Cheyenne Picardo

Remedy

Remedy (Kira Davies) läßt sich von einem Kunden fesseln. Foto: Dejavu Film

(Kinostart: 22.1.) Alice in Dominaland: US-Regisseurin Cheyenne Picardo verfilmt eigene Erfahrungen als Herrin und Sklavin in SM-Studios. Der wirre Job-Alltag eines asexuellen Girlies in selbstgebastelten Kulissen macht Lust auf Keuschheits-Gelübde.

„Über Sex kann man nur auf Englisch singen“, mahnten Tocotronic schon 1995 auf ihrem Debütalbum: „Denn allzu leicht könnt’s im Deutschen peinlich klingen.“ Diese Sorge muss die New Yorker Jung-Filmemacherin Cheyenne Picardo nicht plagen: Ihre Darsteller sprechen breiten NYC slang. Dennoch wirkt „Remedy“ so peinlich wie die meisten deutschen Autorenfilme zum Thema Sadomaso-Sex: von „Verführung: Die grausame Frau“ (1985) bis „Top Girl“, der soeben ins Kino kam.

 

Info

 

Remedy

 

Regie: Cheyenne Picardo,

119 Min., USA 2013;

mit: Kira Davies, Ashlie Atkinson, Monica Blaze Leavitt

 

Englische Website zum Film

 

Der Regisseurin schwebt ein guter, alter Enthüllungs-Reißer vor: wie es in der BDSM-Szene wirklich zugeht. Überflüssig zu betonen, dass sie eigene Erfahrungen verarbeitet; um ihr Studium zu finanzieren, schaffte Picardo eineinhalb Jahre lang in einem Domina-Studio an. Wie ihre Titelheldin (Kira Davies): Kontextlos taucht sie in der U-Bahn auf und fährt zum Studio. Außer dass sie irgendwo eine karge Studenten-Bude bewohnt, erfährt man zwei Stunden lang nichts über sie.

 

Schräge Vögel beiderlei Geschlechts

 

Erste Arbeitstage sind wohl überall gleich: Die Chefin weist ein und gibt sich freundlich, die Kolleginnen checken die Neue ab und reißen blöde Witze. Remedy ist im low cost-Segment der Branche gelandet: Das SM-Etablissement entpuppt sich als verwinkelte, schäbig eingerichtete Wohnung. Geführt von aufgeschwemmten Matronen mit langer Rotlicht-Karriere, bevölkert von schrägen Vögeln beiderlei Geschlechts.


Offizieller Filmtrailer


 

SM-Spielzimmer im elterlichen Pferdestall

 

Im Aufenthaltsbereich für Damen, die auf Kundschaft warten, geht es zu wie im Pausenraum einer Schule: Alle lümmeln herum, öden sich an oder plappern aufgekratzt durcheinander. Die Spielzimmer für die SM-sessions sehen selbstgebastelt aus, und das sind sie auch; diese Szenen hat Regisseurin Picardo im umgebauten Pferdestall ihrer Eltern aufgenommen.

 

Los geht’s mit einem Anti-Klimax: einer Parade von Kaputtniks mit seltsamen Vorlieben. Der erste Kunde will eine Zahnarzt-Behandlung simulieren und schläft bei Fußmassage ein. Der zweite bucht Remedy als Sekretärin, um seine wirren Ideen aufzuschreiben – er will etwa unerwiderte Liebe verbieten lassen. Der dritte hat keine Ahnung, was er will; der vierte muss seiner Nachwuchs-Herrin erst einmal beibringen, wie man Fesseln richtig verknotet.

 

Perverser Neofolk im Schwarzlicht-Keller

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Venus im Pelz“ – meisterhaftes Dialog-Duett von Roman Polanski nach Leopold Sacher-Masoch

 

und hier einen Beitrag über den Film Feuchtgebiete – gelungene Verfilmung des Erotik-Bestsellers von Charlotte Roche durch David Wnendt

 

und hier einen Bericht über den Film “Guilty of Romance” – brillanter japanischer Erotik-Psycho-Thriller unter Huren in Tokio von Sion Sono.

 

Nach einer halben Stunde fader Unterleibs-Gags kommt der Film zur Sache: Remedy stellt sich Sadisten als Sklavin zur Verfügung. Und Regisseurin Picardo entfesselt ihre Kamera: unscharfe Naheinstellungen, unmotivierte Überblendungen und split screens, untermalt von denkbar unpassender Musik. Fetisch- und SM-Freunde hören in Schwarzlicht-Kellern alles Mögliche von Ibiza House bis Metal, bloß keinen zarten low-fi Neofolk. Das ist pervers.

 

Aber zur Hauptfigur passt es. Mager und zerbrechlich trippelt Kira Davies mit Kulleraugen und Schmollmund wie ein unbedarftes baby doll umher, das sich verlaufen hat: Alice in Dominaland. Keine Sekunde lang wird deutlich, ob und welche erotischen Neigungen sie hat, was sie an BDSM interessiert und warum sie diesen Job ausübt. Nur, dass er sie völlig überfordert: Schon die Brustwarzen eines Kunden zu lecken, widert sie an. Wenig später lässt sie angestautem Männerhass freien Lauf – und fliegt folgerichtig raus.

 

Hässliche Menschen tun hässliche Dinge

 

Mit ihrer asexuellen girlie-Ausstrahlung ist Davies eine glatte Fehlbesetzung: Wer würde sich von einem Backfisch dominieren lassen, der fleischfarbene Billig-Slips trägt? Natürlich kann Regisseurin Picardo geltend machen, dass es derlei gibt: ranzige SM-Bordelle für kleines Geld, in denen hässliche Menschen lustlos hässliche Dinge tun. Doch dem sinnlichen Reiz und emotionalen Preis sexueller Praktiken kommt man kaum in ihrer unattraktivsten Spielart auf die Spur. Die Freude am Fahren entdeckt man ja auch nicht am Steuer eines schrottreifen Trabant.


Diesen Artikel drucken