Damián Szifrón

Wild Tales – Jeder dreht mal durch!

Die Situation auf der Straße eskaliert und Mario (Walter Donaldo) sinnt auf Rache. Foto: © 2014 PROKINO Filmverleih GmbH

(Kinostart: 8.1.) Wenn Normalos ausrasten: In sechs Episoden malt Regisseur Damián Szifrón skurrile Rachefantasien bis zum Anschlag aus. Seine rabenschwarze, pointiert amüsante Komödie ist der erfolgreichste argentinische Film aller Zeiten.

In den letzten 20 Jahren hat sich Argentinien zu einem der aufregendsten Filmländer Lateinamerikas entwickelt; trotz oder gerade wegen der unruhigen politischen Lage. Korruption und Bürokraten-Willkür sind an der Tagesordnung, man wurschtelt sich so durch. Irgendwann müssen Frustration und Wut darüber einmal raus. Davon handelt Damián Szifróns Film – so pointiert und universell, dass er als heißer Kandidat für den Auslands-Oscar gilt. Immerhin war er in Argentinien mit 3,3 Millionen Zuschauern der größte heimische Kino-Erfolg aller Zeiten.

 

Info

 

Wild Tales –
Jeder dreht mal durch!

 

Regie: Damián Szifrón,

122 Min.,  Argentinien/ Spanien 2014;

mit: Ricardo Darín, Darío Grandinetti, Oscar Martinez

 

Website zum Film

 

Der Film erzählt sechs in sich geschlossene „wilde Geschichten“. In der ersten Episode „Pasternak“ stellen  Passagiere eines Flugzeugs fest, dass sie alle einen gemeinsamen Bekannten haben; jener Pasternak ist ein äußerst unleidlicher Geselle. In „Die Ratten“ bedient Kellnerin Moza (Julieta Zylberberg) einen ganz speziellen Gast: Es ist der Kredithai, der einst ihre Eltern in den Ruin und den Vater in den Selbstmord trieb. Der abgeklärten Köchin (Rita Cortese) fällt daraufhin nicht zufällig die Schachtel mit dem Rattengift in die Hände.

 

Straße zur Hölle im Nirgendwo

 

Die „Straße zur Hölle“ ist eine gewöhnliche Landstraße im Nirgendwo, die den schnöseligen Geschäftsmann Diego (Leonardo Sbaraglia) mit seinem teuren Neuwagen ziemlich in die Irre führt. Man sollte sich besser nicht mit schlagkräftigen Dorfproleten anlegen, auch wenn sie noch so langsam fahren, denn die Strecke ist voller Tücken.


Offizieller Filmtrailer


 

Mit Knalleffekt in den Knast

 

Von denen des Alltags kann Sprengstoff-Experte Simon (Argentiniens Filmstar Ricardo Darín) in „Bombita“ ein Lied singen: Sein Auto wird mehrmals grundlos von der Polizei abgeschleppt, weshalb er die Geburtstagsfeier seiner Tochter verpasst und gehörig Ärger mit der Ehefrau bekommt. Aber das lässt er nicht auf sich sitzen; selbst wenn er dafür in den Knast kommt.

 

Dort einsitzen soll auch ein Angestellter des schwerreichen Industrie-Magnaten Mauricio (Oscar Martinez) für dessen Sohn, der im Suff eine schwangere Frau totgefahren hat. Mauricio will in „Die Rechnung“ seinen Gärtner José mit einer hohen Summe dazu überreden, die Schuld am Unfall auf sich zu nehmen; doch José erweist sich als cleverer als gedacht.

 

Rache-Orgie auf der Hochzeitsfeier

 

Das gilt ebenso für die frisch verheiratete Romina (Erica Rivas) in „Bis dass der Tod uns scheidet“: Ausgerechnet auf ihrer Hochzeitsfeier entdeckt sie, dass ihr Ehemann Ariel sie mit einer Kollegin betrogen hat, mit der er immer noch liebäugelt. Romina schwört furios Rache, und mit dem fröhlichen Fest ist es schnell vorbei.

 

Ausnahmsweise trifft der deutsche Verleih-Titel den Nagel auf den Kopf: Jeder muss einmal angestauten Frust loswerden. Regisseur Szifrón zeigt, was passiert, wenn Durchschnittsbürger ihre Wut zügellos, konsequent und teilweise bis zum Exzess ausleben. Zwar gibt es keine direkte Verbindung zwischen den einzelnen Episoden; man könnte auch von einer Film-Anthologie sprechen.

 

Jedermanns Gewaltfantasien ausagieren

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Episoden-Films Paulista von Roberto Moreira über Liebesglück und -leid von Großstädtern in São Paulo

 

und hier einen Beitrag über den Film Medianeras von Gustavo Taretto über argentinische Singles auf Partnersuche

 

und hier einen kultiversum-Bericht über das Multimedia-Festival „Über Wut/ On Rage“ im Haus der Kulturen der Welt, Berlin.

 

Doch ihr Bindeglied ist das Verhalten der Figuren in einer Extremsituation. Sie stellen fest, dass Reden, Verhandeln und Vermittlungsversuche nichts mehr helfen; dann verlieren sie ihre Selbstkontrolle. Alle Konventionen missachtend, schwelgen sie in der Lust an Rache, Vergeltung und Zerstörung – was teilweise unglaublich komisch anzusehen ist.

 

„Wir leben in einer Gesellschaft, die es uns nicht erlaubt, einfach nur wir selbst zu sein“, sagt Damián Szifrón. Er lässt seine Figuren stellvertretend für den Zuschauer über sich hinauswachsen und Gewaltfantasien ausagieren, wie sie wohl jeder schon einmal hatte: besonders deutlich auf der „Straße zur Hölle“, wo der alltägliche Kampf im Verkehr bis zum bitteren Ende ausgetragen wird. Aber auch der von Behördenwillkür gebeutelte Sprengmeister „Bombita“ lässt es am Ende so richtig knallen, was alle schon einmal machen wollten. Nur hat er die richtige Ausrüstung dafür.

 

Teuflisch gutes Kinovergnügen

 

Doch Regisseur Szifrón geht es nicht nur um die Entfremdung des zivilisierten Menschen von seinen destruktiven Gefühlen. In „Die Rechnung“ kommentiert er auch die argentinische Klassengesellschaft: Recht und Gesetz hängen nur vom Geldbeutel ab; das einfache Volk wird als dumme, leicht käufliche Verfügungsmasse angesehen.

 

„Wild Tales – Jeder dreht mal durch!“ ist raffiniert böse, zynisch, brutal und dabei äußerst amüsant, weil punktgenau und effektsicher gefilmt und geschnitten. Ein wahrhaft kathartisches, teuflisch gutes Kinovergnügen, das den Wahnsinn des Alltags für eine kurze Weile erträglicher macht. Nachahmung ist aber nur sehr eingeschränkt zu empfehlen.


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