Damian John Harper

Los Ángeles

Mateo (Mateo Bautista Matías) beim Rodeo-Reiten. Foto: Yvette Cruz, © Weydemann Bros., Fotoquelle: Farbfilm Verleih

(Kinostart: 29.1.) Die Stadt der Engel als Sehnsuchts-Ort: Ein junger Mexikaner will in Kalifornien viel Geld verdienen – doch die örtliche Gang durchkreuzt seine Pläne. Regisseur Harper zeigt Latino-Landleben mit Laiendarstellern und viel Sympathie.

Oft machen Kleinigkeiten den entscheidenden Unterschied aus: „Los Ángeles“ heißt der Debütfilm des US-Ethnologen und Regisseurs Damian John Harper. Der Akzent über dem „A“ ist kein Tippfehler, sondern die spanische und somit ursprüngliche Schreibweise für die „Stadt der Engel“.

 

Info

 

Los Ángeles

 

Regie: Damian John Harper,

97 Min., Mexiko/ Deutschland 2014;

mit: Mateo Bautista Matías, Marcos Rodríguez Ruíz, Lidia García

 

Weitere Informationen

 

Los Ángeles, 1781 von spanischen Siedlern gegründet, gehörte wie das restliche Kalifornien zu Mexiko, bis die Region nach dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg 1848 an die USA fiel. Heute stammt rund die Hälfte der Angelenos aus Lateinamerika, mit steigender Tendenz. Bald wird L.A. mehr spanisch- als englischsprachige Einwohner haben.

 

Was Wanderarbeiter antreibt

 

Vor allem aus Mexiko strömen unablässig Zuwanderer in die Metropole; daran verdienen Schleuser-Banden ein Vermögen. Davon handeln zahlreiche Genrefilme – aber die wenigsten schildern die Ursachen, die viele Latinos zur illegalen Einwanderung in die USA treiben.


Offizieller Filmtrailer


 

Weg aus dem verarmten Provinznest

 

Nach seinem Anthropologie-Studium hat Regisseur Harper ein Jahr lang in dem kleinen südmexikanischen Dorf Santa Ana del Valle gearbeitet und dort Freundschaften geschlossen. Seine Erfahrungen flossen nicht nur in das Drehbuch zu „Los Ángeles“ ein; der Film wurde auch dort komplett gedreht und mit Laiendarstellern besetzt.

 

Santa Ana del Valle ist eines von zahllosen Nestern in der mexikanischen Provinz, die völlig verarmt sind. Um ihre Familien finanziell zu unterstützen, wandern etliche Männer illegal in die USA aus; viele von ihnen suchen Arbeit im Großraum von Los Angeles. Dort finden sie meist alles andere als das vermeintlich gelobte Land.

 

Gang-Mitglied erst nach drei Mutproben

 

Auch der Vater des 16-jährigen Mateo (Mateo Bautista Matías) ging vor Jahren nach Norden; seit langer Zeit hat er nichts mehr von sich hören lassen. Deshalb soll ihm jetzt Mateo folgen. Er hat gehört, man habe in L.A. kaum Überlebenschancen, wenn man dort nicht einer gang angehöre. Also schließt er sich in seinem Dorf einer heimischen Bande an, da diese angeblich Kontakte in diese Stadt hat. Ihr Erkennungszeichen sind drei eintätowierte Punkte im Handrücken.

 

Um vollwertiges gang-Mitglied zu werden, muss sich Mateo von der übrigen Gruppe verprügeln lassen. Auch lässt er sich überreden, die Kirche der kleinen Gemeinde zu bestehlen. Als er aber ein Mitglied einer rivalisierenden Bande erschießen soll, weigert er sich – womit er den Zorn des Anführers auf sich zieht. Er will den Neuling bestrafen, doch zuvor bricht sich Mateo beim Rodeo der alljährlichen Fiesta ein Bein. An seiner Stelle soll nun sein Bruder gen USA aufbrechen; damit gerät er ebenfalls ins Fadenkreuz der Kriminellen.

 

Wie in Kafkas Novelle „Vor dem Gesetz“

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Heli“ – eindringliches Drogenkriegs-Drama aus Mexiko von Amat Escalante; Beste Regie in Cannes 2013

 

und hier einen Bericht über den Film Miss Bala von Gerando Naranjo über Opfer des Drogen-Kriegs in Mexiko

 

und hier einen kultiversum-Beitrag zum Film “Sin Nombre” von Cary Fukunaga über Armutsflüchtlinge aus Mittelamerika.

 

Während der gesamten Handlung verlassen alle Protagonisten kein einziges Mal mexikanischen Boden. So wird der Name des ersehnten Reiseziels im Filmtitel zum gleichsam kafkaesken Symbol: Wie ein Bittsteller in Kafkas Novelle „Vor dem Gesetz“ sein Leben lang vergeblich den Zugang zum Rechts-Raum sucht, so sind in „Los Ángeles“ alle Versuche fruchtlos, dorthin zu kommen.

 

Davon abgesehen ist der Film jedoch sehr geerdet; seine große Stärke liegt gerade in unprätentiösem Realismus. Mit locker geführter Handkamera folgt Regisseur Harper seinen Akteuren, die sich meist selbst spielen. Motiviert von anthropologischem Eifer und Sympathie, zeigt der Filmemacher ihren Alltag, Feste und Fehden, Lachen und Leiden, aufkeimende Liebe und tiefste Verzweiflung.

 

Held + Film treten auf der Stelle

 

Über weite Strecken ist das eher ein genau beobachtetes Sozial- als ein Flüchtlings-Drama, als das der Film vermarktet wird. Was kein Manko ist: Die bodenständigen bis leicht schrulligen Charaktere wachsen einem schnell ans Herz. Etwa Mateos störrischer Onkel, der sich nach seiner Rückkehr aus den USA wieder in der alten Heimat zurechtfinden muss. Auch mit dem jungen Hauptdarsteller fiebert man mit. Selbst wenn er öfter auf der Stelle tritt – genauso wie die Dramaturgie des Films.


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