Valeria Bruni Tedeschi

Die süße Gier – Il Capitale Umano

Na, dann Prost! Carla Bernaschi (Valeria Bruni Tedeschi) und ihr Mann Giovanni (Fabrizio Gifuni) stoßen auf ihren Erfolg an. Foto: Movienet Film

(Kinostart: 8.1.) An der Familie hängt, zur Familie drängt doch alles: Ohne sie kommt in Italien auch Turbokapitalismus-Kritik nicht aus. Regisseur Paolo Virzì mischt noch Generationen-Konflikte hinein – womit er seinen Film sichtlich überfrachtet.

Was für ein Titel! „Die süße Gier“ – das klingt nach evangelikaler Erweckungs-Broschüre, die vor Satans verderblichen Einflüsterungen warnt; mit Verhaltens-Rezepten und Seelentröstungen für schlichte Gemüter. Oder will der Verleih auf diese Weise die Fans von Fellinis Klassiker „Das süße Leben“ (1960) anlocken?

 

Info

 

Die süße Gier –
Il Capitale Umano

 

Regie: Paolo Virzì,

111 Min., Italien/ Frankreich 2013;

mit: Valeria Bruni Tedeschi, Fabrizio Bentivoglio, Matilde Gioli

 

Weitere Informationen

 

Der italienische Originaltitel lautet „Il Capitale Umano“; nach dem gleichnamigen Roman des US-Schriftstellers Stephen Amidon, der als Vorlage diente. „Humankapital“ klingt seelenlos technokratisch, aber auch diffus bedrohlich – und bezieht sich hier auf die Versicherungssumme für Verstorbene. Das wird dem Film eher gerecht, der mannigfache Handlungsstränge miteinander zu verflechten versucht; was ihm nicht sonderlich bekommt.

 

Von Connecticut nach Brianza

 

Regisseur Paolo Virzì verlegt Amidons Geschichte aus Connecticut in die wohlhabende norditalienische Provinz Brianza. Zudem erzählt der Film das Geschehen nacheinander aus der Sichtweise von drei Akteuren; am Ende runden sich die drei verschiedenen Perspektiven zu einer in sich schlüssigen Fabel. Der Aha-Effekt hält sich aber in Grenzen.


Offizieller Filmtrailer


 

Geld weg, Theater weg, Radler tot

 

Immobilienmakler Dino Ossola (Fabrizio Bentivoglio) ist einer jener Geschäftemacher, deren Ehrgeiz ihre Fähigkeiten weit übersteigt. Da seine Tochter Serena (Matilde Gioli) mit Massimiliano liiert ist, dem Sohn des stinkreichen Finanzjongleurs Giovanni Bernaschi, will Dino ein großes Rad drehen. Er wanzt sich an Giovanni heran und kauft sich in dessen Investment-Fonds ein – auf Pump. Als die Anlagemodell fehlschlägt, steht Dino vor dem Ruin.

 

Davon bekommt Carla Bernaschi (Valeria Bruni Tedeschi) wenig mit; Giovannis Gattin langweilt sich in ihrer Luxus-Existenz. Als die Ex-Schauspielerin ein verwaistes Theater aufkauft und wiederbelebt, blüht sie auf – und vernascht den Intendanten in spe. Doch ihr zweiter Frühling währt nicht lang: Ihr Mann wandelt den Theaterbau in Appartements um, weil er Geld braucht. Und ihr Filius gerät in Verdacht, einen Radler tot gefahren zu haben; davon will ihn Mama mit aller Kraft reinwaschen.

 

Genug Personal + Motive für telenovela

 

Wodurch die Polizei auf Serena aufmerksam wird: Sie war in der Unfallnacht an Massimilianos Seite, obwohl sie zuvor mit ihm Schluss gemacht hatte. Denn ihr Herz gehört dem eigenwilligen Luca. Der ist künstlerisch ambitioniert, aber gesellschaftlich kaum vorzeigbar; sein Onkel dealt mit Drogen und spannt den Neffen dafür ein. Zudem war Luca mit von der Landpartie, als der verhängnisvolle Zwischenfall geschah.

 

Drei Hauptpersonen, drei Blickwinkel, dazu etliche weitere Figuren: Mit so viel Personal ließe sich leicht eine längere telenovela füllen. Genug Motive für mehrere Staffeln sind ebenfalls parat: Habgier, Skrupellosigkeit, Frustration, Fremdgehen, Familiensinn, Loyalitätskonflikte und Verbrechen wider Willen. Und das alles nur wegen fallender Börsenkurse und Trunkenheit am Steuer.

 

Webmuster wirkt arg konstruiert

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “La Grande Bellezza – Die große Schönheit” – Oscar-prämiertes Porträt eines gealterten Dandys in Rom von Paolo Sorrentino

 

und hier einen Bericht über den Film „Die Einsamkeit der Primzahlen“ über Jugendliebe in Italiens Bourgeoisie von Saverio Constanzo

 

und hier ein Interview mit Tilda Swinton über ihren Film „I am Love“ von Luca Guadagnino und die Welt der Superreichen in Italien.

 

Er habe sich beim Drehen wie in der Comédie humaine von Honoré de Balzac gefühlt, berichtet Regisseur Virzì. Allerdings breitete der französische Romancier sein Gesellschafts-Panorama des 19. Jahrhunderts über Tausende von Buchseiten aus, während der Filmemacher in knapp zwei Stunden fertig sein muss. Da geht alles ganz fix: In fast jeder Szene werden neue Akteure eingeführt, Themen angerissen und miteinander verknüpft, um nur ja keine Fäden zu verlieren. Doch das Webmuster wirkt arg konstruiert.

 

Keiner Figur ist genug Zeit vergönnt, um glaubwürdig eine Entwicklung durchzumachen. Stattdessen hecheln sie den sich überschlagenden Ereignissen hinterher, wobei sie ständig andere Haltungen verkörpern sollen: eben noch geldgeiler Spekulant, jetzt treu sorgender Familienvater; eben noch zynisches society-Liebchen, jetzt kunstsinnige Muse usw.

 

Aus einem Film mach drei

 

Da helfen auch durchweg gute Schauspieler-Leistungen und die temporeiche Inszenierung wenig. Dieser Film will zuviel gleichzeitig sein – Turbokapitalismus-Kritik, Milieu-Studie, Generationenkonflikt-Drama – und tippt alles nur an. Regisseur Virzì hätte ihn besser in seine Bestandteile zerlegen und diese separat verfilmen sollen; wie Balzac seine Romane schrieb.


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