Rostock

Norbert Bisky – Zentrifuge

Norbert Bisky: Alles wird gut, 2009-11, Öl auf Leinwand, 280 x 500 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2014, Foto: Bernd Borchardt. Fotoquelle: Kunsthalle Rostock

Wenn malerisch die Fetzen fliegen: Seine homoerotisch grundierten Jünglinge liefert Norbert Bisky nun den Fliehkräften aus. Das verleiht diesem Bilder-Kosmos enorme Dynamik, zeigt seine erste institutionelle Einzelausstellung in der Kunsthalle.

Die Liberalen, die sich selbst Freie Demokraten nennen, hübschen ihr Partei-Logo mit der Telekom-Farbe Magenta auf. Und die FDP-blonden Jünglings-Schöpfe auf Norbert Biskys frühen Erfolgsgemälden sind dunkleren Wuschelköpfen gewichen. Der Lieblingsmaler von Guido Westerwelle versucht offenbar, alte Wahrnehmungs-Klischees über sein Werk abzuschütteln. Er hat seine Bild-Sujets in die „Zentrifuge“ geworfen und sich rundum erneuert. Als freier Künstler muss er ja auch keine Fünf-Prozent-Hürden überwinden.

 

Info

 

Norbert Bisky – Zentrifuge

 

16.11.2014 – 15.02.2015

täglich außer montags

11 bis 18 Uhr

in der Kunsthalle, Hamburger Str. 40, Rostock

 

Katalog 28 €

 

Weitere Informationen

 

Die gleichnamige Ausstellung in der Kunsthalle Rostock ist derzeit die Schwerkraft, die Biskys Kunst am Zerstieben in alle Richtungen hindert. Hier wird der Kosmos des Malers zwischen Anziehungs- und Abstoßungs-Kräften etwas gebändigt. In seinen Gemälden treiben die Körper nämlich mit Macht auseinander, fallen Gebäude in sich zusammen, und malerisch fliegen förmlich die Fetzen.

 

Wie Bilder zu Gemälden werden

 

Angesichts von Norbert Biskys Popularität mag man es kaum glauben, und doch: Die Kunsthalle richtet dem 44-Jährigen die erste institutionelle Einzelausstellung aus. Endlich wird sein Werk also umfassender dargestellt. Denn bislang wird Biskys gegenständliche Malerei – ihrem Realismus geschuldet – hauptsächlich über ihre Motive wahrgenommen. Die Kunsthalle will aber darüber hinaus zeigen, wie Bilder in seiner Arbeit zu Gemälden werden.


Interview mit Norbert Bisky + Kuratorin Dorothée Brill + Impressionen der Ausstellung; © NDR


 

Traumkörper + geschundenes Fleisch

 

Als Schüler von Georg Baselitz an der damaligen Hochschule der bildenden Künste (heute: UdK) in Berlin hat Bisky dessen Maxime verinnerlicht, dass in der zeitgenössischen Malerei die Bilder aus anderen Bildern entstehen. Seine Arbeiten sind weder realistische noch surreale, sondern neue, autonome Bildwirklichkeiten. In diese Bilderzeugungs-Zentrifuge fließt das kollektive Bildgedächtnis ebenso ein wie persönliche Erinnerungen, Medienbilder, Träume und Klischees. Diese gefundenen Bilder aus diversen Quellen konserviert er in Öl auf Leinwand.

 

Biskys Hauptmotiv ist weiterhin der menschliche, meist der männliche Körper; der begehrte Leib oder Traumkörper, aber auch das geschundene Fleisch. Ein Bewegungs-Apparat, der nach Halt sucht. Ein Körper, der als Projektionsfläche für Gefühle und Affekte dient.

 

Leinwand-Schlieren wie literweise Ejakulat

 

Einige Besucher der Ausstellung zeigen sich neugierig schaulustig, andere hinter vorgehaltener Hand noch schamhaft entrüstet. Doch Bisky will weiter. Er sprengt die figurativen Elemente mit abstrakten Formen und Farben. Die schönen Leiber werden von Klecksen und wilden Pinselschwüngen attackiert; alles scheint sich in ungegenständliche Ornamente zu verwandeln.

