenteil davon: himmelwärts Streben mit heißem Bemühen, trial and error, ohne genaue Berechnung und genügend Mittel, aber mit ganzer Hingabe einer Gemeinschaft voller Gottvertrauen, dass sich alles Nötige irgendwann finden werde. Diesen Geist würde man den Ausstellungsmachern wünschen: Vielleicht hätten sie zuerst in den Dom gehen und ein Licht anzünden sollen.


Diesen Artikel drucken