 

Bekannt wurde Bisky Anfang der 2000er Jahre mit Gemälden strahlend blonder Burschen, die mit modellierter Muskulatur und knappen Sporthosen an die Athleten im Olympia-Film von Leni Riefenstahl erinnerten. Sie bevölkerten plötzlich eine so genannte „Neue deutsche Malerei“ und gaben sich ihrer sexualisierten Körperlichkeit hin. Die Bilder ließen sich homoerotisch lesen: Weiß grundierte und schlierenartig freigelassene Leinwände sahen aus, als sei literweise Ejakulat über die schwülen Szenen gekleckert.

 

Installation als Kulissen-Landschaft der Zitate

 

Derlei ironisiert der Künstler mittlerweile; lieber widmet er sich dem Exorzismus der Bilder in seinem Kopf. Früher setzte sich der Sohn des ehemaligen „Die Linke“-Vorsitzenden Lothar Bisky mit seinem Aufwachsen in der DDR auseinander. Er verarbeitete den Tod seines Bruders Stephan wie den Terroranschlag 2008 auf das Hotel „Taj Mahal“ in Mumbai, den er persönlich miterlebte. Und er bediente sich in der Kunstgeschichte von Goya bis David Hockney, von Manierismus bis Pop.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „BubeDameKönigAss“ mit Bildern der zeitgenössischen Maler Martin Eder, Michael Kunze, Anselm Reyle + Thomas Scheibitz in der Neuen Nationalgalerie, Berlin 

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Dresdener Paraphrasen“ mit Malerei + Grafik von Gert & Uwe Tobias im Kupferstich- kabinett Dresden + der CFA-Galerie, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Verwandlung der Götter” mit Werken von Michael Triegel, Hauptvertreter der “Leipziger Schule“, im Museum der bildenden Künste, Leipzig.

 

Neuerdings erweitert Bisky seine Malerei auch um andere Techniken. Er arbeitet mit Collagen, bei denen er seine Motive in der Fläche zerstückelt. Und dreidimensional: Den Lichthof der Kunsthalle füllt eine begehbare Installation, die er gemeinsam mit dem Musiker Henrik Schwarz entwickelt hat – eine Kulissen-Landschaft der Zitate.

 

Matratzenlager wie von Tracey Emin

 

In der Mitte ragen weiß in weiß Bruchstücke wie aus Caspar David Friedrichs ikonischem Gemälde „Das Eismeer“ hoch. In einer Ecke steht ein ramponiertes Biwak; darin ein Matratzenlager und verstreute Kleidung, als sei Tracey Emin – die 1999 mit einem ungemachten Bett samt blutverschmierter Wäsche für den Turner Prize nominiert wurde – zu einer Nordpol-Expedition aufgebrochen.

 

Aus dem Eisberg ragt ein Mast. Daran setzt sich alle paar Minuten ein weißes Etwas in Bewegung: Es lässt wie eine Mischung aus drehendem Derwisch und Minarett-Lautsprecher eine babelzüngige Klangcollage ertönen, die mitunter zu einem tanzbar basslastigen Sound mutiert. Auf diese Weise wird die Zentrifugalkraft, die Biskys Gemälde durcheinander wirbelt, sinnlich direkt spürbar.

 

Die Bilder wirken!

 

Diese Kraft reißt heraus aus einer Malerei, die bei allen inhaltlichen Veränderungen sich trotzdem selbst ähnlich bleibt; die aggressiv und intensiv auf die Netzhaut wirkt, so dass in diesem dreidimensionalen Weißraum ein nur langsam abklingendes Nachbild bleibt. So erzeugt Bisky am Ende des Rundgangs eine Art wahrnehmungsphysiologische Metapher seines Kunstverständnisses. Und man muss bekennen: Die Bilder wirken!


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